Seite 2: „Das Singen vor der Kurve war emotionaler als der Gewinn der Champions League selbst"

Zurück zum Spiel gegen Bar­celona. Liver­pool führt mit 3:0, als Trent Alex­ander-Arnold eine legen­däre Ecke schlägt. Er geht erst weg, dreht sich um und über­töl­pelt mit seiner Her­ein­gabe Bar­ce­lona.
Das war ein Geis­tes­blitz. Doch nicht ganz ohne Vor­be­rei­tung. Im Trai­ning stu­dieren wir Frei­stöße oder Ecken ein, die angrei­fende Mann­schaft schlägt sie direkt nach­ein­ander rein. Wenn die Ver­tei­diger zu lange brau­chen, um sich zu sor­tieren – Pech gehabt! Wir hatten also dieses schnelle Spiel im Blut.

Der 4:0‑Sieg gilt als eines der größten Euro­pa­po­kal­spiele. Welche Momente des Abends haben Sie noch beson­ders in Erin­ne­rung?
Nach dem Spiel haben wir uns Arm in Arm vor dem Kop auf­ge­reiht und zusammen mit den Fans You’ll Never Walk Alone“ gesungen. Das war einer der schönsten Momente meiner Kar­riere, viel­leicht gleichauf mit meinem Debüt für Schalke in Mün­chen. Es mag sich komisch anhören, aber dieses Singen vor der Kurve war sogar noch emo­tio­naler als der Gewinn der Cham­pions League selbst. Es war die pure Glück­se­lig­keit.

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Was pas­sierte in der Kabine?
Das weiß ich gar nicht. Ich musste zur Doping­probe.

Und das nach so einem Spiel …
Mir war alles egal, das Singen mit den Fans hat mich schweben lassen. Und als ich in den kleinen Raum reinkam, saß da ein ziem­lich nie­der­ge­schla­gener Typ: Lionel Messi. Man kennt sich zwar vom Rasen, aber sitzt auch nicht jeden Tag mit ihm in einem kleinen Raum wie beim Kaf­fee­kränz­chen herum. Alle feiern – und ich sitze mit Messi in einem Kabuff.

Haben Sie ihn aufs Spiel ange­spro­chen?
Nein, er war total am Boden. Da lasse ich die Leute dann in Ruhe. Messi war auch schneller weg als ich. Ich war mega­platt und habe ewig gebraucht, bis ich pin­keln konnte. In der ersten halben Stunde habe ich drei Liter getrunken, doch das hat alles nichts gebracht. Über eine Stunde saß ich wohl in dem Raum, aber an diesem Abend hatte ich trotzdem ein Lächeln im Gesicht. Als ich end­lich fertig war, war unsere Kabine kom­plett leer. Ich habe mich dann alleine umge­zogen, noch einmal in das ver­las­sene Sta­dion geschaut und bin nach Hause. Immerhin gab es keinen großen Ver­kehr mehr und ich kam schnell durch.

Wäh­rend Sie im Doping­raum saßen, meinte Jürgen Klopp bei DAZN: Was Joel da gespielt hat, hat richtig Spaß gemacht.“
Es gibt Schlim­meres, als so was zu hören.

Klopp war es ein Anliegen, Ihre Leis­tung her­vor­zu­heben. Gehen Sie in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung etwas unter?
Wert­schät­zung ist immer schön, aber mein Selbst­bild hängt nicht davon ab. Ich bin nicht tod­traurig, wenn ich mal nicht erwähnt werde.

Als einer der wenigen Profis haben Sie keinen Account in den Sozialen Medien.
Ich bin kein Ein­siedler, aber das macht mir ein­fach keinen Spaß. Ich weiß, das ist merk­würdig.

Nicht unbe­dingt …
… doch, doch, doch. Meine Mit­spieler haben alle einen Account. Manchmal lese ich auch einige Posts durch, um auf dem neu­esten Stand zu bleiben. Ich ver­wei­gere mich auch nicht allen modernen Erschei­nungen, denn ich bin ein Seri­en­junkie, schaue Game of Thrones“ oder Big Bang Theory“. Aber dieses Posten, das ist nichts für mich.

