Am 20. Mai 1989 treffen im Aktu­ellen Sport­studio“ der Trainer des 1. FC Köln, Chris­toph Daum, und Sportbild“-Kolumnist Udo Lattek auf die Ver­treter des FC Bayern, Trainer Jupp Heynckes und Manager Uli Hoeneß. Es ist der Höhe­punkt eines medialen Duells. In den Wochen zuvor haben sich die Kon­tra­henten mit erstaun­li­cher Härte bekriegt. Die Stim­mung ist auf­ge­heizt, kurze Zeit später treffen die Rivalen um die Meis­ter­schale am 31. Spieltag in Köln auf­ein­ander. 

Außer dem Mode­rator Bernd Heller tragen alle Anwe­senden dunkle Anzüge oder Pull­over. Er sticht mit einem creme­far­benen Zwei­teiler hervor. Beide Trainer kom­bi­nieren weiße Socken mit schwarzen Slip­pern und Hoch­was­ser­hosen. Das Requi­si­ten­team des ZDF hat viele kleine Fuß­bälle über der Talk­runde auf­ge­hängt, die über den Gela­denen zu schweben scheinen. Das Gespräch, das immer wieder von Zwi­schen­rufen und lautem Gejohle aus dem Publikum unter­bro­chen wird, beginnt.

Heller: Ja, nun sind wir also mit­ten­drin. Vier Wochen sind es noch bis zur Meis­ter­schafts­feier. Und ich kann mich sehr gut daran erin­nern, dass Sie beide, Chris­toph Daum und Uli Hoeneß, in einem Fern­seh­studio bei den Kol­legen von Bayern3 waren und da haben sie sich gegen­seitig zur Meis­ter­schafts­feier ein­ge­laden. Chris­toph Daum, Sie waren ja heute am Flug­hafen, haben Sie das Ticket nach Mün­chen heute schonmal rein vor­sorg­lich gekauft?“

Daum: (unbe­ein­druckt) Ja, für den Uli Hoeneß, damit er nach Köln kommen kann.“

Publikum johlt zustim­mend, klatscht, pfeift, Hoeneß schmun­zelt gequält

Hoeneß: (hält Auf­zeich­nungen auf Papier in den Händen) Aber, ich geh’ mal davon aus, dass du das Ticket nicht für den 17. Juni gebucht hast, denn da werden wir ein großes Fest in Mün­chen machen!“

Leichtes Raunen in den Zuschau­er­reihen, ver­ein­zeltes Bei­fall-Klat­schen, die Sym­pa­thien sind auf Daums Seite

Heller: Aber mal im Ernst gefragt, (erster Zwi­schenruf an Hoeneß aus dem Publikum, unver­ständ­lich) mal im Ernst gefragt Chris­toph Daum, nun stand das heute ja sehr auf der Kippe, was geht denn in Ihnen in diesem Moment vor: Han­no­ve­raner führen 2:1, drei Minuten vor Schluss.“

Daum: Ja ich glaube schon, dass die Dinge, die einen Fuß­ball­trainer – unab­hängig jetzt von mir auch, glaube ich, bei anderen Mann­schaften – in man­chen Situa­tionen bewegen, kaum mit Worten zu beschreiben sind. Das ist ein Gefühlsbad, wo ich glaube, wir noch neue Super­la­tiven ent­wi­ckeln müssten, um das mal zu ver­deut­li­chen. Also, ich muss auch sagen, dass natür­lich heute, in einer sol­chen Situa­tion, es erstmal kurz­fristig zum Herz­still­stand kommt. Dann über­legt man sich: ›Was für ne Chance hast du jetzt noch?‹ Und eigent­lich ist mir das so eigen, dass ich dann mit dem Opti­mismus und mit dem Enthu­si­asmus dann nach vorne gehe, ich hab’ gleich noch einen Aus­wech­sel­spieler mit­ge­bracht, einen neuen Spieler rein­ge­bracht, und habe dann ver­sucht, eben, in den letzten sieben Minuten, mit dem ent­spre­chenden Enga­ge­ment von der Linie aus, noch die Mann­schaft mit zu unter­stützen. Und ich muss sagen, da hat sie eigent­lich wieder das gezeigt, was eigent­lich, (ver­has­pelt sich bei­nahe) was eigent­lich, äh, den 1. FC Köln so inter­es­sant jetzt wieder gemacht hat, näm­lich: Eine Riesen-Moral dieser Mann­schaft. Und ich glaube auch, dass diese Moral aus­reicht, um die Bun­des­liga bis zum letzten Spieltag ent­spre­chend inter­es­sant zu halten. Und ich glaube, dass wir uns da noch auf einige Über­ra­schungen gefasst machen können.“

