Art­joms Rud­nevs war einmal der beste Stürmer der Welt. Vor zwei Jahren, als er noch für Lech Posen spielte, schrieben pol­ni­schen Zei­tungen jeden­falls von einem Tor­jäger, der Robert Lewan­dowski locker in die Tasche ste­cken würde. Sie erzählten von einem Bomber, den die Welt noch nicht gesehen hatte, von einem Angreifer, der in der pol­ni­schen Eks­t­ra­klasa in 56 Spielen 33 Tore gemacht hatte. Rud­nevs sollte der nächste euro­päi­sche Super­star werden. Einmal, in einem Europa-League-Spiel gegen Juventus Turin schoss er in zwei Spielen vier Tore. Eines war beson­ders schön, aus 24 Metern, mit links unter die Latte. Später sagte er: Der Moment des Tores, das sind Gefühls­wellen, die unkon­trol­lierbar sind. Das ist pures Adre­nalin.“ Nach diesem Tor rannte er also über den Platz, drehte sich um und zeigte auf den Rücken seines Tri­kots. Lech Posen hatte dank seines Drei­er­packs Juventus Turin ein 3:3 abge­trotzt, und nun sollten sich alle seinen Namen merken: Art­joms Rud­nevs!

Der Pole Miroslav Okonski, der in den späten acht­ziger Jahren für den HSV spielte, schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als Rud­nevs ver­kün­dete, nach Ham­burg wech­seln zu wollen. Ich rate von diesem Transfer ganz ent­schieden ab“, sagte Okonski. Der Ham­burger SV ist nicht mehr die Klas­se­mann­schaft wie zu meiner Zeit. Art­joms Rud­nevs sollte zu einem Spit­zen­klub wech­seln!“ Das war vor bei­nahe zwei Jahren.
 
Damals äußerte sich auch der ehe­ma­lige HSV-Ver­tei­diger Pawel Woj­tala zu dem bevor­ste­henden Wechsel, und er war eben­falls voll des Lobes: Rud­nevs ist eine typi­sche Nummer 9, der seine Stärken im Straf­raum hat. Seine Technik ist gut, er ist sehr beweg­lich.“ In der pol­ni­schen Liga, so Woj­tala weiter, gebe es keinen bes­seren Angreifer.

Seine Refe­renz: Ein Drei­er­pack gegen Juventus Turin
 
In der Rück­runde 2011/12 ließ der HSV den 24-jäh­rigen Russ­land-Letten in jedem ein­zelnen Spiel beob­achten. Am Ende der Saison wurde er mit 22 Tref­fern Tor­schüt­zen­könig der Eks­t­ra­klasa. Sport­di­rektor Frank Arnesen war begeis­tert, und so spielte er dem Auf­sichtsrat ein Best-of-Video von Rud­nevs’ Toren vor. Die Kon­trol­leure gaben ihr Okay für den Transfer. Auch weil Arnesen seinen Wunsch­stürmer für 3,5 statt 5,5 Mil­lionen Euro bekam. Arnesen hatte danach für jeden Skep­tiker den pas­senden Satz. Für die Finanz­ex­perten, die ein biss­chen Sorge hatten, dass der Transfer nicht zu stemmen sei: Wir haben einen Preis erzielt, der deut­lich unter dem Markt­wert liegt. Weil wir schneller waren als die anderen.“ Und für die Fans, die von Toren und Titeln träumten: Art­joms ist ein Knipser, er geht richtig steil! Schon ein Blick in seine glän­zenden Augen reicht, um zu erkennen, dass er hungrig nach Erfolg ist!“

Damals war aller­dings auch klar, dass mit Rud­nevs kein Zau­berer an die Elbe wech­selte, son­dern einer, den man im Fuß­ball tra­di­tio­nell einen Arbeiter“ nennt. Alek­sandrs Kohans, sein erster Trainer, erklärte in einem Inter­view, dass Rud­nevs früher nicht talen­tiert gewesen sei. Doch er habe gekämpft bis zum Umfallen und einen grö­ßeren Willen als seine Mit­spieler gehabt.

Art­joms war unser Dschun­gel­könig“
 
Schon nach wenigen Wochen mehrten sich aller­dings die Zweifel am Stürmer. Dabei hatte die Saison nicht mal ange­fangen. Doch weil Rud­nevs in der Vor­be­rei­tung das Tor nicht traf, sorgte sich die Ham­burger Presse. Das Rätsel Rud­nevs“, ver­mel­dete das Ham­burger Abend­blatt“ im August 2012. Immerhin, so ver­melden die Reporter aus dem Trai­nings­lager in Schweden, konnte Rud­nevs abseits des Platzes über­zeugen. In den Wäl­dern, bei Team-Bon­ding-Maß­nahmen, sei Rud­nevs in bester Arved-Fuchs-Sur­vival-Manier durchs Dickicht gekro­chen. Art­joms war unser Dschun­gel­könig“, sagte Fink. Das war doch auch was.
 
