Henrik Larsson, Sie sagten einmal: Vor jedem Anpfiff denke ich: Gleich wird es weh tun!“ Wie viel Schmerz mussten Sie wäh­rend Ihrer Kar­riere ertragen?
Kör­per­li­cher Schmerz ist das eine, schlimmer war die psy­chi­sche Belas­tung.

Sie meinen den Druck, immer zu funk­tio­nieren?
Ver­tei­diger ver­su­chen, dich mit allen Mit­teln aus dem Kon­zept zu bringen. Wenn du auf ihr Spiel ein­steigst, hast du ver­loren. Des­wegen unter­drückte ich meine Gefühle. Wenn ich gefoult wurde, stand ich sofort auf und zeigte: Ihr könnt mir nicht weh tun.“ Diese Selbst­kon­trolle war das Schmerz­haf­teste über­haupt.

So hatten Sie den Ruf als Gen­tleman-Spieler. Kannten Sie keine dre­ckigen Tricks?
Sobald der Ball in der Nähe war, fand ich reich­lich Wege, um Gegen­spie­lern ihre Grenzen auf­zu­zeigen.

Berühmt wurden Sie auch durch Ihr Mar­ken­zei­chen: die langen Dre­ad­locks. War diese Frisur nicht furchtbar unprak­tisch?
Ich war jung und liebte meine Haare. Viele Gegen­spieler trieb sie zur Weiß­glut. Die neun­ziger Jahre waren nicht die tole­ran­teste Zeit im Fuß­ball. Ich war ein gefun­denes Fressen.

Sie jagten Sie wegen Ihrer Haare?
Sie ließen zumin­dest keine Gele­gen­heit aus, mich des­wegen zu beschimpfen. Sie lachten, nannten mich einen Aso­zialen oder zogen an den Dreads.

Sie blieben trotzdem ruhig.
Ich hörte nicht hin und lächelte meine Gegner statt­dessen freund­lich an. Das machte sie noch wütender und brachte sie aus dem Kon­zept.

Wer war Ihr här­tester Gegen­spieler?
Craig Moore von den Glasgow Ran­gers. Er brüllte mich 90 Minuten an, trat mich über den Rasen und ver­suchte alles, um in meinen Kopf zu kommen. Doch eines muss man ihm lassen: Er hat nie gejam­mert, wenn er selbst was abge­kriegt hat. Und ich habe ihn einige Male richtig hart erwischt.

Wo lernten Sie, sich zu wehren?
Mein Leben lang haben mir Leute gesagt, ich könne bestimmte Dinge nicht tun, weil ich klein und schmächtig sei. Nie­mand glaubte an mich, weil mein Vater nur ein See­mann von den Kap­verden und meine Mutter eine Fabrik­ar­bei­terin war. Ich musste mir immer Respekt ver­schaffen – auf dem Schulhof und auf dem Rasen. Ich lernte: Wenn du dich nicht wehrst, wirst du Frei­wild.

Haben Sie beim Fuß­ball Dinge kom­pen­siert, die Sie im echten Leben erleiden mussten?
Ich habe Dinge erlebt, auf die ich gerne ver­zichtet hätte: Ras­sismus, Belei­di­gungen, Schick­sals­schläge. Aber das gehört zum Leben. Ich habe nicht gegen eine große Wut ange­spielt, son­dern für meinen Traum.

Colin Hendry, einst baum­langer Innen­ver­tei­diger der Ran­gers, sagte einmal: Wenn ich gegen Larsson spiele, fühle ich mich klein und ahnungslos.“
Wirk­lich? Gibt es ein schö­neres Kom­pli­ment für einen Celtic-Spieler? (Lacht.)

Im Spiel waren Sie der ent­schlos­sene Schweiger, privat gelten Sie als Spaß­vogel. Wie viele Rollen mussten Sie als Fuß­baller eigent­lich spielen?
Zwei, neben meiner Rolle als Spieler war ich auch noch eine Medi­en­person. Als Fuß­baller will jeder etwas von dir. Diese extreme Form der Auf­merk­sam­keit muss man aber richtig ein­schätzen, um nicht über­heb­lich zu werden.

Fehlt vielen Profis diese Demut?
Ein Bei­spiel: Anfang 2000 war ich für ein paar Tage in New York. Weil ich es gewohnt war, dass ich auf Auto­gramme ange­spro­chen werde, setzte ich eine Cap und eine Son­nen­brille auf. Aber mich erkannte kein Mensch! Ich ver­stand, dass meine Ver­klei­dung ziem­lich albern war, und erlebte etwas, das mir fremd geworden war: Frei­heit.

