Träumen lohnt sich!

Der fol­gende Text ist ein Auszug aus dem Buch Träumen lohnt sich“, das Robin Gosens gemeinsam mit Autor Mario Kri­schel geschrieben hat. Das Buch, in dem Gosens von seinem außer­ge­wöhn­li­chen Weg in den Pro­fi­fuß­ball erzählt, erscheint am 08.04.2021.

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Ich lese sehr gerne Thriller und Romane. Und staune regel­mäßig, wie Autoren es schaffen, ein gebro­chenes Herz so zu beschreiben, dass es einen wirk­lich mit­nimmt. Ich werde das in diesem Kapitel eben­falls ver­su­chen, kann aber natür­lich nicht ver­spre­chen, dass es auch wirk­lich klappt. Habt ihr schon mal einen Tipp­schein aus­ge­füllt, auf dem bis zur letzten Spiel­mi­nute alles richtig war? Und dann macht ein spätes Tor doch noch alles kaputt? Oder habt ihr schon mal stunden- oder tage­lang gehofft, dass der oder die Liebste sich end­lich meldet? Ver­geb­lich gehofft? Das ist ein bru­tales Gefühl. Ein sol­ches Gefühl mul­ti­pli­ziert mit zehn, und wir kommen unge­fähr dahin, wo Neymar mich in Lis­sabon gelassen hat. Dieser ver­dammte Neymar.

Es war eine selt­same Situa­tion, in der wir zum Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nale nach Por­tugal auf­bra­chen. Die UEFA hatte beschlossen, dass die ver­blie­benen acht Teams ihre Vier­tel­final-Par­tien auf­grund der Corona-Pan­demie an einem Ort in einer Art Tur­nier aus­tragen. Die Wahl war auf Lis­sabon gefallen. Zusammen mit Paris Saint-Ger­main, RB Leipzig und Atle­tico Madrid waren wir bereits qua­li­fi­ziert. Ihr erin­nert euch an Valencia. Bayern Mün­chen, Chelsea, Bar­ce­lona, Neapel, Real Madrid, Man­chester City, Olym­pique Lyon und Juventus hatten ihre Ach­tel­final-Rück­spiele vor der fast welt­weiten Unter­bre­chung des Spiel­be­triebs nicht mehr aus­tragen können, ihre Begeg­nungen wurden noch in den jewei­ligen Sta­dien der Teams gespielt, danach sollten die letzten Vier­tel­fi­nal­teil­nehmer auch nach Lis­sabon fliegen und sich in die Corona-Blase“ begeben.

Okay, PSG. Krank.“

Robin Gosens

Rabea und ich ver­folgten die Aus­lo­sung, die bereits vor der Aus­tra­gung der letzten Ach­tel­final-Spiele statt­fand, zu Hause vor dem Fern­seher. Als Ata­lanta vs. PSG gezogen wurde, dachte ich nur: Okay, PSG. Krank.“ PSG, Thomas Tuchel, Kylian Mbappé. Und Neymar. Ich hatte Neymar schon immer bewun­dert. Wegen seiner krassen Dribb­lings hatte ich früher bei Fifa auf der Play­sta­tion immer den FC Santos gewählt. Als Neymar, der nur zwei Jahre älter ist als ich, 2009 bei Santos zu zau­bern begann, war ich gerade in die U17 des VfL Rhede gekommen. B‑Jugend statt erster bra­si­lia­ni­scher Liga. Als er 2013 für 88 Mil­lionen Euro von Santos zum FC Bar­ce­lona trans­fe­riert wurde, ver­diente ich mir in der zweiten Mann­schaft von Vitesse Arn­heim meine ersten Sporen. Und wäh­rend Neymar 2017, längst ein Welt­star, für die Rekord­summe von 222 Mil­lionen Euro zu Paris Saint-Ger­main wech­selte, über­wies Ata­lanta Ber­gamo an Hera­cles Almelo 900 000 Euro für meine Dienste. Ganz offi­ziell war Neymar damit 246-mal so viel wert wie Robin Gosens. Ein Fer­rari neben einem Dreirad, aber wen küm­mert das schon? (Wie Robin Gosens über­haupt im Pro­fi­fuß­ball gelandet ist, lest ihr in diesem Inter­view)

