Das Band ist ein wenig in die Jahre gekommen. Auf eine Kino­lein­wand pro­ji­ziert, tragen die kör­nigen Auf­nahmen die Patina einer aus dem Unter­be­wussten her­vor­ge­kramten Erin­ne­rung. Doch die Ent­täu­schung der Prot­ago­nisten auf dem Bild­schirm ist greifbar. Auch 20 Jahre danach tut Eng­lands Aus­scheiden bei der WM 1990 immer noch weh. Die nost­al­gi­sche Doku­men­ta­tion One Night In Turin“ beschwört die bit­ter­süßen Erin­ne­rungen an das dama­lige Aus herauf – und stellt den Abend in Turin als einen der großen Wen­de­punkte des eng­li­schen Fuß­balls dar.



Um die Bedeu­tung des Tur­niers für die eng­li­sche Seele zu ver­stehen, muss man sich die dama­lige poli­ti­sche und soziale Stim­mung im König­reich vor Augen führen. Die Nation litt unter den letzten Zuckungen des That­che­rismus, auf den Straßen kam es wegen der von der Regie­rung ein­ge­führten Kopf­steuer zu schweren Unruhen. Nach trost­losen Vor­stel­lungen im Vor­feld der WM war Manager Bobby Robson in die Kritik geraten. Die Zei­tungen stellten uner­hörte Behaup­tungen bezüg­lich seines Pri­vat­le­bens auf, und die feige FA gab klein bei: Robson wurde mit­ge­teilt, dass er, unab­hängig vom Abschneiden, nicht über die WM hinaus Natio­nal­trainer bleiben würde. Dem­entspre­chend ange­spannt war die Stim­mung im Team, als es in Ita­lien ein­traf.

Eine Art schüt­zende Blase

Wäh­rend seine Spieler die Presse mieden, stellte Bobby Robson sich ihr stets bereit­willig. Mit seinem Großmut und seiner uner­schüt­ter­li­chen Würde gelang es ihm, eine Art schüt­zender Blase um die Mann­schaft zu formen. Die Ent­schei­dung, mit Libero zu spielen, erwies sich als cle­verer Schachzug, der den krea­tiven Mit­tel­feld­spie­lern mehr Frei­räume ver­schaffte. Allen voran dem aus dem rauen Nord­osten stam­menden Paul Gas­coigne. Bald hatte Gazza die Fans daheim in seinen Bann gezogen, plötz­lich wen­dete sich das Blatt, und das ganze Land stellte sich hinter die zuvor geschmähte Elf. Unglaub­liche 25 Mil­lionen Fern­seh­zu­schauer waren am 4. Juli dabei, um das Halb­fi­nale gegen Deutsch­land zu sehen. Nur bei der Hoch­zeit von Prince Charles und Lady Di waren es mehr gewesen. Die eng­li­sche Psyche machte eine Ver­wand­lung durch, die Men­schen brauchten etwas, das ihnen Hoff­nung machte. Die­je­nigen, die es nicht im Sommer zuvor in Ecstasy und Acid House gefunden hatten, ent­deckten es nun im Fuß­ball.

Gegen Deutsch­land spielten die Eng­länder, als gäbe es kein Morgen. Gas­coigne wir­belte im Mit­tel­feld, bis er sich nach einem über­zo­genen Ein­satz gegen Thomas Bert­hold eine Gelbe Karte ein­han­delte, durch die er im Finale gesperrt gewesen wäre. Ein schlimmer Schlag für Gazza, dessen Tränen in der sonst so harten männ­li­chen Fuß­ball­welt bemer­kens­wert auf­richtig wirkten – und das Spiel, das ganz Eng­land in seinen Bann gezogen hatte, zu mehr als nur einem sport­li­chen Kräf­te­messen machten. Dieser Moment bedeu­tete auch den Höhe- und damit den Wen­de­punkt in Gas­coi­gnes Kar­riere. In einem der ein­dring­lichsten Momente von One Night In Turin“ geben Unter­titel Auf­schluss über ein Gespräch zwi­schen Bobby Robson und Gas­coigne nach Ende der Partie. Dies ist deine erste WM“, tröstet Robson. Doch leider war es auch Gazzas letzte. Und Eng­land schei­terte schließ­lich im Elf­me­ter­schießen.

Der Fuß­ball ver­än­derte sich nach der WM ´90

Das Match hatte viel­fäl­tige Aus­wir­kungen. Lang­fristig ver­än­derte es gar die Wahr­neh­mung dessen, was Fuß­ball aus­macht und für wen er bestimmt ist. Das Halb­fi­nale war nicht nur von den tra­di­tio­nellen Fans ver­folgt worden, son­dern es hatte dem Fuß­ball auch ein neues, bür­ger­li­ches Publikum erschlossen. Und dieses Publikum wollte mehr, womit der Weg geebnet war für eine bis dahin unge­kannte Ver­mark­tung des Sports, vom Pay-TV bis zur Grün­dung der Pre­mier League.