Man muss ja vor­sichtig sein mit Rede­wen­dungen. Allzu schnell sind sie kein augen­zwin­kerndes, Finger in die Wunde legendes Bonmot mehr, son­dern schnöde Floskel. Aber weil man auch mal etwas ris­kieren muss im Leben, sagen wir jetzt ein­fach, wie es sich ja doch oft genug dar­stellt: Schön ist, was modern ist.

Das gilt für die Auto­mobil-Indus­trie, in der man zu denken scheint, dass der öko­lo­gi­sche Fort­schritt unbe­dingt mit Design-Häss­lich­keit ein­her­gehen muss. Als müsse nach­hal­tige Energie immer Ver­zicht sein und eben auch für das Auge. Anders sind die vielen Elektro- und Hybrid­autos, die aus­sehen, als hätte ein Desi­gner einen Rubik-Würfel in vollster Wut mit der Kreis­säge bear­beitet, kaum zu erklären.

Das gilt für die Mode-Indus­trie, ange­sichts deren Fashion-Weeks-Lauf­steg-Shows man wie­derum zu denken scheint, dass der Mensch der Moderne sich gern als abs­traktes Kunst­werk, ent­worfen von einem über­me­di­ka­men­tierten Schab­ra­cken­tapir, emp­findet.

Ver­zwei­felte Trainer und Phi­lo­so­phen

Und natür­lich gilt es auch für die Fuß­ball-Indus­trie, in der seit Jahren ein Zah­len­fe­tisch vor­herrscht, von dem man gar nicht genau wissen möchte, wel­chen Min­der­wer­tig­keits­kom­plex er zu kaschieren ver­sucht. Den Anfang nahm der Unsinn, wie so man­cher Unsinn, in den Neun­zi­gern Jahren. Die Vie­rer­kette war geboren. Oder besser gesagt: Mit fast Jahr­zehnten Ver­zö­ge­rung auch nach Deutsch­land geschwappt.

Man spielte sie in Mainz, in Mön­chen­glad­bach und irgend­wann durfte ein gewisser Ralf Rang­nick, damals Trainer des Bun­des­li­gisten (!) SSV Ulm im Aktu­ellen Sport­studio des ZDF über all das phi­lo­so­phieren. Das tat er derart über­zeu­gend, dass er seither als Fuß­ball-Pro­fessor galt.

Mit dem Internet tauchten die ersten Internet-Seiten auf, die begannen, das Spiel wie eine Welt­karte zu ver­messen. Und irgend­wann waren Begriffe wie inverse Außen“, fal­sche Neun“ und fluide Sechs“ eta­bliert. Trainer ver­zwei­felten dar­über, lesen zu müssen, was sie sich jetzt schon wieder aus­ge­dacht haben sollen.

Und die Fans warfen mit Halb­wissen um sich, dass man rei­zende Skat-Brüder plötz­lich als normal Men­schen erach­tete: 4−2−3−1, 4−3−3, 4−1−4−1 waren die Zah­len­codes ins Ver­ständ­nis­glück. Kuriose Rand­er­schei­nung: die sich abwech­selnden Phasen, in denen nur modern ist, wer in einer bestimmten For­ma­tion spielen lässt.

Très chic in dieser Hin­sicht war zuletzt jede Form der Drei­er­kette. Wer die nicht hatte, hatte nichts mehr, jeden­falls keine guten Argu­mente an den Stamm­ti­schen und erstaun­li­cher­weise auch in vielen Redak­tionen der Repu­blik. Dass ein Sieg auch dann noch drei Punkte ein­brachte, wenn er mit einer Vie­rer­kette oder gar keiner Kette errungen wurde, viel­leicht auch nur, weil man schlicht die bes­seren Fuß­ball­spieler in den eigenen Reihen hatte, ganz egal in wel­cher For­ma­tion die nun über den Platz liefen, mutete fast schon wun­der­lich an.

Aber die Jagd nach der Moderne hat auch einen Vor­teil. Denn das Ide­en­re­ser­voir ist end­lich und so kommt irgend­wann ein­fach alles wieder und manchmal ist man gnädig und nennt es Renais­sance. 

So erleben wir der­zeit eine der Dop­pel­spitze! Das ist nicht nur schön, weil es modern ist, son­dern auch ein­fach so. Weil dop­pelt fast immer besser ist. Weil dop­pelt besser hält und dop­pelt glück­lich macht. Gleich zehn Bun­des­li­ga­mann­schaften haben am ver­gan­genen Spieltag mit zwei Stür­mern gespielt. Rich­tige Stürmer. Keine inverse Außen, keine abkip­pende Irgendwas. Ein­fach: Stürmer. Zumin­dest, wenn man den Taktik-Tafeln der Magazin gewor­denen Fuß­ball­bibel des Kicker“ glauben schenkt.

Ying und Yang des Rasens

Der VfL Wolfs­burg etwa spielt schon seit einiger Zeit mit gleich zwei Stür­mern. Selbst dann, wenn der etat­mä­ßige Stürmer Nummer zwei, wenn Daniel Gin­czek ver­letzt aus­fällt. Und neben der nie­der­län­di­schen Men­schen­mühle Wout Weg­horst (1,97 Meter!) ein kleiner Schweizer namens Renato Steffen (1,70 Meter) wuseln darf.

Aber genau das ist ja die Magie der Dop­pel­spitze. Dieses Ying und Yang, ein­ge­fangen im Rechteck des Rasens. Wenn aus zwei unter­schied­li­chen (Spieler-)Typen eine bes­sere Ein­heit wird. Das ewige Lie­bes­ver­spre­chen, das in der Liebe, also der roman­ti­schen, so aus­sichtslos scheint und im Fuß­ball zur Wahr­heit wird: Wenn aus zwei Indi­vi­duen ein bes­seres, gemein­sames Ich wird.

Gerd Müller und Uli Hoeneß. Romario und Bebeto. Und viel­leicht sogar Ebbe Sand und Emile Mpenza.

Schön ist, was modern ist. So wie die Dop­pel­spitze. Viel­leicht erkennen ja bald schon noch mehr Trainer die Zei­chen der Zeit. Falls nicht, ist Trost jedoch schnell bei der Hand. Denn min­des­tens genauso wahr ist schließ­lich: Schön ist, was erfolg­reich ist.