Eins vorweg: Ich hatte in Ita­lien das große Ver­gnügen, einige Male gegen Cris­tiano Ronaldo zu spielen und ihn 2019 sogar aus der Coppa Italia zu schmeißen. Aber an das, was Neymar da mit uns in diesem Spiel abge­zogen hat, kam selbst CR7 nicht ran. Was der mit dem Ball anstellt, ist ein­fach unglaub­lich. Der kann aus dem Stand drei oder vier Spieler ver­na­schen, bevor die über­haupt die Chance haben, ihre Mama um Hilfe zu rufen. 

Nach der Aus­lo­sung reagierten die Jungs aus der Mann­schaft ähn­lich wie ich: Richtig geil, Jackpot. Zumal es außerdem so schien, dass wir die ver­meint­lich ein­fa­chere Seite des Tur­nier­zweigs erwischt hatten. Sollten wir uns also gegen PSG durch­setzen, würden im Halb­fi­nale nicht der FC Bayern oder Man­chester City warten, son­dern nur“ Atle­tico Madrid oder RB Leipzig. Eklige Gegner, klar. Aber immer noch mach­barer als Bayern oder City. Gegen City waren wir in der Grup­pen­phase mit 1:5 unter­gan­genen. Natür­lich hätte ich gerne gegen die Bayern gespielt, das war immer ein Traum von mir. Aber die waren zu dem Zeit­punkt so unfassbar gut drauf, dass ich doch lieber darauf ver­zichten wollte. Gegen Paris rech­neten wir uns reelle Chancen aus. Denn gegen diese Welt­aus­wahl hatten wir nichts zu ver­lieren und würden ohne Druck, ohne Ver­sa­gens­ängste in die Partie gehen können. Wir konnten ver­su­chen, unser gewohntes Spiel auf­zu­ziehen. Würden wir die Begeg­nung gewinnen, stünden wir sen­sa­tio­nell im Halb­fi­nale der Cham­pions League. Eine Nie­der­lage würde dagegen für einen vor­zei­tigen Som­mer­ur­laub sorgen, auch sehr reiz­voll.

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Warum ich das so schreibe? Ganz ehr­lich, nach 13 Spielen in sechs Wochen in der Seria A stand die Tank­nadel kurz vorm roten Bereich. Wir hatten nach dem Re-Start der Saison ein gera­dezu abnor­males Pro­gramm abzu­spulen. Das heißt natür­lich nicht, dass wir uns nicht wahn­sinnig gefreut hätten. Wir, die Pfei- fen aus dem kleinen Ber­gamo, durften bei der Elite-End­runde der Königs­klasse mit Bayern und Bar­ce­lona und Man­chester City dabei sein. Das allein reichte schon, uns zu moti­vieren. Trotzdem mischte sich da aus besagten Gründen eine gewisse Gelas­sen­heit rein: Wei­ter­kommen? Geil! Raus­fliegen? Urlaub, auch geil!

Ich bin nicht nur Fuß­ball­spieler, ich bin auch Fuß­ballfan. Mein Verein ist leider der FC Schalke 04, und seit Jahren weiß ich nicht mehr so wirk­lich, für was der Klub eigent­lich steht. Finde ich das gut? Nein, natür­lich nicht, das finde ich bescheiden. Ich will wissen, was ich von meiner“ Mann­schaft bekomme und was nicht. Bei uns in Ber­gamo wird den Zuschauern gna­den­loser Offen­siv­fuß­ball und Spek­takel geboten, weil es genau das ist, was für uns den Fuß­ball aus­macht. Ich finde es über­haupt nicht reiz­voll, wenn sich ein Team andau­ernd nur zu 1:0‑Siegen oder tor­losen Unent­schieden ver­tei­digt, weil es Schiss hat, auf die Fresse zu fliegen.