Zurück auf dem Platz gelang aller­dings wieder nicht viel. Viel­leicht lag es daran, dass er die Sprache nicht ver­stand, oder daran, dass seine Familie noch nicht da war. Dem Ham­burger Abend­blatt“ ver­riet er sein Erfolgs­ge­heimnis: Die Kette ist leicht: Familie, Wohl­fühlen, Tore machen, noch wohler fühlen, dadurch noch mehr Tore machen und noch wohler fühlen, was den Erfolg mit der Mann­schaft wahr­schein­li­cher macht.“
 
Als sie beim HSV schon vom großen Fehl­ein­kauf spra­chen, machte er gegen Borussia Mön­chen­glad­bach am fünften Spieltag sein erstes Tor, es folgten elf wei­tere Treffer. Häu­figer hatte in den Jahren zuvor nur Ivica Olic getroffen. In der Saison 2007/08 gelangen dem Kroaten 14 Tore.

Und trotzdem beäugten sie den Letten wei­terhin skep­tisch. Er weiß oft selbst nicht, wo er hin schießt“, sagte René Adler. Er hat einen Schuss wie ein Pferd, über­legt nicht lange und haut ein­fach immer voll drauf.“ Was als Kom­pli­ment gemeint war, fasste aller­dings auch die Stimmen der Kri­tiker zusammen: Er habe keine Technik, er irre auf dem Platz umher, als habe er sich ver­laufen, die Bälle springen ihm vom Fuß wie Flummis – und wenn er nicht mehr weiter wisse, laufe er ein­fach gera­deaus, als galop­piere er über eine Trab­renn­bahn. Gleich­zeitig hielt Arnesen stets die schüt­zende Hand über ihn. Er ist ein Phä­nomen“, sagte der Sport­chef immer dann, wenn Rud­nevs getroffen hatte, er steht da, wo ein Mit­tel­stürmer stehen muss!“.

Nur irgend­wann war Arnesen weg – und damit auch der Stamm­platz von Rud­nevs. Der HSV lieh im Sommer 2013 Pierre-Michel Lasogga von Hertha BSC aus, und Rud­nevs fand sich im ersten Spiel der neuen Saison auf der Bank wieder. Bis zum Winter machte er sieben Spiele, aller­dings nur eines von Beginn an. Der HSV hatte Rud­nevs, den besten Stürmer der Vor­saison, aus­ge­bootet. Für den neuen HSV-Sport­chef Oliver Kreuzer war das Leih­ge­schäft mit Han­nover 96 daher eine Win-Win-Situa­tion“, die Ham­burger sparten 600.000 Euro Gehalt und ent­schlackten den Sturm. 

Von Win-Win zum Worts-Case-Sce­n­ario
 
Vier Monate später steht der HSV ohne Mit­tel­stürmer da. Pierre-Michel Lasogga erwies sich zwar als außer­or­dent­lich treff­si­cher, doch als ebenso ver­let­zungs­an­fällig. Und als sich Maxi­mi­lian Beister wenige Tage nach Rud­nevs‘ Abgang das Kreuz­band riss, hatte man den Salat. Aus der angeb­li­chen Win-Win-Situa­tion war ein Wost-Case-Sze­nario geworden. Die Hoff­nungen lagen auf Jac­ques Zoua, der den geg­ne­ri­schen Abwehr­reihen bis­lang so viel Angst ein­jagte wie das Kika-Nach­mit­tags­pro­gramm. Schließ­lich tätigte der HSV noch ein paar Panik­trans­fers, Offen­siv­spieler wie Ola John oder Ouasim Bouy kamen und stol­pern nun auf Dritt­li­ga­ni­veau über den Rasen. Wenn sie über­haupt mal spielen.

Und Rud­nevs? Als der vor vier Monaten seine Koffer packte, und Ham­burg in Rich­tung Han­nover ver­ließ, ballte er wütend die Faust. Er ver­ab­schie­dete sich bei seinen Mit­spie­lern und sagte: Ich kann den 12. April kaum erwarten, wenn Ham­burg nach Han­nover kommt. Ich glaube, dass der HSV Pro­bleme bekommen wird.“ Er sollte Recht behalten. Mühsam halten die ham­burger den Kopf über Wasser. Mit Mirko Slomka arbeitet mitt­ler­weile der dritte Trainer in dieser Saison am Volks­park. Der HSV steht auf Platz 16, fünf Spiel­tage vor Ende der Saison. Nur: Auch wenn es für Rud­nevs in Han­nover anfangs ganz gut lief, haben die Nie­der­sa­chen momentan nicht weniger große Pro­bleme wie der HSV. Sie könnten sich bei einer Nie­der­lage gegen Ham­burg sogar dra­ma­tisch ver­schlim­mern, denn 96 würde dann die Plätze mit dem HSV tau­schen.

In dieser Woche hat sich Rud­nevs einen Maul­korb auf­er­legt. Vor dem Wie­der­sehen wollte er nichts zu mög­li­chen Rache­plänen sagen. Warum auch? Andere Experten haben schon genug über ihn gesagt.