Es gibt viele Wege, mit dem Fuß­ball glück­lich zu werden, doch Michael Cox ent­schied sich für den ein­samsten. Jeden­falls dachte er lange, mit seinem ganz spe­zi­ellen Inter­esse am Spiel ziem­lich allein dazu­stehen. Irgendwie erschien es ihm kaum vor­stellbar, dass da draußen jemand seine Pas­sion teilen würde, wenn er daheim in London vor dem Fern­seher ein Fuß­ball­spiel sah und sich Notizen machte, die für die meisten Men­schen rät­sel­haft waren.

Mit der Euro­pa­meis­ter­schaft 2004 in Por­tugal begann der damals 19-Jäh­rige auf­zu­schreiben, in wel­chem System die Mann­schaften antraten und wie sie es inter­pre­tierten. Cox notierte, wenn der Links­ver­tei­diger zu früh angriff und sich Räume hinter ihm ergaben. Er wägte die Vor­teile des 4−3−3− gegen die des 4 – 4‑2-Sys­tems ab oder dachte über die Beson­der­heiten im Spiel hän­gender Spitzen“ nach. Irgend­wann kaufte er sich sogar eine kleine Tak­tik­tafel mit Magneten, um sich das Geschehen auf dem Platz noch besser klar zu machen.

Ich dachte manchmal, Taktik inter­es­siert nur mich“

Wäh­rend Michael Cox in den fol­genden Jahren immer mehr Notiz­bü­cher mit seinen Anmer­kungen und Ana­lysen füllte, begann er sich zu ärgern. Denn weder bei den Fern­seh­über­tra­gungen noch in den Zei­tungen fand er etwas von seinen Über­le­gungen wieder. Nicht, dass man dort anderer Mei­nung als er gewesen wäre, die ganze Welt der Taktik und Sys­teme kam ein­fach nicht vor. Ich dachte manchmal wirk­lich, dass nur mich allein die tak­ti­sche Seite des Spiels inter­es­siert.“

Das änderte sich erst 2008, als Inver­ting the Pyramid“ erschien. Das Buch des Jour­na­listen Jona­than Wilson über die Geschichte der Fuß­ball­taktik, das in diesem Früh­jahr auch in Deutsch­land ver­öf­fent­licht wird, wurde in Eng­land ein Über­ra­schungs­er­folg. Für Cox war das ein Signal: Es gab also außer ihm noch mehr Men­schen, die etwas über die Vor­teile der Drei­er­ab­wehr gegen eine Angriffs­for­ma­tion mit Dop­pel­spitze wissen wollten.

15.000 Besu­cher. Pro Tag.

Weil seine Arbeit in einem Mei­nungs­for­schungs­in­stitut zudem nicht richtig erfül­lend war, star­tete Cox im Januar letzten Jahres die Inter­net­seite Zonal Mar­king“. Was er vorher nur seinem Notiz­buch anver­traut hatte, konnte nun jeder nach­lesen. Und, die Leute taten es wirk­lich. Es ist ein­fach fan­tas­tisch, was in den letzten zwölf Monaten pas­siert ist„, sagt er. Inzwi­schen schauen sich im Schnitt 15 000 Besu­cher am Tag seine gene­rellen Erör­te­rungen zu Tak­tik­fragen an, vor allem aber die aktu­ellen Ana­lysen von Spielen, die er fast täg­lich lie­fert und an Wochen­end­tagen sogar von meh­reren Par­tien. Zonal Mar­king“ wurde in Eng­land zum besten Fuß­ball­blog des Jahres 2010 gewählt. Ein Trainer aus der Pre­mier League hat ange­rufen, um mit Cox zu fach­sim­peln, und bekann­tester Fan der Seite ist ein gewisser Jürgen Klins­mann. Der ehe­ma­lige deut­sche Natio­nal­trainer hat Zonal Mar­king“ auf seiner eigenen Web­site ver­linkt und schreibt dazu hym­nisch: Eine fan­tas­ti­sche Web­site über Fuß­ball­taktik, die Dia­gramme und Gra­fiken benutzt, um Sys­teme und Taktik her­aus­zu­stellen. Das sorgt für fas­zi­nie­rende Rück­mel­dungen von Fans, die Fuß­all­taktik offen­sicht­lich wirk­lich ernst nehmen. Ein echter Lese­spaß.“

Cox ist selbst so über­wäl­tigt wie ver­blüfft, dass er mit seiner Arbeit auf so viel Inter­esse stößt. In Eng­land haben wir eigent­lich nie so viel Wert auf Taktik gelegt, es ging immer mehr um die phy­si­schen Mög­lich­keiten und um Moti­va­tion“, sagt er. Doch inzwi­schen ist das Thema so ange­sagt, dass es vom ver­dienten Fuß­ball­ma­gazin When Saturday Comes“ bereits leisen Spott für das nächste große Ding gibt: Zonal Mar­king ist ein Muss, seitdem es wich­tiger ist, den Ein­druck zu ver­mit­teln, dass man sich mit Fuß­ball­taktik aus­kennt, als gut im Bett zu sein.“

Fri­sche Per­spek­tiven auf den Fuß­ball

Um seine Ken­ner­schaft weiter zu ver­bes­sern, sind die Ana­lysen von Michael Cox längst nicht mehr das ein­zige Angebot. Der in Paris lebende eng­li­sche Jour­na­list Tom Wil­liams lie­fert auf Foot­ball Fur­ther“, wie es im Unter­titel seiner Seite heißt: Fri­sche Per­spek­tiven auf tak­ti­sche Trends und den fran­zö­si­schen Fuß­ball.“ Dort erör­tert er neben Neu­ig­keiten des Fuß­balls in Frank­reich auch, wie José Mour­inho bei Real Madrid seine Mit­tel­feld­for­ma­tion suchte oder widmet sich der Frage, ob es seit der hol­län­di­schen Natio­nal­mann­schaft von 1974 keine großen Inno­va­toren im Welt­fuß­ball mehr gegeben hat.