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Max Din­kelaker

Für 11FREUNDE #208 haben wir aus­führ­lich mit Robin Gosens von Ata­lanta Ber­gamo gespro­chen. Hier gibt es aus Aus­züge aus dem Inter­view.

»Schon an der Koor­di­na­ti­ons­leiter lief es kata­stro­phal. Aber das Schlimmste kam erst noch. Ein tak­ti­sches Elf gegen Elf über den ganzen Platz. Ich wurde über­rannt.«
Robin Gosens über sein U19-Pro­be­trai­ning bei Borussia Dort­mund.

Max Din­kelaker
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»Ich habe mich die ganze Zeit hilflos umge­guckt und hatte keinen Schimmer, wo ich hin­laufen soll. Unter dem Strich ein Fiasko.«

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»Ich hatte Angst, dass der Scout meine Fahne rie­chen würde.«
Robin Gosens über den Scout von Vitesse Arn­heim, der ihn kurz nach dem BVB-Pro­be­trai­ning zufällig auf einem Dorf­sport­platz ent­deckte. Weil Gosens keine Ahnung hatte, dass ein Scout zuschauen würde, war er am Abend zuvor mit seinen Jungs unter­wegs gewesen.

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»Eigent­lich erstaun­lich, dass wir das durch­ge­standen haben, ganz ver­kehrt war das Niveau ja auch nicht. Aber wir hatten damals stets das Gefühl: Je länger wir unter­wegs waren, desto besser lief es auf dem Platz.«

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»Freitag raus, Samstag raus, die Nächte durch­ze­le­briert. In Rhede gab es eine ange­sagte Dorf­disco, das Blues. Davor trafen wir uns meis­tens bei den Eltern meines Mann­schafts­kol­legen Buggi im Keller. Dort wurde vor­ge­schep­pert.«
Gosens über seine Zeit in der A‑Jugend, als er nicht im Traum daran dachte, noch Profi zu werden und des­halb ein ganz nor­males Leben führte.

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»Zu der Zeit tril­lerten wir immer den glei­chen Song: Kama Ahava. Ich weiß gar nicht, von wem der ist, aber der Text geht nur so: Kama, Kama Ahava! Der letzte Schwach­sinn, aber wir haben dieses Lied über­trieben gefeiert. Irgend­wann fuhren wir dann alle zusammen mit den Fahr­rä­dern zum Blues. Wun­der­bare Nächte.«

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»An einem nor­malen Tag gehe ich um neun Uhr zum Fuß­ball und bin um 15 Uhr wieder zu Hause. Dann habe ich noch einen halben Tag. Warum sollte ich mich vor die Xbox hocken und bis Mit­ter­nacht zocken?«
Gosens auf die Frage, warum er an einer Fernuni Psy­cho­logie stu­diert.

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»Viele der Jungs, die ihr Leben schon früh auf den Fuß­ball aus­ge­richtet haben, denken nur an sich. Das meine ich über­haupt nicht wer­tend, ich stelle es nur fest.«

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»Die wollten unbe­dingt Profi werden, von Hun­derten Kids das eine sein, das es am Ende schafft. Ich dagegen war lange Teil einer Kum­pel­truppe. Ich war ein ganz nor­maler Bauer.«
Das kom­plette Inter­view mit Robin Gosens gibt es in unserem neuen Heft, 11FREUNDE #208. Ent­weder am Kiosk eurer Wahl oder direkt bei uns im Shop. Mit Robin Gosens haben wir über seine Jugend in Rhede gespro­chen, über die Pro­bleme, die man als Neu­ling im Geschäft mit Bera­tern hat und über sein Leben als Profi in Ita­lien.

