Seite 2: Weiterkommen? Geil! Rausfliegen? Urlaub, auch geil!

Warum ich das so schreibe? Ganz ehr­lich, nach 13 Spielen in sechs Wochen in der Seria A stand die Tank­nadel kurz vorm roten Bereich. Wir hatten nach dem Re-Start der Saison ein gera­dezu abnor­males Pro­gramm abzu­spulen. Das heißt natür­lich nicht, dass wir uns nicht wahn­sinnig gefreut hätten. Wir, die Pfei- fen aus dem kleinen Ber­gamo, durften bei der Elite-End­runde der Königs­klasse mit Bayern und Bar­ce­lona und Man­chester City dabei sein. Das allein reichte schon, uns zu moti­vieren. Trotzdem mischte sich da aus besagten Gründen eine gewisse Gelas­sen­heit rein: Wei­ter­kommen? Geil! Raus­fliegen? Urlaub, auch geil!

Ich bin nicht nur Fuß­ball­spieler, ich bin auch Fuß­ballfan. Mein Verein ist leider der FC Schalke 04, und seit Jahren weiß ich nicht mehr so wirk­lich, für was der Klub eigent­lich steht. Finde ich das gut? Nein, natür­lich nicht, das finde ich bescheiden. Ich will wissen, was ich von meiner“ Mann­schaft bekomme und was nicht. Bei uns in Ber­gamo wird den Zuschauern gna­den­loser Offen­siv­fuß­ball und Spek­takel geboten, weil es genau das ist, was für uns den Fuß­ball aus­macht. Ich finde es über­haupt nicht reiz­voll, wenn sich ein Team andau­ernd nur zu 1:0‑Siegen oder tor­losen Unent­schieden ver­tei­digt, weil es Schiss hat, auf die Fresse zu fliegen.

100 pro imago sport 1 34544421 highres
Max Din­kelaker

Für 11FREUNDE #208 haben wir aus­führ­lich mit Robin Gosens von Ata­lanta Ber­gamo gespro­chen. Hier gibt es aus Aus­züge aus dem Inter­view.

»Schon an der Koor­di­na­ti­ons­leiter lief es kata­stro­phal. Aber das Schlimmste kam erst noch. Ein tak­ti­sches Elf gegen Elf über den ganzen Platz. Ich wurde über­rannt.«
Robin Gosens über sein U19-Pro­be­trai­ning bei Borussia Dort­mund.

Max Din­kelaker
100 pro imago sport 1 32545341 highres
imago images

»Ich habe mich die ganze Zeit hilflos umge­guckt und hatte keinen Schimmer, wo ich hin­laufen soll. Unter dem Strich ein Fiasko.«

imago images
Imago34545130h
imago images

»Ich hatte Angst, dass der Scout meine Fahne rie­chen würde.«
Robin Gosens über den Scout von Vitesse Arn­heim, der ihn kurz nach dem BVB-Pro­be­trai­ning zufällig auf einem Dorf­sport­platz ent­deckte. Weil Gosens keine Ahnung hatte, dass ein Scout zuschauen würde, war er am Abend zuvor mit seinen Jungs unter­wegs gewesen.

imago images
100 pro imago sport 1 36084684 highres
imago images

»Eigent­lich erstaun­lich, dass wir das durch­ge­standen haben, ganz ver­kehrt war das Niveau ja auch nicht. Aber wir hatten damals stets das Gefühl: Je länger wir unter­wegs waren, desto besser lief es auf dem Platz.«

imago images
Imago31418841h
imago images

»Freitag raus, Samstag raus, die Nächte durch­ze­le­briert. In Rhede gab es eine ange­sagte Dorf­disco, das Blues. Davor trafen wir uns meis­tens bei den Eltern meines Mann­schafts­kol­legen Buggi im Keller. Dort wurde vor­ge­schep­pert.«
Gosens über seine Zeit in der A‑Jugend, als er nicht im Traum daran dachte, noch Profi zu werden und des­halb ein ganz nor­males Leben führte.

