Lionel Messi wech­selt zu fran­zö­si­schem Zweit­li­gisten“, hieß es im Spät­sommer 2012. Und es stimmte sogar. Lionel Messi wech­selte tat­säch­lich in die zweite fran­zö­si­sche Liga, zu SCO Angers näm­lich. Nur war dieser Lionel Messi 1,85 Meter groß, 17 Jahre alt und Abwehr­spieler. Und hieß mit voll­stän­digem Namen Lionel Messi Nyamsi. Von dem hatte der geneigte Fuß­ballfan bis dato in der Regel ebenso wenig gehört, wie vom auf­neh­menden Verein. Doch wäh­rend es um den echten, fal­schen Lionel Messi wieder ruhiger wurde, ist SCO Angers spä­tes­tens seit dieser Saison drauf und dran, sich ins kol­lek­tive Gedächtnis zu spielen. 

Schon der Auf­stieg in die Ligue 1 glich einem mitt­leren Wunder. Doch was dann folgte, taugt glatt zum Stoff für eine Folge Akte X. Als Neu­ling und Armen­haus der Liga, als Ansamm­lung abso­luter No-Names stürmte die Mann­schaft von Trainer Sté­phane Moulin zum Ende der Hin­runde auf einen sagen­haften dritten Platz. Nur einen Punkt hinter den Tabel­len­zweiten. Und das obwohl vor der Saison mit Stürmer Jona­than Kodjia der Auf­stiegs­ga­rant stiften ging. Für drei Mil­lionen Euro. Zu Bristol City, aktuell 21. der eng­li­schen zweiten Liga. Was ganz gut die Dimen­sionen ver­an­schau­licht, in denen sie sich in Angers bewegen.

Nicht einen Cent Ablöse

Und auch im Winter ver­ließen erneut zwei Leis­tungs­träger den Verein. Flü­gel­stürmer Abdoul Camara ging für 1,7 Mil­lionen Euro zu Derby County, eben­falls in die zweite, eng­li­sche Liga. Tor­hüter Ludovic Butelle immerhin zog es zu einem Europa League-Teil­nehmer, den FC Brügge. Seither zeigt die Form­kurve Angers’ zwar leicht nach unten, doch auch der der­zei­tige fünfte Platz darf noch getrost als Mär­chen ange­sehen werden.

Ein Mär­chen, das denen gleicht, die der­zeit auch in Eng­land und Deutsch­land geschrieben werden. Hier die sen­sa­tio­nelle Tabel­len­füh­rung von Lei­cester City. Dort die über­ra­genden Leis­tungen von Darm­stadt und Ingol­stadt. Doch das Mär­chen des Spor­ting-Club de l’Ouest (Sport­klub des Wes­tens) Angers ist noch einen Zacken kit­schiger. Denn wäh­rend Lei­cester trotz aller Underdog-Qua­li­täten vor Sai­son­be­ginn mal eben knappe 50 Mil­lionen Euro in den Kader gepumpt hat, selbst Ingol­stadt Mil­lio­nen­ab­lösen stemmt und Darm­stadt immerhin noch gestan­dene Bun­des­liga-Spieler haschen konnte, steht bei Angers die Null. Seit 2007 hat der Verein nicht einen Cent Ablöse bezahlt. 

Wir ersteigen den Hima­laya“

Ein leb­haftes Kommen und Gehen herrscht den­noch. Vor und wäh­rend der lau­fenden Saison hat der Klub satte 20 Neu­zu­gänge ver­pflichtet. Alle ablö­se­frei. Und führt damit mal eben und ganz nebenbei eine der belieb­testen Rhe­torik-Krü­cken des modernen Fuß­balls ad absurdum. Denn von Fin­dungs­pro­zessen“, einer Mann­schaft, die sich erst noch ken­nen­lernen müsse“ und einer Ent­wick­lung, die eben ihre Zeit“ brauche, ist im beschau­li­chen Nord­westen Frank­reichs keine Rede. Allein, weil sie sich solche Aus­reden gar nicht leisten können.

Statt­dessen beherrscht ein ange­nehmer Rea­lismus die Sze­nerie: Wir ersteigen den Hima­laya. Das schaffst du nicht in Flip-Flops. Dafür brauchst du das rich­tige Schuh­werk“, sagt etwa Trainer Moulin, der auch in Sachen Sai­son­ziel einen klaren Blick behält: Ich will, dass wir Meister in Sachen Ein­stel­lung werden!“ Seine Mann­schaft ist auf dem besten Weg dorthin. Findet auch Lau­rent Blanc, Domp­teur des Edel­ki­cker-Ensem­bles von Paris St. Ger­main. Der beschied nach dem Gast­spiel in Angers Anfang Dezember voller Aner­ken­nung: Zehn Spieler in der eigenen Hälfte, gut orga­ni­siert, phy­sisch stark und dis­zi­pli­niert ohne Ende — das macht das Tore­schießen unglaub­lich schwer. Auch für uns. Davor muss man Respekt haben.“ Den erwies er der Mann­schaft gleich selbst, war­tete nach dem Spiel vor der Kabine der Gast­geber und gra­tu­lierte jedem ein­zelnen Spieler per­sön­lich.