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Ich habe leider noch nie unter Mar­celo Bielsa gespielt. Der kam 2018 als Trainer zu Leeds United und hat einem der legen­därsten Ver­eine Eng­lands wieder Leben ein­ge­haucht, weil er seinen Bielsa-Ball“ trotz einiger Wider­stände durch­ge­zogen hat. Das bedeutet: Vollgas-Fuß­ball, extrem hohes Gegen­pres­sing, Mann-gegen-Mann-Ver­tei­di­gung über den ganzen Platz. Das hatte zur Folge, dass Leeds 2020 nach 16 Jahren wieder in die Pre­mier League auf­stieg. Und jetzt kommt das Beste: Leeds 2020, das war eine Mann­schaft ohne her­aus­ra­gende Ein­zel­spieler. Aber ist diese Mann­schaft auch nur einen Zen­ti­meter von ihrem Plan abge­rückt? Nein! Mit dem Ergebnis, dass Leeds zum Auf­takt in einem irren Spiel mit 3:4 gegen Meister Liver­pool verlor, anschlie­ßend 4:3 gegen Fulham gewann und gegen die Über­mann­schaft von Man­chester City ein spek­ta­ku­läres 1:1‑Unentschieden erspielte, das selbst Pep Guar­diola begeis­terte.

Ist das nicht geil? So macht Fuß­ball doch wirk­lich Spaß! Ich schaue mir regel­mäßig Leeds-Spiele an, weil deren uner­müd­liche Art auch sehr unserem Stil ähnelt. Leeds war in so vielen Spielen – wie auch wir für eine lange Zeit – der krasse Außen­seiter und hat trotzdem nichts an seiner offen­siven Phi­lo­so­phie geän­dert. Dafür lieben die Leute Bielsa, und dafür lieben unsere Fans Ata­lanta. Wenn du einen klaren Plan hast, stärkt das natür­lich auch dein Selbst­ver­trauen. Wenn du weißt, was du auf dem Platz zu tun hast und wohin deine Mit­spieler laufen. Wann du Attacke starten und wann du dich mal fallen lassen kannst.

98 Tore in der Serie A? nicht ohne Grund!

Mitt­ler­weile freuen sich nicht nur unsere Fans auf Ata­lanta-Spiele. Viele Fuß­ball­lieb­haber schalten den Fern­seher an, wenn wir spielen, weil sie wissen, dass ihnen in der Regel ein Spek­takel geboten wird. Wir haben nicht ohne Grund 98 Tore in der Seria-A-Saison geschossen. Es war ein durchaus stei­niger Weg, bis wir zu dieser gut geölten Maschine wurden. Natür­lich ging und geht das auch mal in die Hose, wie zum Bei­spiel beim ersten Cham­pions-League-Spiel in Zagreb, wo wir mit 0:4 unter die Räder kamen. Klar, dass wir mit unserer offen­siven Aus­rich­tung ab und zu mal einen auf den Sack bekommen. Ich weiß aber auch, dass wir dann halt im nächsten Spiel wieder fünf Tore schießen. Und ich bin ver­dammt stolz, dass ich da mit­zo­cken darf und auch mal meine Hütten mache. Für mich ist es keine Arbeit, son­dern purer Spaß. Und darum sollte es im Fuß­ball immer gehen. 

Zwei Tage vor dem Spiel gegen PSG wollten wir von Ber­gamo in Rich­tung Lis­sabon auf­bre­chen. Je näher der Abflugtag kam, desto größer wurden Auf­re­gung und Vor­freude. Es war toll, nach Monaten der Iso­la­tion mal wieder eine rich­tige Reise antreten zu dürfen. Und dann gleich so eine. Wir hatten lange Wochen auf diesen Moment gewartet und zwi­schen­zeit­lich sogar befürchten müssen, dass die Cham­pions-League-Saison kom­plett abge­bro­chen wird. Lange Zeit wusste nie­mand, wann über­haupt wieder Fuß­ball gespielt werden würde. Für uns wäre das der Flop des Jahr­hun­derts gewesen. Schon das Ach­tel­final-Rück­spiel in Valencia ohne Zuschauer war ziem­lich traurig gewesen. Mit einem plumpen Abbruch hätte unsere magi­sche Saison ein­fach nicht enden dürfen. 