imago images
Mg 0710
imago images

»Zu der Zeit tril­lerten wir immer den glei­chen Song: Kama Ahava. Ich weiß gar nicht, von wem der ist, aber der Text geht nur so: Kama, Kama Ahava! Der letzte Schwach­sinn, aber wir haben dieses Lied über­trieben gefeiert. Irgend­wann fuhren wir dann alle zusammen mit den Fahr­rä­dern zum Blues. Wun­der­bare Nächte.«

imago images
Mg 0679
imago images

»An einem nor­malen Tag gehe ich um neun Uhr zum Fuß­ball und bin um 15 Uhr wieder zu Hause. Dann habe ich noch einen halben Tag. Warum sollte ich mich vor die Xbox hocken und bis Mit­ter­nacht zocken?«
Gosens auf die Frage, warum er an einer Fernuni Psy­cho­logie stu­diert.

imago images
Mg 0697
imago images

»Viele der Jungs, die ihr Leben schon früh auf den Fuß­ball aus­ge­richtet haben, denken nur an sich. Das meine ich über­haupt nicht wer­tend, ich stelle es nur fest.«

imago images
Mg 0707
imago images

»Die wollten unbe­dingt Profi werden, von Hun­derten Kids das eine sein, das es am Ende schafft. Ich dagegen war lange Teil einer Kum­pel­truppe. Ich war ein ganz nor­maler Bauer.«
Das kom­plette Inter­view mit Robin Gosens gibt es in unserem neuen Heft, 11FREUNDE #208. Ent­weder am Kiosk eurer Wahl oder direkt bei uns im Shop. Mit Robin Gosens haben wir über seine Jugend in Rhede gespro­chen, über die Pro­bleme, die man als Neu­ling im Geschäft mit Bera­tern hat und über sein Leben als Profi in Ita­lien.

imago images
/

Ich habe leider noch nie unter Mar­celo Bielsa gespielt. Der kam 2018 als Trainer zu Leeds United und hat einem der legen­därsten Ver­eine Eng­lands wieder Leben ein­ge­haucht, weil er seinen Bielsa-Ball“ trotz einiger Wider­stände durch­ge­zogen hat. Das bedeutet: Vollgas-Fuß­ball, extrem hohes Gegen­pres­sing, Mann-gegen-Mann-Ver­tei­di­gung über den ganzen Platz. Das hatte zur Folge, dass Leeds 2020 nach 16 Jahren wieder in die Pre­mier League auf­stieg. Und jetzt kommt das Beste: Leeds 2020, das war eine Mann­schaft ohne her­aus­ra­gende Ein­zel­spieler. Aber ist diese Mann­schaft auch nur einen Zen­ti­meter von ihrem Plan abge­rückt? Nein! Mit dem Ergebnis, dass Leeds zum Auf­takt in einem irren Spiel mit 3:4 gegen Meister Liver­pool verlor, anschlie­ßend 4:3 gegen Fulham gewann und gegen die Über­mann­schaft von Man­chester City ein spek­ta­ku­läres 1:1‑Unentschieden erspielte, das selbst Pep Guar­diola begeis­terte.

Ist das nicht geil? So macht Fuß­ball doch wirk­lich Spaß! Ich schaue mir regel­mäßig Leeds-Spiele an, weil deren uner­müd­liche Art auch sehr unserem Stil ähnelt. Leeds war in so vielen Spielen – wie auch wir für eine lange Zeit – der krasse Außen­seiter und hat trotzdem nichts an seiner offen­siven Phi­lo­so­phie geän­dert. Dafür lieben die Leute Bielsa, und dafür lieben unsere Fans Ata­lanta. Wenn du einen klaren Plan hast, stärkt das natür­lich auch dein Selbst­ver­trauen. Wenn du weißt, was du auf dem Platz zu tun hast und wohin deine Mit­spieler laufen. Wann du Attacke starten und wann du dich mal fallen lassen kannst.

98 Tore in der Serie A? nicht ohne Grund!

Mitt­ler­weile freuen sich nicht nur unsere Fans auf Ata­lanta-Spiele. Viele Fuß­ball­lieb­haber schalten den Fern­seher an, wenn wir spielen, weil sie wissen, dass ihnen in der Regel ein Spek­takel geboten wird. Wir haben nicht ohne Grund 98 Tore in der Seria-A-Saison geschossen. Es war ein durchaus stei­niger Weg, bis wir zu dieser gut geölten Maschine wurden. Natür­lich ging und geht das auch mal in die Hose, wie zum Bei­spiel beim ersten Cham­pions-League-Spiel in Zagreb, wo wir mit 0:4 unter die Räder kamen. Klar, dass wir mit unserer offen­siven Aus­rich­tung ab und zu mal einen auf den Sack bekommen. Ich weiß aber auch, dass wir dann halt im nächsten Spiel wieder fünf Tore schießen. Und ich bin ver­dammt stolz, dass ich da mit­zo­cken darf und auch mal meine Hütten mache. Für mich ist es keine Arbeit, son­dern purer Spaß. Und darum sollte es im Fuß­ball immer gehen. 

