Seite 2: Ein kleiner Junge, der den Fußball über alles liebt

Und irgendwo in mir drin weinte ich auch ein wenig. Gut, es war eher ein Auf­stoßen wegen des vielen Bieres, aber immerhin: ich litt mit Cris­tiano. Den ich urplötz­lich auch völlig distanzlos Cris­tiano“ nannte, nicht mehr Cris­tiano Ronaldo oder spöt­tisch – Grund Nummer 273 – bei seinem däm­li­chen Mar­ken­namen CR7“. Nachdem er vom Feld getragen worden war, tauchte er am Spiel­feld­rand wieder auf, fast als eine Art Co-Trainer, gab emo­tional Anwei­sungen, schrie, hum­pelte, litt, raufte sich die – Grund Nummer 8 – völlig über­pflegten Haare.

All das, diese ehr­liche Ner­vo­sität, die Hilf­lo­sig­keit, gegen die Cris­tiano ver­geb­lich anfuch­telte, ließ durch­scheinen, was unter all den He-Man-Mus­keln, den Lam­bor­ghinis, der eigenen Unter­wä­sche­linie, der all­ge­meinen Wer­be­ge­sich­tig­keit dieser völlig zur Ober­fläche ver­kom­menen Person kaum mehr zu sehen war: Da stand ein kleiner Junge, der es über alles liebt, Fuß­ball zu spielen und auf Teufel komm raus nicht ver­lieren kann. Es zeigte sich eine durch und durch ehr­liche und unschul­dige Liebe zu diesem Sport, die ja natür­lich, denkt man dar­über nach, der Grund ist, warum Cris­tiano Ronaldo über­haupt so gut ist, wie er ist. 

Wie ein Klein­kind am Weih­nachts­abend

Als Eder das ent­schei­dende Tor schoss, jubel-hum­pelte Ronaldo die Linie auf und ab, fasste sich ungläubig an den Kopf, kam zur Jubel­traube zu spät. Vor der Pokal­über­gabe schubste er seinen Trainer ein wenig, umarmte, was ihm vor die He-Man-Arme lief, jubelte, weinte, hum­pelte, rannte zu den Fans, stemmte später den Pokal und wirkte dabei wie ein Klein­kind am Weih­nachts­abend, mit trä­nen­feuchten Wangen und gla­sigen Augen, den Blick irgendwo im Äther dieses absolut per­fekten Uni­ver­sums. 

Irgend­je­mand machte den Ton aus, dann das Bild, und wir gingen nach Hause. Noch auf der Straße zückte ich mein Notiz­buch und schrieb: Grund Nummer eins, Cris­tiano Ronaldo zu mögen: Viel­leicht doch kein so schlechter Kerl.