Wie für jedes Kind standen auch die sport­li­chen Ambi­tionen des jungen Jari Lit­manen anfangs vor der einen großen Frage: In wel­cher Sportart will ich zum Star werden? Doch gerade in Lahti, der heim­li­chen Sport­haupt­stadt Finn­lands, gibt es als Ant­wort für gewöhn­lich nur zwei erfolgs­ver­spre­chende Optionen: Ent­weder man jagt als Ski­springer die welt­be­rühmte Sal­paus­selkä-Schanze her­unter oder man spielt Eis­ho­ckey. Anschei­nend hatte der kleine Lit­manen aber bereits 1978 aus­rei­chend Weit­sicht, um zu erahnen, dass ihn eine Zukunft irgendwo zwi­schen Bulimie auf Bret­tern und Zahn­ver­lust auf Kufen nicht erfüllen würde. Beim Haus­auf­gabe-Thema Was ich später einmal werden will“ ant­wor­tete der damals Sie­ben­jäh­rige in einem Auf­satz: Ich will Fuß­ball­profi werden und bei den besten Klubs in Europa spielen.“

Der Vater Natio­nal­spieler, die Mutter Profi

Um zu ver­stehen, warum dieser Traum für den Otto­nor­mal­finnen an Wahn­sinn grenzt, muss man wissen, dass Fuß­ball in der Win­ter­sport­na­tion Finn­land sei­ner­zeit so populär war wie Wel­len­reiten, Beach­vol­ley­ball und Sand­bur­gen­bauen. Die Familie Lit­manen bil­dete da aller­dings eine Aus­nahme: Vater Olavi war fünf­fa­cher fin­ni­scher Natio­nal­spieler, auch Mutter Liisa kickte im Frau­en­team von Reipas Lahti. Doch Soh­ne­mann Jari setzte zum ganz großen Sprung an. In Ams­terdam, in Liver­pool, im Kon­zert der ganz Großen also, bekommt so man­cher noch heute Schnapp­at­mung, wenn er den Namen Jari Lit­manen hört.

Lit­ma­nens Kar­riere ist die Geschichte eines schmäch­tigen Jungen, der nach eigener Aus­sage seine Jugend dem Fuß­ball geop­fert“ hat, der zu jedem Trai­ning seines Jugend­klubs Reipas Lahti zehn Kilo­meter mit dem Fahrrad fuhr, der vor dem Fern­seher die Tricks seiner Vor­bilder Kevin Keegan und Kenny Dalg­lish stu­dierte und mit 14 anfing, jeden Abend alleine in der benach­barten Turn­halle bis zur Erschöp­fung mit dem Ball zu trai­nieren. Er kannte in der fuß­bal­le­ri­schen Dia­spora Finn­lands weder den Geruch eines frisch gemähtem Fuß­ball­platzes, noch hatte er erlebt, wie die Stim­mung in einem aus­ver­kauften 50.000-Plätze-Stadion explo­diert, kannte keine Männer, die ihren Klub mehr lieben als ihre eigene Frau, und träumte den­noch vom Unmög­li­chen: Er wollte als erster Finne Teil von Europas Eli­te­ki­ckern werden.

Fix­stern des Wun­der­teams

Als er am Abend des 24. Mai 1995 einen über­großen, sil­bernen Hen­kel­topf in den Abend­himmel von Wien reckt, hat er es geschafft. Soeben hat er mit Ajax Ams­terdam die Cham­pions League gewonnen und zwi­schen all den auf­stre­benden Super­stars, den Klui­verts, See­dorfs, de Boers und Rij­ka­ards ist Lit­manen der Fix­stern des ajax­schen Wun­der­teams. Als hän­gende Spitze wie­selt er mit der immer­glei­chen gebückten Hal­tung durch die besten Abwehr­reihen Europas. Ein Gegen­mittel gegen seinen enormen Tor­rie­cher, gegen seine beängs­ti­gende Effi­zienz fanden diese nie. Er zeigt keine atem­be­rau­benden Tricks, ver­zichtet auf jeden Schnörkel, das große Theater ist nicht seins. Den­noch nennt ihn die Ajax-Gefolg­schaft Merlin“ – weil er den Zauber ins Sta­dion bringt.