Hin­terher hatten es alle natür­lich wieder schon vorher gewusst. Schien es doch am Ende irgendwie logisch, fast unab­wendbar, dass die deut­sche Elf nach 1954, 1974 und 1990 in Rio de Janeiro ihren vierten WM-Titel gewann. Oliver Bier­hoff, der poly­glotte DFB-Manager, gab zu Pro­to­koll, dass er die kon­tem­pla­tive Energie des Quar­tiers, eine Art Geheim­zu­satz für den uner­schüt­ter­li­chen Team­spirit, schon gespürt habe, als er bei seinem ersten Besuch auf der vor­ge­la­gerten Insel in Campo Bahia noch auf einer Bau­stelle stand.

Kein Jour­na­list in der über­füllten Pres­se­kon­fe­renz nach dem Finale wider­sprach, als Bun­des­trainer Joa­chim Löw den Titel­ge­winn nun zu dem Ergebnis eines wis­sen­schaft­li­chen Lang­zeit­ex­pe­ri­ments sti­li­sierte, das ledig­lich einer natür­li­chen Bestim­mung gefolgt war: Das ist jetzt ein Pro­dukt von vielen Jahren, begin­nend mit Jürgen Klins­mann damals. Wir wussten genau, dass Cham­pions irgend­wann den letzten Schritt machen, um die Sache zu Ende zu bringen.“

Kann Löw über­haupt Titel?

Dabei war im Vor­feld der WM kaum etwas beharr­li­cher dis­ku­tiert worden, als die reich­lich irra­tio­nale Frage, ob der Bun­des­trainer über­haupt Titel könne“ und ob seinen hoch­ge­züch­teten Mus­ter­profis für ein langes, unwäg­bares Tur­nier in Süd­ame­rika nicht schlichtweg der Punch fehle. Als es dann end­lich geschafft war, die Jagd nach dem bekloppten vierten Stern zu Ende war, diesem Coup aus den Mar­ke­ting­werk­stätten der FIFA, hätte nur gefehlt, dass Sieg­tor­schütze Mario Götze noch in der Mixed Zone wie ein alt­ge­dienter Hol­ly­wood­star bei der Oscar-Ver­lei­hung einen Zettel aus den Stutzen zieht und vor lau­fenden Kameras die Liste seiner Unter­stützer her­un­ter­rat­tert.

Dass es nicht so kam, lag wohl eher daran, dass sich der 22-Jäh­rige eine Hand­voll Namen auch so merken kann. Jeden­falls über­hörte Match­winner Götze in der Pres­se­kon­fe­renz nach Spie­lende geflis­sent­lich die erste Frage und dankte zunächst einmal seinem Berater, seiner Freundin und der Familie. Warum auch nicht? Dem Sieger gehört schließ­lich die ganze Beute – und die Deu­tungs­ho­heit über die Ursa­chen des Erfolgs gleich mit.

Ver­gessen waren all die Per­so­nal­sorgen, die noch sechs Wochen zuvor das DFB-Team gequält hatten. Die ver­let­zungs­be­dingten Aus­fälle von Innen­ver­tei­diger Holger Bad­stuber und Marco Reus, dem her­aus­ragen-den Akteur der Saison 2013/14. Die allen­falls bedingt ein­satz­be­reite Mit­tel­feld­achse, bestehend aus Bas­tian Schwein­s­teiger und Sami Khe­dira. Das Pan­nen­trai­nings­lager in Süd­tirol. Dazu die stim­mungs­ver­dun­kelnden Halb­wahr­heiten und Hor­ror­mel­dungen, die inzwi­schen schon gewohn­heits­mäßig im Vor­feld welt­um­span­nender Sport­er­eig­nisse den deut­schen Medien- und Blät­ter­wald beherr­schen. Machen wir uns nichts vor: Als in São Paulo die Eröff­nungs­feier über die Bühne ging, fragten sich bezüg­lich der Erfolgs­aus­sichten der Löw-Elf viele ängst­lich: Wie soll das alles bloß werden?

Was wäre wenn gewesen?

Allein aus diesem Blick­winkel ist der Weg der deut­schen Elf ins Finale von Mara­canã kaum hoch genug zu bewerten und selbst für Ein­ge­weihte nur in der Retro­spek­tive erklärbar. Natür­lich ist er auch Ergebnis einer gene­ral­stabs­mä­ßigen Orga­ni­sa­tion, von vielen guten Ideen aus dem Trai­ner­stab und cle­verer Men­schen­füh­rung. Wenn es aber um die Qua­lität der Infra­struktur geht, die ein Ver­band um ein Team her­um­baut, müsste der DFB fast gewohn­heits­mäßig alle vier Jahre eine Welt­meis­ter­schaft feiern. Doch die Dra­ma­turgie des Tur­niers in Bra­si­lien beweist eben auch, dass bestimmte Dinge im Fuß­ball glück­li­cher­weise unbe­re­chenbar bleiben.

Was, wenn Asa­moah Gyan aus Ghana noch eine wei­tere Chance ver­wertet hätte? Wenn der Alge­rier Islam Sli­mani ziel­stre­biger gewesen wäre oder Gon­zalo Higuaín die fehl­ge­lei­tete Kopf­ball­rück­gabe von Toni Kroos im Finale – wie sonst eigent­lich immer – abge­staubt hätte? Weil aber auch im Fuß­ball der Kon­junktiv keine Rolle spielt, liest sich die Geschichte der WM 2014 nun wie ein Hel­den­epos. Wie ein Mär­chen, an dessen Ende ein stilles Ver­spre­chen end­lich ein­ge­löst wurde. 

Weil diese Geschichte aber nicht nur einen, son­dern gleich ein gutes Dut­zend Helden besitzt, besteht sie auch aus einer Viel­zahl von Kapi­teln. Der deut­sche Weg nach Rio, das ist auch die Geschichte Miro Kloses, der sich mit einem Jokertor gegen Ghana in die Geschichts­bü­cher ein­trägt. Von Jogi Löw als Cool-Water-Model im tro­pi­schen Regen von Recife. Vom Pakt des Trai­ners mit Philipp Lahm nach dem Alge­rien-Spiel. Von Manuel Neuer als Titan“ der Genera­tion Insta­gram. Von Bas­tian Schwein­s­tei­gers gefähr­li­chem Flirt mit der eigenen Inva­li­dität im Finale. Und last, but not least natür­lich die eines epo­chalen Semi­fi­nals, diesem Sün­den­fall des Gast­ge­ber­teams, das von nun an jeder Fuß­ballfan bis in alle Ewig­keit allein anhand des Resul­tats wird iden­ti­fi­zieren können: 1:7!