Es lief schon die 120. Minute, als die Seattle Sounders noch mal einen Eck­ball bekamen. Sebas­tian Blanco, der argen­ti­ni­sche Spiel­ma­cher der Port­land Tim­bers, ver­folgte gebannt den Flug des Balles und sah, wie seine Ver­tei­diger die Flanke klären konnten. Dann hörte er den Schluss­pfiff. Blanco sank auf die Knie und riss jubelnd die Arme in die Höhe. Die Tim­bers hatten zwar gerade das Rück­spiel im Vier­tel­fi­nale um die US-Meis­ter­schaft aus­wärts 2:3 ver­loren, aber daheim war ihnen ein 2:1‑Sieg gelungen. So stand Blanco auf und umarmte glück­lich seinen eng­li­schen Kapitän, den Ver­tei­diger Liam Rid­ge­well. Die zwei wech­selten ein paar Worte. Viel­leicht bespra­chen sie, wie tapfer ihre Abwehr den knappen Rück­stand über die Zeit gebracht hatte, nachdem die Tim­bers gleich zu Beginn der Ver­län­ge­rung das wich­tige Aus­wärtstor erzielen konnten, bevor Seattle in der 97. Minute wieder in Füh­rung gegangen war. 

Erst nach einer Weile bemerkte Blanco seinen Mit­spieler Zarek Valentin, der ges­ti­ku­lie­rend von Jubel­traube zu Jubel­traube eilte. Blanco hatte schon in der Ukraine Fuß­ball gespielt und in der eng­li­schen Pre­mier League, doch was Valentin ihm und den anderen da jetzt zu erklären ver­suchte, das war ihm anschei­nend noch nie unter­ge­kommen. Pen­al­ties?“, fragte er näm­lich völlig ent­geis­tert zurück. Ein Elf­me­ter­schießen? Wieso das denn? Wenn in diesem Moment mehr Zeit gewesen wäre, hätte Valentin dem Kol­legen wohl erklärt, dass in den K.-o.-Runden der Major League Soccer die Aus­wärts­tor­regel nur wäh­rend der regu­lären Spiel­zeit gilt. Mit anderen Worten: Hätten die Tim­bers in Seattle nach 90 Minuten mit 2:3 ver­loren, dann wären sie auto­ma­tisch ins Halb­fi­nale gekommen, so aber wurden die beiden Treffer in der Ver­län­ge­rung aus der Wer­tung genommen. Doch Blanco war so ver­är­gert, dass ihn diese Erklä­rung wahr­schein­lich erst recht auf die Palme gebracht hätte. Um allen zu zeigen, was er von dieser bekloppten Regel hielt, tippte er sich an die Stirn.

Son­der­regel in der MLS

Dabei gibt es einen trif­tigen Grund, warum die MLS diese Bestim­mung ein­führte. In den Play­offs sollen jene Teams einen Vor­teil haben, die wäh­rend der nor­malen Saison besser abschnitten. Des­wegen bekam Seattle (Platz zwei) gegen Port­land (Platz fünf) im Rück­spiel Heim­recht. Doch die Aus­wärts­tor­regel, so wie wir sie seit Jahr­zehnten aus dem Euro­pa­pokal kennen, benach­tei­ligt das Team, das im zweiten Spiel daheim antritt. So hatte Seattle in Port­land nur 90 Minuten Zeit, um Aus­wärts­tore zu erzielen, wäh­rend Port­land in Seattle eine halbe Stunde mehr bekam (und ja auch nutzte). Das, schluss­fol­gerte die MLS, ist unge­recht, wes­halb die Aus­wärts­tor­regel zum Ent­setzen von Sebas­tian Blanco modi­fi­ziert wurde.

Aller­dings hätte er mit dem Kon­zept durchaus ver­traut sein können. Schon 1999 beschlossen näm­lich die Ver­eine der zweiten, dritten und vierten eng­li­schen Liga, die Aus­wärts­tor­regel in den Auf­stiegs-Play­offs außer Kraft zu setzen, nachdem Ips­wich Town auf diese Art zweimal an einem Team geschei­tert war, dass die regu­läre Saison auf einem schlech­teren Platz beendet hatte. Und wer weiß, viel­leicht sind die Eng­länder bald nicht mehr allein? Denn vor ein paar Monaten machte die Mel­dung die Runde, dass pro­mi­nente Trainer, dar­unter Thomas Tuchel, die UEFA auf­ge­for­dert haben, die Bestim­mung abzu­schaffen. Vor allem Arsène Wenger führt schon seit langer Zeit einen wort­rei­chen Kampf gegen die Regel, die vor 54 Jahren ein­ge­führt worden ist.