Seite 2: Das Geheimnis des Erfolgs

Aus gutem Grund. Das 0:0 in Angers war das erste Spiel seit gut sechs Monaten, in denen es König Zlatan und Co. nicht gelang, wenigs­tens ein Tor zu erzielen. Wir sind beschissen zu bespielen“, sagt auch Sté­phane Moulin, dessen Spiel­idee als aller­erstes auf einer sta­bilen Defen­sive fußt. Gefolgt von einer soliden Abwehr und einer kom­pro­miss­losen Ver­tei­di­gung. Erst dann denkt die Mann­schaft even­tuell daran, mög­lichst schnör­kel­lose Konter zu fahren. Doch wenn die viert­schwächste Offen­sive der Liga zuschlägt, dann zu über zwei Drit­teln in der Folge einer Stan­dard­si­tua­tion. Dem geneigten Bun­des­liga-Fan kommt das alles schreck­lich bekannt vor. Und ja, Men­schen mit einem Faible für Kurz­sich­tig­keit dürften hellauf begeis­tert sein, wie schwierig es ist, Darm­stadt und Angers von­ein­ander zu unter­scheiden.

Doch warum ist der fran­zö­si­sche Wie­der­gänger des hes­si­schen Wun­ders noch ein Stück erfolg­rei­cher als die Jungs von Dirk Schuster? Viel­leicht liegt es an der kol­lektiv schwä­chelnden Kon­kur­renz in der Ligue 1. Ins­be­son­dere Mar­seille, Lyon und Bor­deaux hecheln ihren Ansprü­chen seit Sai­son­be­ginn hin­terher. Ganz bestimmt aber liegt es am noch gül­de­neren Transfer-Näs­chen. Denn wäh­rend sich Darm­stadt im Akkord mit gestan­denen, aber aus­ge­mus­terten Bun­des­li­ga­spie­lern wie Peter Nie­meyer, Luca Cal­di­rola oder Kon­stantin Rausch ver­stärkte, haben sie Angers aus der Not eine Tugend gemacht und auf Spieler gesetzt, die über­haupt noch nie jemand auf der Rech­nung hatte. Zumin­dest nicht für die erste Liga.

Prinz und Prin­zessin gleich­zeitig

Billy Ket­keophome­phone ist so einer. Natio­nal­spieler aus Laos. Und jah­re­lang Mit­läufer beim FC Tours, seines Zei­chens bes­ten­falls Zweit­liga-Mit­telmaß. Jetzt mit­ten­drin im Mär­chen, als Pfer­de­lunge auf rechts außen. Der Marcel Heller aus Angers sozu­sagen. Doch vor allem ist da Cheikh N’Doye. Der 1,92 Meter große Modell-Athlet ist der abso­lute Dreh- und Angel­punkt seines Teams. Der Prinz des Mär­chens. Und die Prin­zessin oben­drein. Und das mit 29 Jahren und nachdem er seinen ersten Profi-Ver­trag erst im Alter von 25 unter­schrieben hat. Bei US Cré­teil, einem Dauer-Abstiegs­kan­di­daten der zweiten fran­zö­si­schen Liga. 

In jungen Jahren spielte N’Doye auf Emp­feh­lung seines sene­ga­le­si­schen Lands­mannes Salio Diop zwar bei Stoke City vor. Doch erfolglos. Erst in Angers haben sie offenbar richtig hin­ge­schaut. In diesem Winter sollen sich selbst Chelsea und Man­chester City für ihn inter­es­siert haben. Und zwei­stel­lige Mil­lio­nen­summen geboten haben. Doch wäh­rend der Klub bis dato noch für jeden Stamm­spieler eine Schmerz­grenze kannte, musste N’Doye bleiben. Aus gutem Grund: Er ist an jedem dritten Tor direkt betei­ligt, Staub­sauger vor der Abwehr und mit seinen mil­li­me­ter­ge­nauen Pässen erster Initiator des eigenen Kon­ter­spiels. 

Und dann kommt Messi doch

So einen kann selbst des Trai­ners aller­liebster Spieler nicht ersetzen: Tra­vail“ — Arbeit. Zumal selbst die Arbeits­pferde aus Angers längst rea­li­siert haben, dass sie womög­lich tat­säch­lich vor dem ganz großen Ding stehen. So wie Romain Saiss, Mit­tel­feld­spieler und vor der Saison, natür­lich, aus der zweiten Liga gekommen. Er jeden­falls schätzt die Lage wie folgt ein: Wenn wir weiter so arbeiten wie bisher, zusam­men­stehen wie bisher und alles geben, wer weiß..?“ Wer weiß? Viel­leicht wech­selt Saiss nach der Saison auch ein­fach zum FC Bar­ce­lona? Die ent­spre­chenden Gerüchte jeden­falls sind längst in der Welt.

Nur eines ist sicher: Der echte Lionel Messi wird trotz aller Erfolge auch in Zukunft nicht nach Angers wech­seln. Allein schon, weil sie ja keine Ablöse zahlen, die knaus­rigen Arbeiter aus Angers. Aber viel­leicht kommt er ja trotzdem dem­nächst mal im fran­zö­si­schen Nord­westen vorbei — in der Cham­pions League. Es sind nur zwei Punkte Rück­stand. In der Mär­chen­welt ist das so gut wie nichts.