Seit Sai­son­be­ginn ist der Video­be­weis in Deutsch­land heftig umstritten. Bereits nach dem zweiten Spieltag wurden die Mängel offen­sicht­lich: Die Technik musste ver­bes­sert, die Anwen­dung klarer defi­niert und die Erwar­tungs­hal­tung gedämpft werden (siehe Kom­mentar vom 28.8.). Die Kritik hielt auch nach dem zehnten Spieltag an: Zu diesem Zeit­punkt waren die Zustän­dig­keiten zwi­schen Schieds­richter und Video­re­feree voll­kommen unge­klärt, die Hand­lungen in Köln zudem inkon­se­quent (siehe Kom­mentar vom 30.10.).

Mitt­ler­weile hat der DFB eine Reform ver­an­lasst, die Prä­si­dent Rein­hard Grindel am Sonntag auf Sport1 noch einmal ver­tei­digte. Dem­nach soll der Video-„Assistent“ nur noch bei Wahr­neh­mungs­feh­lern“ ein­greifen – was wie­derum für hit­zige Dis­kus­sionen sorgte. Bemer­kens­wert dabei: Die mög­li­chen Mängel bei der Ein­füh­rung des Video­be­weises hat der Schieds­richter Manuel Gräfe bereits im Juli vor­aus­ge­sagt (siehe unten ste­hendes Video von der 11Freunde-Meis­ter­feier ab 1:55 Min.):

Doch wie hand­haben andere Ligen den Video­be­weis? Länder wie Por­tugal, die Nie­der­lande, Aus­tra­lien und Ita­lien haben den VAR (Video Assis­tent Referee) zeit­gleich oder noch vor der Bun­des­liga ein­ge­führt. Vier lang­jäh­rige Fuß­ball­re­porter berichten uns von den Erfah­rungen:

Aus­tra­lien
Mike Tuckerman ist ein popu­lärer A‑League-Kolum­nist der Web­site The roar“. Er schreibt:

Wir haben in Aus­tra­lien die glei­chen Pro­bleme mit dem Video­be­weis wie ihr in der Bun­des­liga. Bis heute ist wei­terhin unklar, wann er ein­ge­setzt wird und wie viel Zeit er in Anspruch nimmt. Viele Klubs haben bereits Punkte durch den Ein­satz des Video­be­weises ver­loren, weil der Video­schieds­richter eine Ent­schei­dung nach­träg­lich kor­ri­giert hatte. Zwei Bei­spiele: Bris­bane Roar wurde ein ent­schei­dendes Tor aberkannt bei ihrer 1:2‑Heimniederlage gegen die New­castle Jets. Nur eine Woche später brauchte der Video­be­weis ganze vier Minuten, um Sydney FC einen klaren Elf­meter zuzu­spre­chen.

Wes­tern Sydney bekam in einem anderen Spiel einen Foul­elf­meter, doch der Video­re­feree ord­nete die Ver­war­nung des fal­schen Spie­lers an. Das fol­gende Durch­ein­ander dau­erte drei Minuten – und Sydney ver­schoss den Straf­stoß. Die Sache wurde hier­zu­lande spä­tes­tens schäbig, als sich der Chef der Schieds­richter zu einem öffent­li­chen Schlag­ab­tausch mit Bris­bane-Coach John Aloisi ein­ließ. Der Trainer hatte schlicht kri­ti­siert, dass es beim Video­be­weis keine strin­gente Hand­habe gebe.

Mitt­ler­weile lautet die ein­hel­lige Mei­nung von Fans und Experten: Weg mit dem Video­be­weis! Ich per­sön­lich glaube nicht an eine Abschaf­fung. Dafür ist es zu spät, der VAR wird in Aus­tra­lien wohl bei­be­halten werden.

Ita­lien
Michele Tos­sani arbeitet als freier Fuß­ball­re­dak­teur in Ita­lien und schreibt an dieser Stelle häufig über die Serie A

Natür­lich hat sich noch nicht jeder so ganz an den neuen Video­be­weis gewöhnt, aber gene­rell loben Fans und Experten seine Umset­zung. Und es besteht kein Zweifel daran, dass er in dieser Saison bereits großen Ein­fluss hatte: Nach sieben Spiel­tagen hat der VAR bereits zu 33 Straf­stoß­ent­schei­dungen bei­getragen. Die Zahl der Fouls ist gesunken (von 260 in der ver­gan­genen Saison auf 203 in dieser), ebenso wie die Zahl der Gelben Karten (von 313 auf 245).

Viele Fans hatten geunkt, dass der Video­be­weis auf­grund der Unter­bre­chungen die Nach­spiel­zeit ins Uner­mess­liche steigen lassen würde. Das konnte sich nach den ersten Spielen so nicht bestä­tigen lassen. Die effek­tive Spiel­zeit hat sich im Ver­gleich zur Vor­saison nur um 0,02 Pro­zent ver­rin­gert.

Der Popu­la­rität des Video­be­weises hier in Ita­lien hat es sicher­lich geholfen, dass der erste von außen ver­hängte Straf­stoß gegen Juventus aus­ge­spro­chen wurde. In Ita­lien ist die Ansicht weit ver­breitet, dass die regu­lären Schieds­richter zu nach­sichtig mit den Bian­co­neri umgehen würden. Natür­lich rief der Video­be­weis unter den Spie­lern Kritik hervor. Gigi Buffon meinte, das Spiel werde zum Was­ser­ball degra­diert, und Sami Khe­dira fügte hinzu: Im Moment ist es ein Desaster!“ Ata­lantas Trainer Gian Piero Gas­perini regte sich fürch­ter­lich über die Fehler des Video­be­weises auf und monierte, dass die lange Zeit bis zur Ent­schei­dung dem Fuß­ball seine Emo­tio­na­lität raube. Doch das sind Ein­zel­mei­nungen, die breite Öffent­lich­keit gou­tiert die Mini­mie­rung der Fehl­ent­schei­dungen in dieser Spiel­zeit.



Der ent­schei­dende Unter­schied: Ein Video­as­sis­tent in jedem Sta­dion!

Ita­lien unter­scheidet sich bei der Umset­zung in einem Punkt deut­lich von Deutsch­land: Wäh­rend die Bun­des­liga eine Zen­trale in Köln für die Ent­schei­dungen aus­ge­wählt hat, sitzt in der Serie A bei jedem Spiel ein Video­as­sis­tent in einer eigenen Kabine im jewei­ligen Sta­dion. Von dort gibt es einen Hin­weis an den Referee auf dem Rasen, sich eine bestimmte Szene auf einem Monitor am Spiel­frel­d­rand noch einmal genauer anzu­schauen.

Es gibt also keinen Haupt­ver­ant­wort­li­chen wie Hellmut Krug in Deutsch­land, der jedes Spiel über­blickt. Die Ent­schei­dungs­mög­lich­keit von außer­halb des Platzes sind auf meh­rere Schul­tern ver­teilt. Natür­lich bleibt ein Pro­blem: Kommt es zu einer psy­cho­lo­gi­schen Unter­wer­fung des Haupt­schieds­rich­ters? Sprich: Lässt sich der Mann an der Pfeife schneller kor­ri­gieren, wenn ein eta­blier­terer und ange­se­hener Koor­di­nator ihm einen andere Ent­schei­dung nahe­legt?

Bisher ist klar abge­stimmt, wann der VAR ein­greifen kann: bei Tor­ent­schei­dungen, roten Karten, Bestra­fung des fal­schen Spie­lers und Elf­me­tern. Nicht wenige Fans wün­schen sich eine noch weit­rei­chen­dere Kom­pe­tenz. Und: Sie wollen mehr Infor­ma­tionen dar­über, was vor sich geht. Bis­lang – und das ist ähn­lich wie in der Bun­des­liga – sehen sie nur das Zei­chen des Schieds­rich­ters für den Video­be­weis und müssen dann warten, wie der Schieds­richter nach der Revi­sion der Bilder ent­scheidet.

Por­tugal
Bruno José Fer­reira ist por­tu­gie­si­scher Sport­jour­na­list bei Mais­fu­tebol“. Er schreibt:

Der Video­be­weis hat am ver­gan­genem Wochen­ende sein 100. Spiel in Por­tugal hinter sich gebracht, 99 in der Liga, eins im por­tu­gie­si­schem Super Cup. Er war von Beginn an alles andere als unum­stritten, Experten zwei­felten seine Ver­läss­lich­keit an. Momentan drehen sich die Dis­kus­sionen vor allem um Abseits- und Elf­me­ter­ent­schei­dungen. Gerade bei Pfiffen, die sub­jektiv aus­legbar sind, streiten die Experten selbst nach der x‑ten Ansicht der Bilder. Diese unter­schied­li­chen Aus­le­gungen von strit­tigen Szenen wird auch der Video­be­weis nicht beenden können.