Zwei Tage vor dem Spiel gegen PSG wollten wir von Ber­gamo in Rich­tung Lis­sabon auf­bre­chen. Je näher der Abflugtag kam, desto größer wurden Auf­re­gung und Vor­freude. Es war toll, nach Monaten der Iso­la­tion mal wieder eine rich­tige Reise antreten zu dürfen. Und dann gleich so eine. Wir hatten lange Wochen auf diesen Moment gewartet und zwi­schen­zeit­lich sogar befürchten müssen, dass die Cham­pions-League-Saison kom­plett abge­bro­chen wird. Lange Zeit wusste nie­mand, wann über­haupt wieder Fuß­ball gespielt werden würde. Für uns wäre das der Flop des Jahr­hun­derts gewesen. Schon das Ach­tel­final-Rück­spiel in Valencia ohne Zuschauer war ziem­lich traurig gewesen. Mit einem plumpen Abbruch hätte unsere magi­sche Saison ein­fach nicht enden dürfen. 

Imago0047820163h

Gosens und seine Kol­legen feiern den Füh­rungs­treffer gegen Paris.

imago images

Diese End­runde in Lis­sabon war eine span­nende Sache. Irgendwie fühlten wir uns beson­ders. Das waren ja fast schon Welt­meis­ter­schafts­ver­hält­nisse. K.o.-Spiele, jeder in seinem eigenen Quar­tier, die besten Mann­schaften und Spieler Europas. Und mit­ten­drin das kleine Ata­lanta Ber­gamo! Wir waren total heiß darauf, den Leuten zu zeigen, dass wir völlig zu Recht bei diesem Kon­zert der Großen mit­spielen durften. Nor­ma­ler­weise lese ich vor Liga- und Cham­pions-League-Spielen keine Zei­tungen und surfe auch nicht auf den ein­schlä­gigen Seiten im Netz. Wobei die Worte nor­ma­ler­weise“ und Cham­pions League“ eigent­lich nicht in einen Satz gehören, aber gut. Jeden­falls ver­zichte ich vor Spielen auf Artikel über mich oder Ata­lanta, um nicht den Fokus zu ver­lieren. Bei mir sind es ohnehin die sozialen Medien, über die ich mich infor­miere. Sobald man mich in einem Bei­trag ver­linkt, bekomme ich das ja meis­tens mit (und bitte ver­linkt mich jetzt nicht in jedem Bei­trag!).

Warum ich das mache, fragt ihr euch jetzt? Weil die meisten dieser Kom­men­tare vor den Spielen eigent­lich immer positiv sind. Wenn du aller­dings gerade eine Pech­strähne hast, nicht so gut drauf bist und dich der Trainer trotzdem auf­stellt, kommen auch schon mal sehr bis­sige Kom­men­tare. Nach dem Motto: Wie kann es sein, dass die Fla­sche schon wieder spielt? Der ist doch grot­ten­schlecht!“ Vor dem Spiel gegen PSG war die Zahl der Glück­wün­sche sehr hoch. Tau­sende von Nach­richten flu­teten mein Post­fach. Macht Ber­gamo stolz, macht das Land stolz.“ Schenkt dieser Stadt mal wieder einen Grund zu lächeln.“ Aus Deutsch­land schrieb mir jemand: Wir sind hier alle für Ata­lanta!“ Freunde und Fami­li­en­mit­glieder schrieben mir, dass sie es gar nicht mehr abwarten konnten, und genauso nervös waren wie ich. Und selbst unser Trainer wirkte aus­nahms­weise mal eupho­ri­siert. Gian Piero Gas­perini ist nor­ma­ler­weise der typi­sche ita­lie­ni­sche Mister. Sach­lich, cool und knall­hart. Aber vor der Abreise nach Lis­sabon hat er uns richtig ein­ge­heizt und moti­viert – so emo­tional hatte ich ihn vorher noch nie erlebt.

-