Seite 3: „Verdammt, was hast du da gesagt?“

1991 gewann St. Pauli 1:0 bei den Bayern. Warum stieg die Mann­schaft ab?
Die Saison war eine Ach­ter­bahn­fahrt. Wir schei­terten in der Rele­ga­tion gegen die Stutt­garter Kickers. Es war dra­ma­tisch und sehr ärger­lich. Zweimal spielten wir 1:1, und weil es damals noch keine Ver­län­ge­rung oder Elf­me­ter­schießen gab, mussten wir zu einem Ent­schei­dungs­spiel in Gel­sen­kir­chen ran. 17 000 Zuschauer waren da, davon 12 000 aus Ham­burg. Wir ver­loren 1:3, die Stutt­garter waren ein­fach die fri­schere Mann­schaft.

Im Sommer 1993 wurden Sie von den Fans zum belieb­testen Spieler der Saison gekürt. Ein halbes Jahr später wären Sie bei­nahe aus der Stadt gejagt worden. Sie hatten Ihren Mit­spieler Leo­nardo Manzi als schwarze Sau“ beschimpft. Haben Sie die nega­tiven Reak­tionen ver­standen?
Natür­lich. Es war eine große Dumm­heit von mir, die ich sehr bedauere. Die ganze Geschichte trug sich im Trai­nings­lager in Spa­nien zu. Bei einem Trai­nings­spiel foulte Leo mich, schmerz­haft, aber nichts Schlimmes. Es kam zu einem Wort­wechsel mit Leo, Fuß­bal­ler­sprache hin und her! Im Affekt sagte ich dann diese Worte. Ich weiß noch, wie ich schon in diesem Moment dachte: Ver­dammt, was hast du da gesagt?“ Ich bin kein Ras­sist.

Wie ging es weiter?
Es gab eine Aus­sprache im Mit­tel­kreis. Ich ent­schul­digte mich bei Leo, er nahm die Ent­schul­di­gung an. Es gab aller­dings ein paar Spieler, die einen guten Draht zur Presse hatten. Kurze Zeit später las ich von der Sache in der Ham­burger Mor­gen­post“. Viele Fans for­derten meine Ent­las­sung, ich bot an, meine Kapi­täns­binde abzu­geben, aber die Mann­schaft wollte das nicht, sie stand hinter mir. Trotzdem: Diese Zeit hat mich sehr belastet. Aber ich glaube, die meisten St. Pauli-Fans haben mir diese Dumm­heit ver­ziehen.

Im Fan­zine Über­steiger“ belegten Sie danach regel­mäßig den ersten Platz als Unbe­lieb­tester Spieler“.
Es gab ein paar Leute bei St. Pauli, mit denen ich nicht so gut klarkam. Mit Sven Brux (damals Fan­be­auf­tragter, d. Red.) zum Bei­spiel. Oder mit Uli Maslo.

Wenn Sergio Ramos auf­hört, freuen sich ja auch viele Stürmer“

Was war das Pro­blem mit Maslo?
Ich habe sehr viele Trainer gehabt und sage über keinen etwas Schlechtes, aber Tat­sache war: Maslo kam 1994 zum Klub und mochte mich von Anfang an nicht. Weil ich aber ordent­lich spielte, musste er mich auf­stellen. Beson­ders kurios war es bei einem Aus­wärts­spiel in Berlin. Ich hatte eine Klausel im Ver­trag stehen, dass sich meine Lauf­zeit ver­län­gert, wenn ich zehn Spiele mache, und die Partie wäre meine zehnte gewesen. Am Vor­abend sagte Maslo also: Du musst diese Klausel raus­nehmen, nächste Saison plane ich ohne dich.“ Ich nahm die Klausel natür­lich nicht raus, und Maslo setzte mich auf die Bank. Mein Ersatz­mann Torsten Fröh­ling wurde aber prompt vom Platz gestellt, also musste Maslo mich ein­wech­seln.

Stimmt es, dass Uli Maslo in der Kabine die Taktik 4−4−3 ausgab und ein Spieler fragte: Trainer, spielen wir jetzt ohne Tor­wart?
(Lacht.) Ich weiß, dass er unbe­dingt auf Vie­rer­kette umstellen wollte. Wir haben die Vie­rer­kette aber nicht so trai­niert, dass sie funk­tio­nierte. Maslo sagte nur: Ihr vier spielt auf einer Linie.“ Als wir das in einem Test­spiel gegen Kai­sers­lau­tern aus­pro­bierten, bekamen wir sieben Stück. Danach ent­schieden wir Spieler, dass wir wieder in der alten For­ma­tion spielen.

Als Sie mit 35 Jahren Ihre Kar­riere been­deten, schrieb die Bild“-Zeitung: 76 Stürmer jubeln, weil dieser Mann ein­packt.“
Ich habe das als Lob ver­standen. Wenn Sergio Ramos auf­hört, freuen sich ja auch viele Stürmer. Ich war einer, der immer den Fuß und Körper hin­ge­halten hat, auch wenn es für mich gesund­heits­ge­fähr­dend war und ver­dammt weh tun konnte. Ich habe mich in keinem Spiel geschont und immer für den Erfolg der Mann­schaft gekämpft. Hun­dert­pro­zentig.

Wissen Sie eigent­lich, wie oft Sie in Ihrer Kar­riere vom Platz gestellt wurden?
Dreimal Rot, einmal Gelb-Rot in 17 Jahren, ich habe extra noch mal nach­ge­schaut. Viele Leute denken, dass ich viel häu­figer runter musste. Aber diese Sta­tistik ist doch harmlos im Ver­gleich zu Mark van Bommel. Der sam­melte so viele Platz­ver­weise in einer ein­zigen Saison.

Aber Ihre Kar­riere haben Sie am 16. März 1996 mit Rot beendet.
Unge­recht­fer­tigt! Glad­bachs Jörgen Pet­tersson ist in einer Eins-gegen-Eins-Situa­tion in einem Lauf­duell an meinem Schnür­senkel hän­gen­ge­blieben. Ich war letzter Mann, und das angeb­liche Foul hat der Schieds­richter als Not­bremse geahndet.