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Gosens und seine Kol­legen feiern den Füh­rungs­treffer gegen Paris.

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Diese End­runde in Lis­sabon war eine span­nende Sache. Irgendwie fühlten wir uns beson­ders. Das waren ja fast schon Welt­meis­ter­schafts­ver­hält­nisse. K.o.-Spiele, jeder in seinem eigenen Quar­tier, die besten Mann­schaften und Spieler Europas. Und mit­ten­drin das kleine Ata­lanta Ber­gamo! Wir waren total heiß darauf, den Leuten zu zeigen, dass wir völlig zu Recht bei diesem Kon­zert der Großen mit­spielen durften. Nor­ma­ler­weise lese ich vor Liga- und Cham­pions-League-Spielen keine Zei­tungen und surfe auch nicht auf den ein­schlä­gigen Seiten im Netz. Wobei die Worte nor­ma­ler­weise“ und Cham­pions League“ eigent­lich nicht in einen Satz gehören, aber gut. Jeden­falls ver­zichte ich vor Spielen auf Artikel über mich oder Ata­lanta, um nicht den Fokus zu ver­lieren. Bei mir sind es ohnehin die sozialen Medien, über die ich mich infor­miere. Sobald man mich in einem Bei­trag ver­linkt, bekomme ich das ja meis­tens mit (und bitte ver­linkt mich jetzt nicht in jedem Bei­trag!).

Warum ich das mache, fragt ihr euch jetzt? Weil die meisten dieser Kom­men­tare vor den Spielen eigent­lich immer positiv sind. Wenn du aller­dings gerade eine Pech­strähne hast, nicht so gut drauf bist und dich der Trainer trotzdem auf­stellt, kommen auch schon mal sehr bis­sige Kom­men­tare. Nach dem Motto: Wie kann es sein, dass die Fla­sche schon wieder spielt? Der ist doch grot­ten­schlecht!“ Vor dem Spiel gegen PSG war die Zahl der Glück­wün­sche sehr hoch. Tau­sende von Nach­richten flu­teten mein Post­fach. Macht Ber­gamo stolz, macht das Land stolz.“ Schenkt dieser Stadt mal wieder einen Grund zu lächeln.“ Aus Deutsch­land schrieb mir jemand: Wir sind hier alle für Ata­lanta!“ Freunde und Fami­li­en­mit­glieder schrieben mir, dass sie es gar nicht mehr abwarten konnten, und genauso nervös waren wie ich. Und selbst unser Trainer wirkte aus­nahms­weise mal eupho­ri­siert. Gian Piero Gas­perini ist nor­ma­ler­weise der typi­sche ita­lie­ni­sche Mister. Sach­lich, cool und knall­hart. Aber vor der Abreise nach Lis­sabon hat er uns richtig ein­ge­heizt und moti­viert – so emo­tional hatte ich ihn vorher noch nie erlebt.

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Eigent­lich bin ich nie so richtig nervös oder ange­spannt vor Spielen. Eher auf­ge­regt, weil ich immer Bock habe, dass es end­lich los­geht. Aber dieses Mal war es anders – auch weil ich das Gefühl hatte, dass ganz Ita­lien hinter uns steht. Objektiv betrachtet waren die Rollen klar ver­teilt: Hier der neu­reiche Super­klub aus Paris mit seinen Mil­lionen aus Katar, da der kleine Außen­seiter aus Ber­gamo, David gegen Goliath. Es ging bei diesem Duell nicht mehr nur um uns. Fuß­ball-Europa hatte uns einen Auf­trag mit­ge­geben: Tut uns den Gefallen und zieht den Kol­legen aus Paris den Ste­cker!“ Unser Trainer stieß ins selbe Horn: Mit uns können sich die Men­schen iden­ti­fi­zieren, wir tragen eine Ver­ant­wor­tung. Mit harter Arbeit kann man so viel errei­chen, kann Berge ver­setzen. Jungs, wir dürfen raus­fliegen, aber wir dürfen nie­mals dieses Gemein­schafts­ge­fühl und den Willen ver­missen lassen! Einer für alle, alle für einen. Das haben die Men­schen von uns gesehen, und das erwarten sie auch heute von uns. Egal, wie sehr wir leiden – wir gehen da zusammen durch!“ 