Michael Cox selbst schätzt beson­ders Tal­king about Foot­ball“ seines Lands­manns Tim Hill, mit dem er auch seine Begeis­te­rung für die tak­ti­schen Inno­va­tionen bei der aktu­ellen Nummer drei des spa­ni­schen Fuß­balls teilt. Vil­lareals umstell­bares System – die Rück­kehr des bra­si­lia­ni­schen 4 – 2‑2 – 2“ ist einer der Bei­träge Hills über­schrieben. An anderer Stelle ver­gleicht er die Liver­pooler Stadt­derbys der letzten beiden Spiel­zeiten mit­ein­ander, um die Ver­än­de­rungen beim FC Liver­pool durch den Trai­ner­wechsel von Rafa Benitez zum inzwi­schen bereits ent­las­senen Roy Hodg son zu illus­trieren.

Fuß­ball­blog zur Feier der Ver­tei­diger

Mitt­ler­weile gibt es selbst in diesem schon reich­lich spe­zi­ellen Feld bereits erste Aus­dif­fe­ren­zie­rungen. Seit Mitte ver­gan­genen Jahres geht es bei Defen­sive Minded“ aus­schließ­lich um die defen­sive Seite des Spiels. Der anonyme Autor führt einen Fuß­ball­blog zur Feier der Ver­tei­diger und der unter­schätzten Art der Ver­tei­di­gung“. Dort beju­belt er etwa Sven Bender, den defen­siven Mit­tel­feld­spieler von Borussia Dort­mund, in einer aus­führ­li­chen Eloge als Das Biest neben Sahins Schön­heit“. Wer es ganz genau wissen möchte, erfährt am Bei­spiel von Racing San­tander, wie man mit einer Fünfer-Abwehr am besten nicht spielen sollte und wie es die Glasgow Ran­gers richtig machen. Vielen Fans von Werder Bremen hin­gegen wird die zutiefst irri­tierte Erör­te­rung der Defen­sive ihres Klubs aus dem Herzen spre­chen, bei dem das Ver­tei­digen unver­bind­lich geworden ist“.

Bemer­kens­wert bei allen Blogs ist ihre Inter­na­tio­na­lität, ganz selbst­ver­ständ­lich geht es nir­gendwo nur um den Fuß­ball im eigenen Land. Cox etwa nimmt sich neben den Spielen aus den großen Ligen auch jenen aus Por­tugal oder der Türkei an, wenn er Über­tra­gungen im Netz findet. Auch den deut­schen Fuß­ball ver­folgt er auf­merksam. Ich mag die Bun­des­liga, weil es dort viele intel­li­gente Trainer gibt, die sich tak­tisch inter­es­sante Schlachten lie­fern“, sagt Cox. Sein auf­merk­samer Blick für den deut­schen Fuß­ball führt zu dem bizarren Umstand, dass man die inter­es­san­testen Ana­lysen eines Bun­des­li­ga­spiels mit­unter auf der Web­site dieses Eng­län­ders lesen kann, der auf dem hei­mi­schen Sofa in Wim­bledon sitzt und auf dem Tak­tik­tä­fel­chen die Namen von deut­schen Kickern her­um­schiebt. Beson­ders gelungen war Wie Mainz die Bayern stoppte in zehn Schritten“, nachdem die Mann­schaft von Thomas Tuchel in der Vor­runde in Mün­chen gewonnen hatte. Damit deckt Cox einen Bedarf, den es wohl auch hier­zu­lande gibt. Bemer­kens­wert viele Leser aus Deutsch­land haben bereits den Weg zu Zonal Mar­king“ gefunden, weil es hier­zu­lande nichts Ver­gleich­bares gibt.

Der Tak­tik­nerd ist in der Mitte der Gesell­schaft ange­kommen

Der inter­es­sierte Beob­achter“, wie Cox sich selber bescheiden beschreibt, über­legt gerade, noch einen Trai­ner­schein zu machen. Aber ver­mut­lich wird die Zeit dazu nicht rei­chen. Neben der Web­site arbeitet er näm­lich auch für jene, über die er sich früher geär­gert hat. Den Guar­dian“ und die Web­sites der Fern­seh­sender ESPN und ITV belie­fert Cox inzwi­schen mit tak­ti­schen Ana­lysen. Ganz offen­sicht­lich ist der Tak­tik­nerd in der Mitte der Gesell­schaft ange­kommen.

—-
Internet-Tak­ti­kana­lysen im Über­blick: