Seite 2: „Ronaldinho nannte mich sein Idol“

Im Jahr 1997 wech­selten Sie von Feye­noord Rot­terdam zu Celtic Glasgow. Ihr wich­tigster Transfer?
Ich suchte ein neues Aben­teuer. Celtic war ein mys­ti­scher Klub, das fas­zi­nierte mich.

Können Sie in Worte fassen, welche Bedeu­tung der Verein für seine Fans hat?
In meinem ersten Jahr hätten die Ran­gers zum zehnten Mal in Folge Meister werden können. Am vor­letzten Spieltag hatten wir die Chance, ihnen diesen his­to­ri­schen Titel zu ent­reißen und selbst Meister zu werden. Doch wir spielten nur Unent­schieden, das Titel­rennen war wieder offen. Nach dem Spiel fiel mir ein alter Mann in die Arme und weinte. Er sagte immer wieder: Ihr müsst diesen Scheiß­titel für uns holen.“ Ich begriff, dass man nicht nur für sich und seine Mann­schaft spielt, son­dern für die Men­schen, die für diesen Verein leben. Eine Woche später holten wir den Titel.

Bei Celtic erzielten Sie 174 Tore in 221 Spielen. Die Fans nennen Sie den König der Könige“. Wann bekamen Sie mit, dass die Fans Sie in ihr Herz geschlossen hatten?
Ich habe das am Anfang nicht wahr­ge­nommen. Eines Tages rief mich mein älterer Bruder an und erzählte, dass er ein Kind im Celtic-Trikot gesehen habe. Auf dem Rücken trug es meine Nummer. Die Sieben. Dar­über stand: God“!

Hat Sie die Liebe der Fans unter Druck gesetzt?
Für mich war es befremd­lich, dass Men­schen sich Poster von mir auf­hängen oder mein Trikot tragen. Dafür bin ich nicht Profi geworden. Ich wollte nur auf dem höchst­mög­li­chen Level Fuß­ball spielen. Heute schmei­chelt mir diese Ver­eh­rung natür­lich. Ich bin glück­lich, dass ich anderen so viel Freude machen konnte.

Haben Sie sich mal gefragt, warum die Fans gerade Sie als König“ aus­er­koren hatten?
Meine Tore waren sicher ein Grund. Der Gedanke, dass das Kol­lektiv über dem Ein­zelnen steht, war Teil der schwe­di­schen Kultur, in der ich auf­ge­wachsen bin. Ich habe ihn auf mein Spiel über­tragen. Auch wenn ich talen­tierter war als andere, habe ich Drecks­ar­beit ver­richtet. So etwas erkennen Fans sofort. Außerdem lebte ich nach dem Motto: Sei ehr­lich. Bevor du lügst, halt lieber die Klappe!

Mit Celtic spielten Sie regel­mäßig im Euro­pa­pokal und wurden Stamm­spieler in der schwe­di­schen Natio­nal­mann­schaft. Sie waren end­lich auf der großen Bühne ange­kommen.
Ich fand meine innere Ruhe und spürte, wie mein Selbst­be­wusst­sein wuchs. Bis dahin hatte ich mich oft gefragt: Bin ich über­haupt gut genug, um Profi zu werden?“ Jetzt wusste ich: Bin ich fit, führt kein Weg an mir vorbei.“ Befreit von Selbst­zwei­feln, konnte ich mich auch auf dem Feld frei ent­falten. Davon hatte ich immer geträumt.

Ein Selbst­ver­ständnis, das an Ihren Lands­mann Zlatan Ibra­hi­movic erin­nert.
Sein Ego wäre wertlos, wenn er nicht diese unglaub­li­chen Fähig­keiten hätte. Bega­bung kann man eben nicht vor­täu­schen. Er steht aber auch für einen Wandel in unserer Gesell­schaft. Zu meiner Zeit stand die Mann­schaft über dem Ein­zelnen, heute regieren die Indi­vi­dua­listen. Aber ohne Mann­schaft ist jeder chan­cenlos – im Fuß­ball wie im Leben.

Haben Sie je einen selbst­be­wuss­teren Spieler ken­nen­ge­lernt als Ibra­hi­movic?
Martin Dahlin. An ihm perlte jede Kritik ab. Wenn er sein Trikot überzog, sagte er immer: Heute werde ich sowieso treffen.“ Er behielt sehr oft recht.

Sie haben mit zahl­rei­chen Welt­stars zusam­men­ge­spielt. Wer war der beste?
Ronald­inho. Er sah Lücken, wo andere längst auf­ge­geben hätten. Wenn er den Ball am Fuß hatte, war er der glück­lichste Mensch. In jedem Trai­ning. 98 Pro­zent der Tage strahlte er, und das ist noch unter­trieben. Wenn er mor­gens in die Kabine kam, warst du auto­ma­tisch auch gut gelaunt.

Haben Sie ihn näher ken­nen­ge­lernt?
Als wir uns an meinem ersten Tag beim FC Bar­ce­lona trafen, war er sehr auf­ge­regt und erzählte, wie er mich bei der WM 1994 bewun­dert hatte. Seine Augen leuch­teten. Ich dachte, er ver­al­bert mich, aber er sagte: Du bist mein Vor­bild, Henke!“ Fortan nannte er mich Idolo“, also Idol. Ist das nicht bizarr?