In der Kabine war die Moti­va­tion förm­lich greifbar. Es wurde nicht viel geredet, jeder war hoch­kon­zen­triert. Genau wie in Charkiw, acht Monate früher, beim ent­schei­denden 3:0‑Sieg gegen Schachtar Donezk, als wir für viele über­ra­schend den Sprung ins Ach­tel­fi­nale geschafft hatten. Jedem war das Feuer anzu­sehen, die Vor­freude auf das, was vor uns lag. Wir hatten bereits Geschichte geschrieben, aber wenn noch etwas mehr mög­lich war, dann in diesem Jahr. Ein Sieg und wir stünden im Halb­fi­nale der Cham­pions League. 

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Ata­lanta am Boden: Inner­halb weniger Sekunden ist der Traum vom Halb­fi­nale geplatzt.

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Wir wollten für Ber­gamo spielen, für die Men­schen der Stadt, die in den ver­gan­genen Wochen und Monaten so viel hatten durch­ma­chen müssen. Jeder Fuß­baller hat vor sol­chen Spielen sein eigenes Ritual. Der eine macht Dehn­übungen, der andere hört Musik. Ich gehöre zur zweiten Gruppe, höre im Bus meis­tens Deutschrap oder Reg­gaeton, um ein biss­chen in Stim­mung zu kommen und schon mal die Hüften zu schwingen. Sobald ich den Bus ver­lasse, wird eigent­lich immer Raf­faelo“ von Shindy ange­schmissen („Und des­halb trag ich Uhren, für die man dir die Hand abhackt“) und anschlie­ßend in aller Ruhe der Platz inspi­ziert. Dann rolle ich in den Kata­komben die Iso­matte aus und mache eine Vier­tel­stunde lang ein paar Übungen, um die Mus­keln wieder auf­zu­we­cken. Und dann, nach einem dop­pelten Espresso zum Abschluss, bin ich heiß. 

Ange­kommen in der Kabine, wirkte Gas­perini, der sich dort nor­ma­ler­weise gar nicht auf­hält, extrem nervös, lief hin und her, klopfte uns die ganze Zeit auf die Schul­tern. So ange­spannt hatte ich den noch nie erlebt. Als wir nach dem Auf­wärmen wieder in die Kabine kamen, war der Sie­de­punkt erreicht. Dai, ragazzi!“, brüllten wir. Auf geht’s, Jungs! Wir gehen da jetzt raus und zer­reißen uns für dieses Trikot! Wir laufen so lange, bis keiner mehr spre­chen kann!“ Es fielen noch ganz andere Sätze, aber die gebe ich hier lieber nicht wieder. Wir brauchten das ein­fach in dem Moment, die ange­stauten Emo­tionen mussten raus.

Ärgert ihn, macht ihn wütend!“

Robin Gosens

Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so moti­viert wie vor diesem Spiel. Hätte mir jemand eine Klinge ins Bein gerammt, ich wäre da trotzdem raus­ge­gangen und in jeden Zwei­kampf gestürmt. So viel Adre­nalin reicht eigent­lich für eine ganze Saison. End­lich schlug die Stunde der Wahr­heit. Dieses wun­der­schöne und leider leere Estadio da Luz, ein Meis­ter­werk der Archi­tektur. 65 000 rote Sitz­schalen, reich­lich Flut­licht, milde 20 Grad und 22 Spieler, die sich jetzt um ein Ticket fürs Halb­fi­nale der Cham­pions League kloppen konnten. Und wieder mal fehlten die Fans, die beim Ertönen der Hymne für das letzte Biss­chen Gän­se­pelle gesorgt hätten. Aber auch das kannten wir ja inzwi­schen leider zu gut. Damit würden wir klar­kommen. 

