Seite 3: „Vor meinen Augen ging mein Bruder zugrunde“

Gemeinsam gewannen Sie im Jahr 2006 mit dem FC Bar­ce­lona die Cham­pions League. Im Finale gegen den FC Arsenal wurden Sie erst in der 61. Minute beim Stand von 0:1 ein­ge­wech­selt. 15 Minuten später berei­teten sie das 1:1 von Samuel Eto’o vor. Dann kam Ihr großer Auf­tritt.
Neun Minuten vor dem Abpfiff sah ich, wie Juliano Bel­leti in den Straf­raum star­tete, und spielte ihn an. Er erzielte das 2:1 und schrie in den Abend­himmel: Oh, mein Gott! Oh, mein Gott!“ Die ganze Mann­schaft stürzte auf ihn, alle Dämme bra­chen, Eto’o weinte vor Freude. Wir waren die Könige von Europa.

Nach dem Abpfiff sah man Sie alleine vor den Barça-Fans jubeln.
Das war purer Zufall. Ich dachte, dass meine Mit­spieler mit mir zu den Fans laufen würden. Als ich mich umdrehte, war ich allein – die anderen waren schon bei der Sie­ger­eh­rung.

Wussten die Barça-Stars etwa nicht, wie man feiert?
Die Party danach war die beste meines Lebens – und die erste, auf der ich kom­plett nüch­tern blieb. Meine Frau war da, dazu mein großer Bruder, meine besten Freunde. Ich hatte mir geschworen, dass ich jeden Moment dieses Abends auf­saugen werde.

Der beste Moment des Abends?
Meine Frau und ich ver­ließen als Letzte die Party-Loca­tion. Draußen war es bereits hell, und der Tür­steher bot an, uns in seinem Van zum Hotel zu fahren. Wir saßen zwi­schen leeren Fla­schen und Farb­ei­mern und fuhren durch Paris. Meine Frau fing an zu singen: Cam­peones, Cam­peones, Olé, Olé, Olé“. Am Hotel ange­kommen, sang sie ein­fach weiter und beschallte den ganzen Innenhof: Cam­peones, Cam­peones“. Plötz­lich öff­nete sich ein Fenster, Thiago Motta streckte den Pokal raus und stimmte ein: Olé, Olé, Olé“. Dann kamen Mark van Bommel, Gio­vanni van Bronck­horst und Deco an ihre Fenster. Alle sangen mit. Viel­leicht der schönste Moment meiner Lauf­bahn.

Schöner als jeder Tor­er­folg?
Kennen Sie das Gefühl, wenn man als Kind seine Geburts­tags­ge­schenke aus­pa­cken darf?

Man ist auf­ge­regt.
Kurz bevor ich ein Tor erzielte, spürte ich diese kind­liche Auf­re­gung. Ein Wahn­sinns­ge­fühl. Nur einmal konnte ich mich nicht freuen.

Lassen Sie uns raten: Nur knapp 100 Tage nachdem Sie Celtic im Jahr 2004 in Rich­tung Bar­ce­lona ver­lassen hatten, erzielten Sie in der Cham­pions League für den FC Bar­ce­lona ein Tor gegen Celtic.
Sieben Jahre lang haben sie im Celtic Park nach jedem Tor von mir die Titel­me­lodie von Die Glor­rei­chen Sieben“ gespielt. Dieses Mal war es toten­still, manche Zuschauer pfiffen sogar. Ich wäre am liebsten im Erd­boden ver­sunken.

Dabei hatten Sie nur Ihren Job gemacht.
Ich ver­danke Celtic alles. Der Klub hat mein Haus bezahlt, mich finan­ziell unab­hängig gemacht und zu dem Men­schen werden lassen, der ich heute bin. Ich habe die Celtic-Fans geliebt! Und an diesem Abend stach ich ihnen mit meinem Tor mitten ins Herz. Aber ich war in diesem Moment nun mal Spieler des FC Bar­ce­lona.

Henrik Larsson, Sie haben nahezu alle großen Titel in Europa gewonnen und bei den größten Klubs gespielt. Was war die dun­kelste Stunde in Ihrer Kar­riere?
Der 6. Juni 2009. Nach einem Län­der­spiel gegen Däne­mark saß ich in der Kabine. Ein Betreuer gab mir mein Handy und sagte, ich solle sofort meine Frau anrufen. Ich ant­wor­tete, dass ich erst noch duschen wolle. Er sagte nur: Es ist ernst!“ Mein erster Gedanke war, dass unseren Kin­dern etwas pas­siert sei.

An diesem Tag starb Ihr jün­gerer Bruder im Alter von nur 35 Jahren.
Er war seit Jahren dro­gen­ab­hängig. Wir wussten, dass dieser Tag kommen würde. Ich habe mit ansehen müssen, wie er zugrunde ging, und konnte nichts tun. Ich, der Fuß­ball­star, der in ganz Europa gefeiert wurde, der sich unbe­siegbar fühlte, war hilflos. Ich hatte alles, er lebte in der Hölle. In diesen Momenten begriff ich, dass Fuß­ball, mein Lebens­in­halt, unwichtig ist. Ich beschloss, meine Kar­riere zu beenden.

In der Folge kri­ti­sierten Sie die schwe­di­schen Medien für ihr Ver­halten.
Sie ver­dienten Geld mit unserem Leid. Das hat mich ange­wi­dert. Jour­na­listen ver­langten immer von mir, dass ich mich pro­fes­sio­nell ver­halte, weil ich ein Vor­bild für viele sei. Doch in dieser Situa­tion haben sie ihre Maske fallen lassen. Was war mit ihrer eigenen Vor­bild­funk­tion?

Was hat Sie am meisten scho­ckiert?
Die Abend­zei­tungen titelten bereits Lars­sons Bruder tot auf­ge­funden“, als ich noch auf dem Platz stand. Das ganze Land wusste also Bescheid, bevor ich es erfuhr. Jour­na­listen bela­gerten unser Haus, lau­erten meinen Eltern auf und ver­suchten mit allen Mit­teln, an Infor­ma­tionen zu kommen. Ich hätte das aus­ge­halten, aber meine Familie war ihnen schutzlos aus­ge­lie­fert. Das werde ich man­chen Men­schen nie­mals ver­zeihen.

Wel­ches Ver­hältnis hatten Sie vor seinem Tod zu Ihrem Bruder?
Ich habe jeden Tag an ihn gedacht und tue es noch heute. Die Unge­wiss­heit – Wie geht es ihm? Wo ist er gerade? – hat mich auf­ge­fressen. Doch kein Arzt und kein Geld der Welt konnten seine Dämonen ver­treiben. Er hat sogar seinen Namen gewech­selt, um mich vor seinem Leben zu schützen.

Wie klein wird die Kar­riere, wenn man das erlebt hat?
Ich habe gesehen, wie meine Eltern um zehn Jahre alterten, als sie ihren Sohn zu Grabe trugen. Ich würde jeden Titel, jedes ver­dammte Tor und jeden Tag meiner Kar­riere ein­tau­schen, wenn mein Bruder gesund unter uns weilen würde. Aber das geht nicht. Dieser Schmerz wird immer bleiben.