Am sechsten Spieltag in der Partie zwi­schen Pacos Fer­reira und Vitoria Setubal bestimmte zudem eine Tor-Dis­kus­sion die Schlag­zeilen. Hierbei konnten auch die Bilder nicht ent­schlüs­seln, ob der Ball die Linie tat­säch­lich über­quert hatte. Also hakte das Hilfs­mittel selbst bei eigent­lich objek­tiven Ent­schei­dungen wie Tor oder kein Tor“. Ebenso dis­ku­tabel waren die Abseits­ent­schei­dungen: Mal griff der Video­re­feree ein, wenn es sich nur um Mil­li­meter han­delte, andere Angriffe ließ er laufen. Daraus ent­stand im por­tu­gie­si­schen Fuß­ball ein Klima der Ver­däch­ti­gungen und Anschul­di­gungen, die gerade von den Top­klubs aus­gingen. Der ver­gan­gene (elfte) Spieltag bil­dete dabei den trau­rigen Höhe­punkt der öffent­li­chen Feind­se­lig­keiten unter Ver­einen und Offi­zi­ellen ab.

Ins­ge­samt hat der Video­be­weis die Fehler mini­miert, aber gleich­zeitig mit seinen Ent­schei­dungen wei­tere Dis­kus­sionen aus­ge­löst. Die Video­schieds­richter sind genauso anfällig für Fehl­ein­schät­zungen wie jene Schieds­richter auf dem Platz. Das Werk­zeug ist durchaus begrü­ßens­wert, aber die Anwen­dung muss defi­nitiv ver­bes­sert werden.

Nie­der­lande
Teun Meurs, Redak­teur des nie­der­län­di­schen Fuß­ball­ma­ga­zins Sta­an­tri­bune“. Er hat zuletzt ein Expe­ri­ment mit neuen Fuß­ball-Regeln durch­ge­führt. Über die Ein­füh­rung des Video­be­weises schreibt er:

Die Nie­der­lande haben eine ent­schei­dende Rolle bei der Ein­füh­rung des Video­be­weises gespielt. Seit einigen Jahren läuft hier das Pilot­pro­jekt, um zu eru­ieren, wann und wie der VAR am besten ein­ge­setzt werden sollte. Wir hatten also eine län­gere Test­phase als andere Länder. Auch hierbei wurde fest­ge­legt, dass der Video­schieds­richter nur in ent­schei­denden Momenten ein­greift (Tore, Rote Karten, Elf­meter und Bestra­fung eines fal­schen Spie­lers). Sowohl der Schieds­richter als auch der Video­re­feree können den Video­be­weis anfor­dern. In der ver­gan­genen Saison gab es bereits auf­se­hen­er­re­gende Ent­schei­dungen: Im Pokal­halb­fi­nale zwi­schen AZ und Cam­buur wurde ein Tor wegen eines vor­her­ge­gan­genen Foul­spiels nach­träg­lich annul­liert. In einem wich­tigen Match für PSV Eind­hoven kam die Tor­li­ni­en­technik zum Ein­satz. Sie bewies, dass Eind­ho­vens Tor­wart Zoet den Ball selbst über die eigene Linie bug­siert hatte.

In der ver­gan­genen Saison wurde der Video­be­weis hier­zu­lande nur im Halb­fi­nale und Finale des Pokals ein­ge­setzt, in der aktu­ellen bei viel mehr Pokal­spielen. Von der Saison 2018/10 an sollen alle Spiele der Ersten Liga vom VAR begleitet werden. Das wäre dann die defi­ni­tive Ein­füh­rung des Video­be­weises in den Nie­der­landen. Es mag einige kri­ti­sche Stimmen geben, aber gene­rell wird der Video­be­weis hier sehr positiv auf­ge­nommen. Die Grund­stim­mung ist: Er macht den Fuß­ball gerechter!