Es dau­erte keine drei Minuten, ehe mir das erste Mal fast übel wurde. Neymar war von der Mit­tel­linie aus frei aufs Tor zuge­laufen und hatte aus fünf Metern abge­zogen. Glück für uns: Sein Schuss ging am Kasten vorbei. Genau eine solche Szene hatten wir vor dem Spiel bespro­chen und unbe­dingt ver­meiden wollen. Aber, na ja. Viel­leicht brauchten wir diesen Hallo-wach-Moment, denn nach dem frühen Bei­na­he­schock machten wir in den ersten 45 Minuten ein Rie­sen­spiel, spielten gutes Gegen­pres­sing und übten enorm Druck aus. Vor allem schafften wir es, Neymar zu nerven. Ich erin­nere mich an eine Aktion mit Marten de Roon, der ihm die ganze erste Hälfte lang per­ma­nent auf den Füßen gestanden war und ihn phy­sisch voll ran­ge­nommen hatte. Ney­mars Ell­bogen ging raus in Rich­tung Mar­tens Gesicht. Okay“, dachte ich, genauso wollten wir das haben!“ Ärgert ihn, macht ihn wütend! 

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In den ersten 45 Minuten lief alles für uns. Neymar ließ zwei Groß­chancen aus, wir kamen immer besser ins Spiel, und in der 26. Minute schoss uns Mario Pasalic, unsere Nummer 88, in Füh­rung. Wieder so ein Moment, der für immer bleiben wird. Wie wir aus­ge­rastet sind, wie ein­fach alles passte. Das war ein­fach nur geil. In der Halb­zeit war der Trainer voll des Lobes: Jungs, ihr habt das groß­artig gemacht! Unser Plan geht auf. Diese zwei Chancen, die Neymar da lie­gen­lässt … Heute ist so ein Tag. Glaubt an euch!“ Auch ich war mir ganz sicher: Ver­dammt noch mal, hier geht heute wirk­lich was! Gas­perini sagte aller­dings noch etwas: Wir dürfen auf gar keinen Fall auf­hören, Fuß­ball zu spielen. Macht genauso weiter, solange die Kräfte rei­chen. Dann bringen wir das Ding nach Hause!“ 

Das hat in seiner und meiner Vor­stel­lung wohl besser funk­tio­niert als in der Rea­lität. Nach der Pause bekamen wir kaum noch Zugriff und liefen zuneh­mend hin­terher. Wir schafften es ein­fach nicht mehr, unser eigenes Spiel auf­zu­ziehen. Irgend­wann ging uns der Sprit aus. Aus­ge­rechnet jetzt, im größten Spiel unseres Lebens. Die ersten 15 Minuten in Hälfte zwei waren noch okay, da hatten wir noch klei­nere Ball­sta­fetten. Doch ab der 60. Minute wurde es immer weniger, wir waren nur noch am Ver­tei­digen, kamen gar nicht mehr richtig in die Zwei­kämpfe. Daran merkt man meis­tens, dass man an Boden ver­liert: Wenn man den letzten Schritt im Eins-gegen-eins nicht mehr gehen kann. Ich brauche diese Zwei­kämpfe, um mich zu pushen. Viel­leicht hätten wir mit unseren Fans im Rücken die feh­lenden fünf Pro­zent wett­ma­chen können. Sie hätten uns nach vorne gebrüllt, uns eine zweite oder dritte Lunge ver­schafft. Aber es ist müßig dar­über zu dis­ku­tieren, schließ­lich hatten alle Teams mit diesem Han­dicap zu kämpfen. 