Erstaun­lich, dass Sie nie­mand erkannte, immerhin ging Ihr Stern bei der WM 1994 in den USA end­gültig auf, als Sie mit der schwe­di­schen Natio­nal­mann­schaft sen­sa­tio­nell Dritter wurden. Im Vier­tel­fi­nale gegen Rumä­nien erzielten Sie ihr erstes Tor.
Im Elf­me­ter­schießen gab es nach fünf Schützen noch keine Ent­schei­dung und Trainer Tommy Svensson sagte zu mir: Du bist der Nächste!“ Ich war damals 22 und zit­terte am ganzen Körper. Ich wollte nicht der­je­nige sein, der unseren WM-Traum beendet. Patrik Andersson hatte wohl erkannt, wie unruhig ich war. Er reichte mir eine kleine Metall­dose und sagte: Nimm etwas davon.“

Was war da drin?
Kau­tabak. Das Zeug ließ mich run­ter­kommen. (Lacht.) Ich traf, und wir erreichten das WM-Halb­fi­nale.

Im Jahr 1997 wech­selten Sie von Feye­noord Rot­terdam zu Celtic Glasgow. Ihr wich­tigster Transfer?
Ich suchte ein neues Aben­teuer. Celtic war ein mys­ti­scher Klub, das fas­zi­nierte mich.

Können Sie in Worte fassen, welche Bedeu­tung der Verein für seine Fans hat?
In meinem ersten Jahr hätten die Ran­gers zum zehnten Mal in Folge Meister werden können. Am vor­letzten Spieltag hatten wir die Chance, ihnen diesen his­to­ri­schen Titel zu ent­reißen und selbst Meister zu werden. Doch wir spielten nur Unent­schieden, das Titel­rennen war wieder offen. Nach dem Spiel fiel mir ein alter Mann in die Arme und weinte. Er sagte immer wieder: Ihr müsst diesen Scheiß­titel für uns holen.“ Ich begriff, dass man nicht nur für sich und seine Mann­schaft spielt, son­dern für die Men­schen, die für diesen Verein leben. Eine Woche später holten wir den Titel.

Bei Celtic erzielten Sie 174 Tore in 221 Spielen. Die Fans nennen Sie den König der Könige“. Wann bekamen Sie mit, dass die Fans Sie in ihr Herz geschlossen hatten?
Ich habe das am Anfang nicht wahr­ge­nommen. Eines Tages rief mich mein älterer Bruder an und erzählte, dass er ein Kind im Celtic-Trikot gesehen habe. Auf dem Rücken trug es meine Nummer. Die Sieben. Dar­über stand: God“!

Hat Sie die Liebe der Fans unter Druck gesetzt?
Für mich war es befremd­lich, dass Men­schen sich Poster von mir auf­hängen oder mein Trikot tragen. Dafür bin ich nicht Profi geworden. Ich wollte nur auf dem höchst­mög­li­chen Level Fuß­ball spielen. Heute schmei­chelt mir diese Ver­eh­rung natür­lich. Ich bin glück­lich, dass ich anderen so viel Freude machen konnte.

Haben Sie sich mal gefragt, warum die Fans gerade Sie als König“ aus­er­koren hatten?
Meine Tore waren sicher ein Grund. Der Gedanke, dass das Kol­lektiv über dem Ein­zelnen steht, war Teil der schwe­di­schen Kultur, in der ich auf­ge­wachsen bin. Ich habe ihn auf mein Spiel über­tragen. Auch wenn ich talen­tierter war als andere, habe ich Drecks­ar­beit ver­richtet. So etwas erkennen Fans sofort. Außerdem lebte ich nach dem Motto: Sei ehr­lich. Bevor du lügst, halt lieber die Klappe!

Mit Celtic spielten Sie regel­mäßig im Euro­pa­pokal und wurden Stamm­spieler in der schwe­di­schen Natio­nal­mann­schaft. Sie waren end­lich auf der großen Bühne ange­kommen.
Ich fand meine innere Ruhe und spürte, wie mein Selbst­be­wusst­sein wuchs. Bis dahin hatte ich mich oft gefragt: Bin ich über­haupt gut genug, um Profi zu werden?“ Jetzt wusste ich: Bin ich fit, führt kein Weg an mir vorbei.“ Befreit von Selbst­zwei­feln, konnte ich mich auch auf dem Feld frei ent­falten. Davon hatte ich immer geträumt.

Ein Selbst­ver­ständnis, das an Ihren Lands­mann Zlatan Ibra­hi­movic erin­nert.
Sein Ego wäre wertlos, wenn er nicht diese unglaub­li­chen Fähig­keiten hätte. Bega­bung kann man eben nicht vor­täu­schen. Er steht aber auch für einen Wandel in unserer Gesell­schaft. Zu meiner Zeit stand die Mann­schaft über dem Ein­zelnen, heute regieren die Indi­vi­dua­listen. Aber ohne Mann­schaft ist jeder chan­cenlos – im Fuß­ball wie im Leben.

Haben Sie je einen selbst­be­wuss­teren Spieler ken­nen­ge­lernt als Ibra­hi­movic?
Martin Dahlin. An ihm perlte jede Kritik ab. Wenn er sein Trikot überzog, sagte er immer: Heute werde ich sowieso treffen.“ Er behielt sehr oft recht.

Sie haben mit zahl­rei­chen Welt­stars zusam­men­ge­spielt. Wer war der beste?
Ronald­inho. Er sah Lücken, wo andere längst auf­ge­geben hätten. Wenn er den Ball am Fuß hatte, war er der glück­lichste Mensch. In jedem Trai­ning. 98 Pro­zent der Tage strahlte er, und das ist noch unter­trieben. Wenn er mor­gens in die Kabine kam, warst du auto­ma­tisch auch gut gelaunt.

Haben Sie ihn näher ken­nen­ge­lernt?
Als wir uns an meinem ersten Tag beim FC Bar­ce­lona trafen, war er sehr auf­ge­regt und erzählte, wie er mich bei der WM 1994 bewun­dert hatte. Seine Augen leuch­teten. Ich dachte, er ver­al­bert mich, aber er sagte: Du bist mein Vor­bild, Henke!“ Fortan nannte er mich Idolo“, also Idol. Ist das nicht bizarr?

Gemeinsam gewannen Sie im Jahr 2006 mit dem FC Bar­ce­lona die Cham­pions League. Im Finale gegen den FC Arsenal wurden Sie erst in der 61. Minute beim Stand von 0:1 ein­ge­wech­selt. 15 Minuten später berei­teten sie das 1:1 von Samuel Eto’o vor. Dann kam Ihr großer Auf­tritt.
Neun Minuten vor dem Abpfiff sah ich, wie Juliano Bel­leti in den Straf­raum star­tete, und spielte ihn an. Er erzielte das 2:1 und schrie in den Abend­himmel: Oh, mein Gott! Oh, mein Gott!“ Die ganze Mann­schaft stürzte auf ihn, alle Dämme bra­chen, Eto’o weinte vor Freude. Wir waren die Könige von Europa.

Nach dem Abpfiff sah man Sie alleine vor den Barça-Fans jubeln.
Das war purer Zufall. Ich dachte, dass meine Mit­spieler mit mir zu den Fans laufen würden. Als ich mich umdrehte, war ich allein – die anderen waren schon bei der Sie­ger­eh­rung.

Wussten die Barça-Stars etwa nicht, wie man feiert?
Die Party danach war die beste meines Lebens – und die erste, auf der ich kom­plett nüch­tern blieb. Meine Frau war da, dazu mein großer Bruder, meine besten Freunde. Ich hatte mir geschworen, dass ich jeden Moment dieses Abends auf­saugen werde.

Der beste Moment des Abends?
Meine Frau und ich ver­ließen als Letzte die Party-Loca­tion. Draußen war es bereits hell, und der Tür­steher bot an, uns in seinem Van zum Hotel zu fahren. Wir saßen zwi­schen leeren Fla­schen und Farb­ei­mern und fuhren durch Paris. Meine Frau fing an zu singen: Cam­peones, Cam­peones, Olé, Olé, Olé“. Am Hotel ange­kommen, sang sie ein­fach weiter und beschallte den ganzen Innenhof: Cam­peones, Cam­peones“. Plötz­lich öff­nete sich ein Fenster, Thiago Motta streckte den Pokal raus und stimmte ein: Olé, Olé, Olé“. Dann kamen Mark van Bommel, Gio­vanni van Bronck­horst und Deco an ihre Fenster. Alle sangen mit. Viel­leicht der schönste Moment meiner Lauf­bahn.

Schöner als jeder Tor­er­folg?
Kennen Sie das Gefühl, wenn man als Kind seine Geburts­tags­ge­schenke aus­pa­cken darf?

