Seite 3: „Tut uns den Gefallen und zieht den Kollegen aus Paris den Stecker!“

Eigent­lich bin ich nie so richtig nervös oder ange­spannt vor Spielen. Eher auf­ge­regt, weil ich immer Bock habe, dass es end­lich los­geht. Aber dieses Mal war es anders – auch weil ich das Gefühl hatte, dass ganz Ita­lien hinter uns steht. Objektiv betrachtet waren die Rollen klar ver­teilt: Hier der neu­reiche Super­klub aus Paris mit seinen Mil­lionen aus Katar, da der kleine Außen­seiter aus Ber­gamo, David gegen Goliath. Es ging bei diesem Duell nicht mehr nur um uns. Fuß­ball-Europa hatte uns einen Auf­trag mit­ge­geben: Tut uns den Gefallen und zieht den Kol­legen aus Paris den Ste­cker!“ Unser Trainer stieß ins selbe Horn: Mit uns können sich die Men­schen iden­ti­fi­zieren, wir tragen eine Ver­ant­wor­tung. Mit harter Arbeit kann man so viel errei­chen, kann Berge ver­setzen. Jungs, wir dürfen raus­fliegen, aber wir dürfen nie­mals dieses Gemein­schafts­ge­fühl und den Willen ver­missen lassen! Einer für alle, alle für einen. Das haben die Men­schen von uns gesehen, und das erwarten sie auch heute von uns. Egal, wie sehr wir leiden – wir gehen da zusammen durch!“ 

In der Kabine war die Moti­va­tion förm­lich greifbar. Es wurde nicht viel geredet, jeder war hoch­kon­zen­triert. Genau wie in Charkiw, acht Monate früher, beim ent­schei­denden 3:0‑Sieg gegen Schachtar Donezk, als wir für viele über­ra­schend den Sprung ins Ach­tel­fi­nale geschafft hatten. Jedem war das Feuer anzu­sehen, die Vor­freude auf das, was vor uns lag. Wir hatten bereits Geschichte geschrieben, aber wenn noch etwas mehr mög­lich war, dann in diesem Jahr. Ein Sieg und wir stünden im Halb­fi­nale der Cham­pions League. 

Imago0047820915h

Ata­lanta am Boden: Inner­halb weniger Sekunden ist der Traum vom Halb­fi­nale geplatzt.

imago images

Wir wollten für Ber­gamo spielen, für die Men­schen der Stadt, die in den ver­gan­genen Wochen und Monaten so viel hatten durch­ma­chen müssen. Jeder Fuß­baller hat vor sol­chen Spielen sein eigenes Ritual. Der eine macht Dehn­übungen, der andere hört Musik. Ich gehöre zur zweiten Gruppe, höre im Bus meis­tens Deutschrap oder Reg­gaeton, um ein biss­chen in Stim­mung zu kommen und schon mal die Hüften zu schwingen. Sobald ich den Bus ver­lasse, wird eigent­lich immer Raf­faelo“ von Shindy ange­schmissen („Und des­halb trag ich Uhren, für die man dir die Hand abhackt“) und anschlie­ßend in aller Ruhe der Platz inspi­ziert. Dann rolle ich in den Kata­komben die Iso­matte aus und mache eine Vier­tel­stunde lang ein paar Übungen, um die Mus­keln wieder auf­zu­we­cken. Und dann, nach einem dop­pelten Espresso zum Abschluss, bin ich heiß. 

Ange­kommen in der Kabine, wirkte Gas­perini, der sich dort nor­ma­ler­weise gar nicht auf­hält, extrem nervös, lief hin und her, klopfte uns die ganze Zeit auf die Schul­tern. So ange­spannt hatte ich den noch nie erlebt. Als wir nach dem Auf­wärmen wieder in die Kabine kamen, war der Sie­de­punkt erreicht. Dai, ragazzi!“, brüllten wir. Auf geht’s, Jungs! Wir gehen da jetzt raus und zer­reißen uns für dieses Trikot! Wir laufen so lange, bis keiner mehr spre­chen kann!“ Es fielen noch ganz andere Sätze, aber die gebe ich hier lieber nicht wieder. Wir brauchten das ein­fach in dem Moment, die ange­stauten Emo­tionen mussten raus.

Ärgert ihn, macht ihn wütend!“

Robin Gosens

Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so moti­viert wie vor diesem Spiel. Hätte mir jemand eine Klinge ins Bein gerammt, ich wäre da trotzdem raus­ge­gangen und in jeden Zwei­kampf gestürmt. So viel Adre­nalin reicht eigent­lich für eine ganze Saison. End­lich schlug die Stunde der Wahr­heit. Dieses wun­der­schöne und leider leere Estadio da Luz, ein Meis­ter­werk der Archi­tektur. 65 000 rote Sitz­schalen, reich­lich Flut­licht, milde 20 Grad und 22 Spieler, die sich jetzt um ein Ticket fürs Halb­fi­nale der Cham­pions League kloppen konnten. Und wieder mal fehlten die Fans, die beim Ertönen der Hymne für das letzte Biss­chen Gän­se­pelle gesorgt hätten. Aber auch das kannten wir ja inzwi­schen leider zu gut. Damit würden wir klar­kommen. 

Es dau­erte keine drei Minuten, ehe mir das erste Mal fast übel wurde. Neymar war von der Mit­tel­linie aus frei aufs Tor zuge­laufen und hatte aus fünf Metern abge­zogen. Glück für uns: Sein Schuss ging am Kasten vorbei. Genau eine solche Szene hatten wir vor dem Spiel bespro­chen und unbe­dingt ver­meiden wollen. Aber, na ja. Viel­leicht brauchten wir diesen Hallo-wach-Moment, denn nach dem frühen Bei­na­he­schock machten wir in den ersten 45 Minuten ein Rie­sen­spiel, spielten gutes Gegen­pres­sing und übten enorm Druck aus. Vor allem schafften wir es, Neymar zu nerven. Ich erin­nere mich an eine Aktion mit Marten de Roon, der ihm die ganze erste Hälfte lang per­ma­nent auf den Füßen gestanden war und ihn phy­sisch voll ran­ge­nommen hatte. Ney­mars Ell­bogen ging raus in Rich­tung Mar­tens Gesicht. Okay“, dachte ich, genauso wollten wir das haben!“ Ärgert ihn, macht ihn wütend! 

-