Dortmund in der Nostalgie-Falle

Favres Siege werden schneller vergessen als Klopps Niederlagen

Favre könnte man einige Vorwürfe machen: Seine Mannschaft findet im letzten Drittel immer seltener den direkten Weg. Sie lässt sich nach einer Führung zu weit zurückfallen und die nötige Aggressivität vermissen. Sie wirkt überfordert bei Standardsituationen. Sie ist anfällig über die Außenbahnen. Ein Neuzugang wie Julian Brandt kam überhaupt noch nicht zur Entfaltung.

All diesen Kritikpunkten muss sich Favre stellen, einem aber nicht: Dass er nicht Jürgen Klopp ist. Und es auch nicht werden wird. Er wird nicht an der Seitenlinie herumsprinten und nicht die Meisterschaft als Ziel ausrufen. Um es mit ihm selbst zu sagen: Das ist klar.

Dortmund will zwanghaft 2011 neu auflegen

Den von Klopp postulierten »Vollgas-Fußball« allerdings konnten die Fans auch bei Favre bestaunen. Nicht nur in der vergangenen Saison, sondern auch beim mutigen Auftritt gegen Barcelona und der Gala gegen Leverkusen. Das ist gerade einmal einen Monat her. Doch Favres Siege werden schneller vergessen als Klopps Niederlagen.

In Dortmund müssen sie nun aufpassen, dass der Nostalgie-Zuckerguss nicht den Blick aufs sportliche Geschehen verklebt. Der BVB hat mit Mario Götze, Shinji Kagawa und Nuri Sahin bereits weniger gute Erfahrungen gemacht, krampfhaft die Band von 2011 wieder zusammen zu holen. (Bei Mats Hummels immerhin liefen die ersten Monate gut an.)

Und wer weiß, ob die große »Echte Liebe«-Erzählung mit Jürgen Klopp nach der Saison 2014/2015 überhaupt weitergegangen wäre, in der Dortmund zwischenzeitlich auf dem letzten Tabellenplatz gestanden hatte. Er hinterließ bei seinem Abschied den bis heute wenig beachteten Satz: »Wenn ich geblieben wäre, hätte es hier größere Veränderungen gegeben.« Es war nicht der einzige Hinweis darauf, dass selbst der größte »Menschenfänger« nicht mehr mit jedem ein Pils trinken gehen konnte.

In Klopps letztem BVB-Spiel gab die Mannschaft leichtfertig eine Führung aus der Hand und damit gar einen Titel – im Pokalfinale gegen Wolfsburg 2015. Die Spieler standen weit vom Gegenspieler weg, kassierten einfache Gegentore und verloren den Faden. Aber damals, so war das in der alten Zeit, sprach niemand von fehlender Mentalität.