Es war fast so etwas wie ein Gna­den­stoß“

Robin Gosens

Zu allem Über­fluss hatten wir in der 82. Minute schon alle Wechsel ver­braucht und somit keine fri­sche Kraft mehr für die Ver­län­ge­rung. Denn man musste ja, auch auf­grund des Spiel­ver­laufs, damit rechnen, dass wir uns viel­leicht noch ein Gegentor fangen und in die Ver­län­ge­rung müssen. Klar, da hätten wir dann noch einmal tau­schen können, mit fünf neuen Spie­lern machte sich der Ver­lust des Rhythmus bemerkbar. Im Nach­hinein hätten wir viel­leicht länger mit der ersten 11 zocken sollen, weil es ja noch 1:0 für uns stand. Aber: hätte hätte Fahr­rad­kette. Zudem bin ich auch nicht der Trainer, und der Trainer war nun mal der­je­nige, der uns über­haupt erst nach Lis­sabon gebracht hatte. Ich möchte also bitte nir­gendwo lesen: Gosens wirft Gas­perini Ahnungs­lo­sig­keit vor.“ Danke. 

Jeden­falls wurde auch ich aus­ge­wech­selt, acht Minuten vor Schluss. Ich hätte die letzten Sequenzen zwar noch zu Ende gespielt, war aber nicht mehr in der Lage, noch einmal alles zu geben. Mein Limit war über­schritten. Und dann lief die letzte, wirk­lich aller­letzte Minute der regu­lären Spiel­zeit. Neymar kam an den Ball, spielte einen krummen Pass in die Mitte, fand Kol­lege Mar­quinhos und es stand 1:1. Ein Moment der Fas­sungs­lo­sig­keit. Als hätte ich auf dem Ope­ra­ti­ons­tisch gelegen, und der Chirurg hätte mir ohne Nar­kose das Bein auf­ge­schnitten. Wir waren platt, das konnte wohl jeder sehen. Wir hatten so lange durch­ge­halten. Wenn du 90 Minuten alles rein­schmeißt, das Cham­pions-League-Halb­fi­nale zum Greifen nah ist und du dann so bitter ent­täuscht wirst, ist das ein­fach grausam. Da war eine Leere in meinem Körper. Und es wurde noch viel schlimmer. Auf der Bank hatten wir uns gerade noch schief ange­guckt und ahnten, dass es jetzt ganz schwer werden würde. Es war ein­fach kein Benzin mehr im Tank. Spä­tes­tens in der Ver­län­ge­rung, so ahnten wir, würden wir umfallen. Aber bis dahin kam es gar nicht. 

Eric Maxim Choupo-Moting erzielte in der dritten Minute der Nach­spiel­zeit das 2:1. Neymar lei­tete das Tor über­ra­gend ein. Dieser ver­dammte Neymar. Wir hatten nichts mehr ent­ge­gen­zu­setzen und sogar einen A‑Jugendlichen ein­wech­seln müssen, wäh­rend bei Paris ein Super­star wie Kylian Mbappé von der Bank kam und anschlie­ßend einen nach dem anderen ver­naschte. Um da mit­zu­halten, hätten wir Scooter oder Autos gebraucht. Irgend­wann wäre das zweite Tor für PSG gefallen, also war es fast so etwas wie ein Gna­den­stoß, dass wir nicht noch die Ver­län­ge­rung ertragen mussten. Aber es tat unglaub­lich weh. Für so ein Spiel hatten wir uns zwei Jahre lang den Arsch auf­ge­rissen. Man hört ja häufig Spieler in Inter­views sagen, dass sie wäh­rend des Spiels nicht eine Sekunde an den Sieg oder ans Wei­ter­kommen gedacht hätten. Blöd­sinn. Natür­lich habe ich nach dem 1:0 vom Halb­fi­nale geträumt. Und natür­lich hatte ich mich schon darauf gefreut. Das wurde uns inner­halb von drei Minuten genommen, und plötz­lich hieß es Koffer packen. Freud und Leid liegen manchmal wirk­lich beschissen nah bei­ein­ander.

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Man of the Match? Neymar!

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