Salvo, einer meiner engsten Freunde, und ich saßen wie früher auf der Garage vor meinen Eltern­haus. Hier hat alles ange­fangen. Als Kinder hatten wir auf die Wand des Bau­ern­hofs nebenan mit Kreide ein Tor gemalt, das andere Tor war die Garage. Jetzt war Som­mer­pause in der Bun­des­liga, und es hatte uns wieder mal gepackt. Wir hatten den Ball raus­ge­holt und bis zehn Uhr abends gespielt. Nun wurde es langsam dunkel, und ich holte uns ein kühles Bier aus dem Keller. Salvo hatte immer noch den Blau­mann an und war völlig außer Atem, weil er auf der Arbeit jede Rau­cher­pause nutzt. Trotzdem war er zufrieden mit sich: Siehst du, ich kann es doch noch.“

Salvo kann es immer noch

Ja, da hatte er Recht, er kann es wirk­lich noch! Er hat es immer gekonnt und wird es immer können. Salvo ist ein Achter oder Zehner mit viel Dynamik, feinem rechten Fuß und dem beson­deren Instinkt, den man nicht erklären kann.

Als wir früher zwi­schen Haus­wand und Garage kickten, hatten wir einen gemein­samen Traum: Wir wollten in der Bun­des­liga spielen, am besten in der glei­chen Mann­schaft. Wir träumten von großen Spielen in den schönsten Sta­dien, wo uns die Fans zuju­beln. Dieser Traum trieb uns an, des­halb war es auch egal, selten zu Hause zu sein. Seit wir sechs Jahre alt waren, hatten wir jeden Tag Schule und Trai­ning. Am Wochen­ende fuhren wir zu Spielen oder Tur­nieren durch ganz Deutsch­land und schliefen bei Gast­el­tern, weil wir zu jung waren, um ins Hotel zu gehen. In meiner Jugend gab es keine DVD-Abende, keine Partys und den ersten Kuss viel später. In der Schule verlor ich ein wenig den sozialen Anschluss, weil ich oft nicht da war, meine schu­li­schen Leis­tungen litten auch. Dafür lernte ich schon früh, zu funk­tio­nieren und vor allem dis­zi­pli­niert zu sein. Ich habe nie hin­ter­fragt, ob das für die Ent­wick­lung eines Kindes wirk­lich gut ist, ich hatte halt diesen Traum.

So viele zer­platzte Träume

Ver­steht mich bitte nicht falsch! Ich tat das alles unfassbar gern und würde meine Kind­heit nicht ein­tau­schen wollen. Aber viel­leicht sage ich das auch nur des­halb, weil ich heute jeden Tag meinen Traum leben darf. Salvo hin­gegen hat nicht weniger inves­tiert und nicht weniger ent­behrt als ich, gehört aber zu den unzäh­ligen Spie­lern, denen das ver­wehrt bleibt. Er hat für den Fuß­ball sogar die Schule auf­ge­geben und schaut trotz vieler schöner Erin­ne­rungen auch mit einem wei­nenden Auge zurück.

Jeder Profi kennt einen Salvo, der nicht weniger talen­tiert war und es trotzdem nicht geschafft hat, weil er viel­leicht ein­fach nur an den fal­schen Trainer geraten ist oder sich ver­letzt hat. Wir, die es geschafft haben, hatten auf unserem Weg hin­gegen irgend­wann auch ein­fach ein wenig Glück und sollten dankbar dafür sein. Das muss man zwar nicht auf Teufel komm raus zeigen, aber ein Gegen­über spürt Dank­bar­keit, wenn man sie aus­strahlt. Man strahlt sie aber nur dann aus, wenn man die Dank­bar­keit wirk­lich fühlt. Das pas­siert auto­ma­tisch, wenn man ab und an dar­über nach­denkt, wie es ver­dammt noch mal anders hätte laufen können. Wie bei so unzählig vielen zer­platzten Träumen.

PS: Salvo, du hast mal zu mir gesagt, dass dein Traum in mir weiter lebt. Dieser Satz bedeutet mir bis heute unfassbar viel, weil du ihn ernst meinst und weil ich weiß, was dir dieser Traum bedeutet hat.