Heller: Jupp Heynckes, können Sie das Gefühl, das Chris­toph Daum in seinem Bauch heute erlebt hat, nach­emp­finden. Haben Sie das auch schon gehabt?“

Das ZDF blendet einen Split­screen ein. Links sieht man Daum, rechts daneben den ant­wor­tenden Heynckes

Heynckes: Ich glaube, dass wir Trainer das Woche für Woche mit­ma­chen, weil … äh … Nicht nur, wenn man jetzt wie wir zwei im Kampf um die Meis­ter­schaft stehen, son­dern, ich glaube, dass beson­ders auch die Trainer betroffen sind, die im Abstiegs­kampf sich befinden. Das ist genau richtig. Ich erlebe das im Moment ähn­lich. Man freut sich, man geht mit der Mann­schaft mit. Wir haben heute wieder gesehen, dass man mit einem Auge bei der eigenen Mann­schaft sich befindet, also zuschaut. Und mit dem anderen Auge auf die Anzei­ge­tafel, und das weiß ich: Aus Kölner Sicht war es am letzten Wochen­ende ähn­lich so. (Daum schmun­zelt) Und ich glaube, dass auch ich der Mei­nung bin, dass der Kampf sich um die Meis­ter­schaft bis zum letzten Spieltag hin­aus­zieht. Und ich bin auch über­zeugt, dass wir das sind, die nach letzt­end­lich (auch er ringt mit der Flut seiner Worte) die Nase vorn, vorne haben.“

Heller:
 (zunächst beschwich­ti­gend, dann Fahrt auf­neh­mend) Gut. Um bei dem Gefühl zu bleiben: Ist das die letzte Gemein­sam­keit zwi­schen Jupp Heynckes und Chris­toph Daum? Oder, anders gefragt: Haben Sie sonst noch irgend­wel­ches Ver­ständnis für das, was Chris­toph Daum in den letzten vier, sechs, sieben Wochen gedacht hat, gesagt hat, hat ver­laut­baren lassen, häufig an ihre Adresse gerichtet?“

Heynckes: (holt tief Luft) Na, grundweg muss ich da erstmal zu sagen, dass er sich jetzt in der letzten Zeit, sich etwas mode­rater mir gegen­über ver­hält. (Wird etwas aktiver, gönnt sich jetzt auch Mimik und Gestik) Was ich ganz stark kri­ti­sieren muss, das ist, dass er vor vier, sechs Wochen mich massiv belei­digt hat. Dass er, äh, über die Medien – und das ist etwas, was bisher in der Trai­ner­branche, meines Erach­tens, ein Novum dar­stellt – in der Form, wie er mich belei­digt hat, dass das bisher noch nie dage­wesen ist. (Daum hört in einer Mischung aus stoi­scher Ruhe und Spitz­bü­big­keit ruhig zu) Und ich muss sagen, nicht dass ich darauf emp­find­lich reagiere, son­dern, wenn er, zum Bei­spiel, wie er es jetzt in der letzten Zeit gemacht hat, die Bun­des­liga PR-mäßig anheizt, seine Mann­schaft nach vorne peitscht; das ist Alles zu akzep­tieren. Aber so, wie er mich unter­halb der Gür­tel­linie getroffen hat, ich glaube, das ist nicht zu akzep­tieren und (an Daum gerichtet) das werde ich auch nicht ver­gessen.“

Zöger­lich ein­set­zender Bei­fall, der dann noch ordent­lich ist. Daum hebt for­dernd den Zei­ge­finger, deutet for­dernd auf sich selbst.

