Es ist ein Wunder, dass man dieser Tage über­haupt noch Men­schen auf der Straße sieht. Denn eigent­lich, so müsste man annehmen, sitzen gerade Mil­lionen Deut­sche 24/7 vor dem Rechner, um sich einen total abge­fah­renen EM-Viral-Hit aus­zu­denken und diesen dann, #beste, #mega­geil, #Jogi, per Mas­sen­mail an die Redak­tionen des Landes zu ver­schi­cken. Der Inhalt ist neben­säch­lich – Haupt­sache, es gibt einen Fuß­ball- oder Schland-Bezug, dann läuft der Hase schon. Oder, wie wir jüngst erfahren haben: das Ferkel.

Hun­dert­tau­sende Views auf Face­book und You­tube“
 
Neu­lich erhielten wir etwa eine Mail mit dem Betreff Viraler Internet-Hit: EM-Orakel 2016“. Es geht um ein nied­li­ches Ferkel“ namens Jamie, das das erfolg­reichste Orakel“ zur EM 2016 sei und inner­halb weniger Tage zu einem viralen Hit in den sozialen Medien“ wurde. Schon jetzt habe Jamie hun­dert­tau­sende Views auf Face­book und You­tube“ erzielt.
 
Wow, denkt man da. Stoppt die Dru­cker­pressen, haltet einen Platz im DFB-Bus frei oder wenigs­tens in dem des Fan­club Natio­nal­mann­schaft powered by Coca Cola, denn dieses Ferkel muss drin­gend mit.
 
Blöd nur, wenn man dann, ganz inves­ti­gativ, die Zahlen über­prüft und fest­stellt, dass auf Face­book sogar die Fan­seite zu einem 2014 ver­stor­benen Wel­len­sit­tich mehr Fol­lower als Jamie hat: 612 (Jamie kommt aktuell auf 516). Und auf You­tube hat das Jamie-Video nicht mal 50.000 Klicks – eine Zahl, die man bei dem Video­portal auch erreicht, wenn man, sagen wir mal, ein altes ARD-Test­bild hoch­lädt.
 
Aber so funk­tio­niert das in der Welt der Viral-Experten: Man behauptet ein­fach, dass etwas ein Hit ist, dann wird es bestimmt und ganz sicher: ein Hit.
 
Sowieso kann man sich vor Fuß­ball­tur­nieren fragen, wie Stra­te­gie­mee­tings in diesen Viral-Runden aus­sehen. Der Crea­tive Director grü­belt: Da war doch was mit diesem Kraken. Das machen wir nun mit einem Schwein!“ Und prompt jubelt die Beleg­schaft und der Geschäfts­führer bekommt Euro-Zei­chen in den Augen und kauft sich schon mal eine Eigen­tums­woh­nung in Frie­denau.

Paul ist tot!“
 
Wobei Paul, der Krake, ja wirk­lich gut ankam. Wäh­rend der WM 2010 legte er sich auf die Flagge eines Teams, das danach tat­säch­lich das Spiel gewann. Bald war die halbe Welt ver­zückt vom tie­ri­schen Orakel.
 
Der Kol­lege Tim Jür­gens erzählte diese Woche von einem Anruf, den er im Oktober 2010 mitten in der Nacht bekam. Am anderen Ende der Lei­tung: ein Jour­na­list des Fern­seh­sen­ders Al Jazeera. Nahe der Schnapp­at­mung keuchte der Mann in den Hörer: Paul ist tot.“ Jür­gens, schlaf­trunken, sagte: Aha!“, und nachdem ihm klar geworden war, dass es nicht um Breitner oder einen Song der Fehl­farben ging, musste er ein Inter­view über den Kraken geben: sein Leben, seine Kar­riere, seine Hobbys.
 
Die Sache ist nur: Paul und unzäh­lige andere soge­nannten Viral-Hits wurden zufällig populär. Selbst Tur­nier­songs ent­stehen spontan, durch Fügungen oder Stim­mungen. Sie sind eines nicht: geplant. So war es bei Xavier Naidoos Dieser Weg“ (2006) und Andreas Bou­ranis Ein Hoch auf uns“ (2014), die nicht für die jewei­lige WM geschrieben, son­dern erst kurz vor dem Tur­nier von den Spie­lern (Naidoo) oder der ARD (Bou­rani) zum inof­fi­zi­ellen Sound­track erkoren wurden.
 
Aber wir wollen Jamie nicht alle Chancen abspre­chen. Es müsste nur was Uner­war­tetes pas­sieren. Jamie könnte etwa beim ersten Deutsch­land-Spiel als Flitzer über den Rasen fetzen. Oder ein Fuß­ball­ma­gazin müsste über das Ferkel berichten. Aber das ist so gut wie aus­ge­schlossen.
 
Bleibt die Frage, was diese bescheu­erte Über­schrift über diesem Artikel soll. Denn dieser mit­tel­mä­ßige Text steht außer Ver­dacht, viral zu gehen. Aber zumin­dest wird er uns ein paar mehr Klicks als sonst bringen. Wie? Das erfahrt ihr auf der zweiten Seite.