Seite 3: „Heimat ist Currywurst beim Park-Grill in Gelsenkirchen"

Ihr Bruder erzählt, dass Sie Ihre wich­tigsten Lek­tionen nicht nur beim SC Weitmar, son­dern im hei­mi­schen Garten gelernt hätten.
(Lacht.) Mein Bruder und sein bester Freund waren sechs Jahre älter als ich. Da musste ich immer darum kämpfen, bei den Par­tien im Garten mit­spielen zu dürfen. Wir hatten auf die Haus­wand ein großes Tor gezeichnet und spielten auf einer kleinen Rasen­fläche davor eins gegen eins oder eins gegen zwei. Wenn ich gegen die Großen verlor, wurde es auch mal laut oder es flossen Tränen. Noch heute zieht mich der Freund meines Bru­ders damit auf: Ja, du spielst zwar bei Liver­pool, aber damals im Garten hat­test du keine Chance!“

Wann war Ihnen klar, dass Sie es zum Fuß­ball­profi schaffen?
So klar war das eigent­lich nie. Es gab in der Jugend jedes Jahr einen Cut, bei dem die Trainer rigoros aus­siebten. Ich erin­nere mich, dass auf Schalke in der B‑Jugend plötz­lich die Hälfte der Mann­schaft weg war. Auch Pierre-Michel Lasogga wurde weg­ge­schickt. Er hat sich dann über Wat­ten­scheid und andere Ver­eine hoch­ge­ar­beitet, davor habe ich sehr großen Respekt. Bei mir kam in der B‑Jugend der Wachs­tums­schub, ich spielte selten, das war eine harte Zeit. Aber du musst auch die Scheiß­phasen durch­stehen.

Trainer Felix Magath hat Sie im Jahr 2009 zum Bun­des­li­ga­profi gemacht.
Ich bin Felix Magath unglaub­lich dankbar. Er hat mich auch später immer wieder rein­ge­schmissen, selbst wenn ich Fehler gemacht hatte. Dieses Ver­trauen ist für einen jungen Spieler unbe­zahlbar.

Wie ist es, als 18-Jäh­riger das Magath-Trai­ning durch­stehen zu müssen?
Das war ein Stahlbad, seither kann ich selbst über die här­testen Ein­heiten nur lächeln. Damals spielten wir nicht inter­na­tional, des­wegen gab es auch unter der Woche Zir­kel­trai­ning mit Medi­zin­ball. Ich hatte kein Gewicht und habe trotzdem wel­ches ver­loren, wahr­schein­lich Flüs­sig­keit oder so. Du lernst Mus­kel­par­tien kennen, von denen du nicht wuss­test, dass sie exis­tieren. Selbst zwei Tage nach einem Lauf­trai­ning stand ich am Pis­soir und meine Beine fingen plötz­lich an zu wackeln.

Gab es auch das berühmte Magath-Gespräch, bei dem er einem Spieler gegen­über­sitzt und nur im Tee rührt?
Ja, das habe ich auch ken­nen­ge­lernt. In diesem Moment war es nicht so amü­sant, aber später konnten wir dar­über lachen. Wie gesagt: Ich habe ihm viel zu ver­danken.

Selbst zwei Tage nach einem Lauf­trai­ning stand ich am Pis­soir und meine Beine fingen plötz­lich an zu wackeln“

Joel Matip über das Training unter Felix Magath

Sie waren in der Schalker Mann­schaft der Ruhr­pottler und sollen sich über die Mit­spieler, die damals im feinen Düs­sel­dorf wohnten, lustig gemacht haben.
Ja, ja, die Düs­sel­dorfer Schi­ckeria! Mein Freund Roman Neu­städter hat immer erzählt, dass er nur 30 Minuten von dort zum Trai­ning braucht. Als er einmal zu spät kam, habe ich ihm gesagt: Ja, ja, 30 Minuten nachts um halb zwei.“ Er wie­derum hat mich auf­ge­zogen, als ich einen Hexen­schuss in der Kabine bekam. Das war ein unglaub­li­cher Schmerz, ich saß da in Boxer­shorts und konnte mir nicht mal die Socken anziehen. Die Phy­sios mussten mich tragen. So ist das mit meinem alten Kadaver. (Lacht.) Ich liebe diese Sprüche in der Kabine. Mo Salah ist auch so einer, dem du Sprüche drü­cken kannst und der dann kon­tert. Oder Bobby Fir­mino. Der Junge zieht sich an, als hätte er eine Schau­fens­ter­puppe kom­plett ent­kleidet. Er kann es aber tragen. Ich sähe in diesen Kla­motten wie ein Bond-Böse­wicht aus.

Bleiben wir noch kurz beim Thema Ruhr­pott. Was bedeutet für Sie Heimat?
Heimat ist, wenn ich aus Liver­pool zurück­komme und mir eine Cur­ry­wurst beim Park-Grill in Gel­sen­kir­chen hole. Der ist nahe bei der Arena und ich bin schon als Jugend­li­cher dorthin gegangen. Die Leute hin­term Tresen sind noch die­selben wie damals. Und die Bude sieht aus, wie eine Ruhr­pott-Bude aus­sehen soll. Meine Eltern wohnen noch immer in dem Haus in Bochum, in dem ich auf­ge­wachsen bin. Auch meine Schwester und viele meiner Freunde sind im Pott. Ich will nach der Kar­riere auf jeden Fall im Ruhr­ge­biet leben.

Wie fühlt sich das Leben in Liver­pool an?
Ich genieße es sehr. Die Leute gehen respekt­voll mit dir um, auch wenn der Verein überall Thema ist. Du merkst, was der Klub ihnen bedeutet. Das ein­zige Pro­blem: Du musst erst einmal den Scouse ver­stehen, den Dia­lekt.

Joel Matip 0081
Norman Konrad

Liver­pool kann erst­mals seit 1990 Meister werden. Wie hat die Mann­schaft diese unglaub­liche Sie­ges­serie in dieser Saison geschafft?
Wir haben mit jedem Sieg eine brei­tere Brust bekommen. Und der Antrieb sind die Erin­ne­rungen an die Feiern 2019. Es ist schwer zu beschreiben, aber du leckst Blut, du wirst süchtig nach diesen Momenten. Selbst wenn wir nun ein Gegentor bekommen, ziehen wir weiter unser Spiel durch. Wir sind unbe­ein­druckt.

Nach Ihrer Ver­let­zung ver­loren Sie Ihren Stamm­platz. Wie gehen Sie mit der Situa­tion um?
Ich bin nicht auf den Kopf gefallen und weiß schon, dass der Trainer die Mann­schaft nicht durch­wech­selt, wenn sie jede Woche gewinnt. Ich werde mich übers Trai­ning rein­kämpfen. Und wenn ich auf der Bank bin, gehe ich mit und feiere die Tack­lings meiner Kol­legen.

Vor dem Inter­view fuhr ein Junge auf dem Fahrrad an Ihnen vorbei und rief: Joel, ich kann es nicht erwarten, dich end­lich mit der Medaille zu sehen.“
Letz­tens beim Fri­seur ging es auch die ganze Zeit um die Meis­ter­schaft. Du wirst hier überall darauf ange­spro­chen. Ich glaube, dieser Titel hat in der Stadt einen noch grö­ßeren Stel­len­wert als der Gewinn der Cham­pions League, weil alle so lang darauf warten. Ganz egal, wie die Kon­stel­la­tion sein sollte oder wann es so weit ist – es könnte die beste Party über­haupt werden.