Als wir im Sta­dion ankamen, schoss Schalke gerade das 4:4 und ich bin extra mit einem breiten Lächeln am Trainer vor­bei­ge­laufen“

Ex-Schalker Joel Matip über Sticheleien mit Ex-Dortmunder Jürgen Klopp

Wie ist Ihr Ver­hältnis zu Klopp?
Aus­ge­zeichnet, er ist ein guter Trainer – und ebenso guter Sprü­che­klopfer. Manchmal bin ich in der Kabine auch der Ein­zige, der seine Witz­chen sofort ver­steht. Ich sitze an der Seite und beob­achte dann die anderen, wie sie erst einmal grü­beln. Wenn der Trainer Sachen sagt wie That was not the yellow from the egg“, also nicht das Gelbe vom Ei, prusten nur der Co-Trainer und ich los. Im Anschluss muss ich den anderen die Sätze erklären. Oder: That was snow from yes­terday.“ Meine Mit­spieler meinten, in Eng­land sagt man in dem Fall: water under the bridge“. Das ergibt jetzt auch nicht so viel mehr Sinn.

Gibt es Sti­che­leien zwi­schen dem Ex-Dort­munder Klopp und dem Ex-Schalker Matip?
Immer. Am schönsten war das 4:4 im Derby vor einigen Jahren. Wir hatten am selben Tag ein Spiel. Als ich nach der Bespre­chung aufs Handy schaute, stand es 0:4. Klopp kam zu mir und meinte: Joel, ist alles in Ord­nung? Willst du drüber reden?“ Als wir im Sta­dion ankamen, schoss Schalke gerade das 4:4 und ich bin extra mit einem breiten Lächeln am Trainer vor­bei­ge­laufen.

Die Bilder von Klopp mit Bier und Pokal bei der Sie­ger­pa­rade gingen um die Welt. Wir haben nur ganz wenige Bilder von Ihnen mit dem Pokal oder bei der Parade gefunden.
Ich habe in der Nacht zwei Bilder mit dem Pokal gemacht und keine große Ses­sion ver­an­staltet. Das muss rei­chen. Ich habe alles in meinem Kopf abge­spei­chert. Ich dachte an diesem Abend daran, wie ich als Kind die End­spiele gesehen habe. Wie Ziné­dine Zidane den Ball mit diesem phan­tas­ti­schen Dreh­schuss gegen Lever­kusen rein­ge­kloppt hatte. Solche Spiele … und dann gewinnst du selbst so ein Finale.

… und gibst die Vor­lage zum 2:0.
(Winkt ab und dreht sich zur Seite weg.)

Haben Sie etwas vom Cham­pions League-Finale auf­be­wahrt?
Die Erin­ne­rungen im Kopf. Ich habe nur eine Stunde in der Nacht geschlafen. Richtig schön war, dass meine Freunde und Fami­li­en­mit­glieder dabei waren. Leider konnten nicht alle kommen, weil mein Neffe an diesem Wochen­ende getauft wurde.

Kurz nach dem Finale haben Sie mit der F‑Jugend Ihres Neffen beim SC Weitmar gekickt, Ihrem Hei­mat­verein in Bochum.
Ja, der Kleine hat seine Onkel im Fern­sehen Fuß­ball spielen sehen (Joel und seinen Bruder Marvin, d. Red.). Leider hatten wir nie viel Zeit, mit ihm selbst zu spielen. Ich habe ihm also ver­spro­chen, dass wir das nach der Saison end­lich mal in die Tat umsetzen. Nach dem Cham­pions-League-Sieg hatte ich Urlaub und die F‑Jugend Trai­ning, also bin ich kurz rüber­ge­gangen. Mein Vater war auch dabei, weil er die Mann­schaft trai­niert.

Auf einem Bild setzt ein Junge im Mo-Salah-Trikot zur Blut­grät­sche gegen Sie an.
Die Kids haben sehr viele Grät­schen aus­ge­packt, da musste ich schon auf der Hut sein. Zu meiner Zeit war das noch ein Asche­platz, da hätten sich alle blu­tige Knie geholt.