Heller: Moment. (Möchte Hoeneß das Wort erteilen, sieht im Augen­winkel aber Daums wip­penden Zei­ge­finger) Gleich, Uli Hoeneß!“

Daum: Ja, ich kann dazu natür­lich sagen, dass die Bayern für sich natür­lich immer in Anspruch nehmen, so, die Höhe der Gür­tel­linie zu beur­teilen, auch, wie sie einige andere Dinge beur­teilen. (Zustim­mender Jubel des Publi­kums, ein­zelne Lacher, Bei­fall) Und ich habe eigent­lich diese Dis­kus­sion schon einmal geführt, mit Uli Hoeneß im Bay­ri­schen Rund­funk. Und wir haben eigent­lich dort uns geei­nigt, dass die Dinge, die ver­laut­bart worden sind von mir, eigent­lich in einem Bereich sind, der durchaus ver­tretbar ist. Das heißt also, dass die Dinge, die Jupp Heynckes anspricht, für mich gar nicht exis­tent sind. (Heynckes hebt etwas über­rascht die Augen­brauen) Denn, ich wie­der­hole auch gerne die Dinge, die ich gesagt habe, zu denen ich auch stehe. Und ich glaube, man sollte sich jetzt hier in diesem Geschäft nicht irgendwie, sagen wir mal, so dünn­häutig zeigen, dass man eben daraus, nachher, gleich eine Welt­an­schauung macht. (Heynckes Augen­brauen sind wieder unten) Denn ich glaube, letzt­end­lich, ist in diesem Geschäft es not­wendig, (an Heynckes gewandt) dass wir auch, äh, in einer gewissen Art und Weise etwas ein­ste­cken können.“

Heller: Wir wollen es gar nicht auf ein so hohes Niveau bringen, mit Welt­an­schauung, ich glaube, es geht um ganz kon­krete Sachen dabei. Es gibt ja Punkte, die sitzen tief. Oder besser gesagt: Es gibt Wunden, die sitzen noch tief, Jupp Heynckes. Oder ich weiß nicht, ob Sie jetzt ant­worten wollen oder Uli Hoeneß?“

Hoeneß (springt in den Ring) Ja, ich habe mir doch mal Gedanken gemacht. Das letzte Mal in Bayern3 war ich leider nicht so gut vor­be­reitet. In der Zwi­schen­zeit hatt’ ich Zeit genug, das mal zu recher­chieren. (Hoeneß ist stolz und freut sich, an Daum gewandt) Jetzt les’ ich dir mal bis­serl was vor. (Hoeneß in bester Pastor-Manier, die Sünden vor­tra­gend) Du hast über Jupp Heynckes gesagt: ›Der könnte auch Wer­bung für Schlaf­ta­bletten machen.‹“

Daum:
 (zeigt keine Reue) Richtig.“

Hoeneß
 (lässt sich nicht stoppen) Du hast über ihn gesagt: ›Wenn einer so dünn­häutig ist, hat er hier nichts zu suchen. Die Wet­ter­karte ist inter­es­santer als ein Gespräch mit Heynckes.‹“

Daum:
(nickt manisch) Richtig.“

Hoeneß: Das ist alles ok. Jetzt aber kommt der ent­schei­dende Punkt.“

Hoeneß wird von Daum und dem Publikum unter­bro­chen.

Daum: Da stehe ich auch zu.“ 

Publikum klatscht Bei­fall, ein­zelne zustim­mende Rufe, Daum hustet. 

Hoeneß: (ver­sucht der Lage Herr zu werden) Jetzt kommt der ent­schei­dende Punkt.“

Daum: (bekräf­tigt, scheint dabei gelassen bis unbe­tei­ligt) Da stehe ich auch zu. Das sind auch die Dinge, die ich sag, und da steh ich auch zu.“

Hoeneß: (insis­tiert) Und jetzt kommt der ent­schei­dende Punkt: ›Nach dem Sieg über Inter Mai­land ging’s ihm mal für ein paar Stunden besser. Da war eine Hirn­win­dung mehr durch­blutet. Im Grunde genommen ist er völlig kaputt. Und jetzt, Moment, … (Daum ver­sucht Hoeneß zu unter­bre­chen) lass mich bitte ganz ruhig … “

Hoeneß und Daum ver­su­chen sich im Par­allel-Reden

Daum: Nein, ich kann dich gar nicht aus­spre­chen lassen. Weil, wir haben in Bayern3 genau die­selbe Situa­tion gehabt. Und da hast du schon mal ver­sucht, die Sache zu bringen.“

Hoeneß: Du hast in Bayern3, nein, du hast in Bayern3 gesagt, nein, das hast du nicht gesagt.“