Man ist auf­ge­regt.
Kurz bevor ich ein Tor erzielte, spürte ich diese kind­liche Auf­re­gung. Ein Wahn­sinns­ge­fühl. Nur einmal konnte ich mich nicht freuen.

Lassen Sie uns raten: Nur knapp 100 Tage nachdem Sie Celtic im Jahr 2004 in Rich­tung Bar­ce­lona ver­lassen hatten, erzielten Sie in der Cham­pions League für den FC Bar­ce­lona ein Tor gegen Celtic.
Sieben Jahre lang haben sie im Celtic Park nach jedem Tor von mir die Titel­me­lodie von Die Glor­rei­chen Sieben“ gespielt. Dieses Mal war es toten­still, manche Zuschauer pfiffen sogar. Ich wäre am liebsten im Erd­boden ver­sunken.

Dabei hatten Sie nur Ihren Job gemacht.
Ich ver­danke Celtic alles. Der Klub hat mein Haus bezahlt, mich finan­ziell unab­hängig gemacht und zu dem Men­schen werden lassen, der ich heute bin. Ich habe die Celtic-Fans geliebt! Und an diesem Abend stach ich ihnen mit meinem Tor mitten ins Herz. Aber ich war in diesem Moment nun mal Spieler des FC Bar­ce­lona.

Henrik Larsson, Sie haben nahezu alle großen Titel in Europa gewonnen und bei den größten Klubs gespielt. Was war die dun­kelste Stunde in Ihrer Kar­riere?
Der 6. Juni 2009. Nach einem Län­der­spiel gegen Däne­mark saß ich in der Kabine. Ein Betreuer gab mir mein Handy und sagte, ich solle sofort meine Frau anrufen. Ich ant­wor­tete, dass ich erst noch duschen wolle. Er sagte nur: Es ist ernst!“ Mein erster Gedanke war, dass unseren Kin­dern etwas pas­siert sei.

An diesem Tag starb Ihr jün­gerer Bruder im Alter von nur 35 Jahren.
Er war seit Jahren dro­gen­ab­hängig. Wir wussten, dass dieser Tag kommen würde. Ich habe mit ansehen müssen, wie er zugrunde ging, und konnte nichts tun. Ich, der Fuß­ball­star, der in ganz Europa gefeiert wurde, der sich unbe­siegbar fühlte, war hilflos. Ich hatte alles, er lebte in der Hölle. In diesen Momenten begriff ich, dass Fuß­ball, mein Lebens­in­halt, unwichtig ist. Ich beschloss, meine Kar­riere zu beenden.

In der Folge kri­ti­sierten Sie die schwe­di­schen Medien für ihr Ver­halten.
Sie ver­dienten Geld mit unserem Leid. Das hat mich ange­wi­dert. Jour­na­listen ver­langten immer von mir, dass ich mich pro­fes­sio­nell ver­halte, weil ich ein Vor­bild für viele sei. Doch in dieser Situa­tion haben sie ihre Maske fallen lassen. Was war mit ihrer eigenen Vor­bild­funk­tion?

Was hat Sie am meisten scho­ckiert?
Die Abend­zei­tungen titelten bereits Lars­sons Bruder tot auf­ge­funden“, als ich noch auf dem Platz stand. Das ganze Land wusste also Bescheid, bevor ich es erfuhr. Jour­na­listen bela­gerten unser Haus, lau­erten meinen Eltern auf und ver­suchten mit allen Mit­teln, an Infor­ma­tionen zu kommen. Ich hätte das aus­ge­halten, aber meine Familie war ihnen schutzlos aus­ge­lie­fert. Das werde ich man­chen Men­schen nie­mals ver­zeihen.

Wel­ches Ver­hältnis hatten Sie vor seinem Tod zu Ihrem Bruder?
Ich habe jeden Tag an ihn gedacht und tue es noch heute. Die Unge­wiss­heit – Wie geht es ihm? Wo ist er gerade? – hat mich auf­ge­fressen. Doch kein Arzt und kein Geld der Welt konnten seine Dämonen ver­treiben. Er hat sogar seinen Namen gewech­selt, um mich vor seinem Leben zu schützen.

Wie klein wird die Kar­riere, wenn man das erlebt hat?
Ich habe gesehen, wie meine Eltern um zehn Jahre alterten, als sie ihren Sohn zu Grabe trugen. Ich würde jeden Titel, jedes ver­dammte Tor und jeden Tag meiner Kar­riere ein­tau­schen, wenn mein Bruder gesund unter uns weilen würde. Aber das geht nicht. Dieser Schmerz wird immer bleiben.