Es wirkte wie eine abge­spro­chene Aktion. Mitte der zweiten Halb­zeit im Rele­ga­ti­ons­rück­spiel, beim Stand von 0:1 aus Sicht der Hei­den­heimer, stürmten plötz­lich rund 50 Per­sonen die Tri­büne. Dar­unter waren auch Spie­ler­frauen und dem Ver­nehmen nach sogar Kinder. Ob die soge­nannten Fuß­ball­fans damit bewusst einen Spiel­ab­bruch pro­vo­zieren wollten, um die Auf­stiegs­chancen für den FCH zu wahren, ist bisher nicht bekannt. Der Verein distan­zierte sich vehe­ment von den Aus­schrei­tungen.

Dabei liegt nahe, dass die orches­trierte Aktion ein klarer Ver­stoß gegen das Hygi­e­nekon­zept der Deut­schen Fuß­ball Liga (DFL) dar­stellt. Uns liegt umfang­rei­ches Video­ma­te­rial der Aus­schrei­tungen vor“, mel­dete ein guter Bekannter des 1. FC Hei­den­heim noch in der Tat­nacht. Dass das LKA Baden-Würt­tem­berg in Kürze hin­zu­ge­zogen wird – nicht aus­ge­schlossen. Denn wäh­rend einige der Störer ihr Gesicht mit einem soge­nannten Mund-Nasen-Schutz“ ver­deckten, besaß der Groß­teil sogar die Dreis­tig­keit, voll­kommen unver­mummt die Ränge zu stürmen.

Rat­lo­sig­keit beim Ver­band

Die DFL hat den Verein mitt­ler­weile schon um eine aus­führ­liche Stel­lung­nahme gebeten. Das Sta­di­on­er­lebnis darf kein Ort des Schre­ckens werden“, hatte der ehe­ma­lige DFL-Geschäfts­führer Andreas Rettig mal gesagt und hätte mit Blick auf die jetzt wieder auf­flam­mende Debatte um ein Sicher­heits­kon­zept hin­zu­fügen können: Diese Chaoten werden mit keinem Kon­zept der Welt zu beru­higen sein.“ Klar ist: Es herrscht Resi­gna­tion und Rat­lo­sig­keit beim sonst so mäch­tigen Liga­ver­band.

Auch der Vor­sit­zende der Deut­schen Poli­zei­ge­werk­schaft (DPolG), Rainer Wendt wurde zwar nicht gefragt, hätte aber bestimmt eine Mei­nung. Er befürchtet stets Schlimmes, sollte die Politik nicht end­lich reagieren. Es ist doch reiner Zufall, dass es noch keinen Toten gegeben hat“, hatte Wendt mal gesagt. Wie­der­ho­lungs­tä­tern droht er gerne mal mit Fuß­fes­seln und lebens­langen Sta­di­on­ver­boten. Ob nach sol­chen Aus­schrei­tungen über­haupt noch VIP-Räume geöffnet werden könnten? Immerhin hatte Wendt schon 2010 gesagt: Wir müssen auch prüfen, ob bestimmte Bereiche im Sta­dion gesperrt werden sollten. Wo sich häufig Gewalt hoch­schau­kelt, gehören keine Fans hin.“

See­hofer ver­wei­gert aus­führ­liche Studie

Doch der Vor­sit­zende der deut­schen Poli­zisten ver­schließt die Augen vor dem Pro­blem. Bun­des­in­nen­mi­nister Horst See­hofer wei­gert sich gegen eine aus­führ­liche Studie zu struk­tu­rellen Pro­blemen in der Szene. Jetzt nicht“, so See­hofer. Wir könne nicht jede Woche ein Wünsch-Dir-was spielen.“ Dafür ern­tete der Minister prompt Kritik. Die Polizei tue sich damit keinen Gefallen, sagte SPD-Vize­chef Kevin Küh­nert. Eine Studie könnte die Dis­kus­sion durch Fakten ver­sach­li­chen. Diese Chance droht See­hofer nun zu ver­spielen.“

Es bleibt zu hoffen, dass es sich bei den Aus­schrei­tungen in Hei­den­heim um einen Ein­zel­fall han­delt. Bun­des­weite Soli­da­ri­täts­be­kun­dungen aus der Szene lassen aller­dings Böses erahnen.

Die berüch­tigte Hei­den­heimer Acker­truppe Schloss­berg­Figh­ters schloss wei­tere Aktionen nicht aus. Bei den kom­menden Spielen auf der Ostalb befinden sich alle Betei­ligten in Alarm­be­reit­schaft.

Schmidt reagiert genervt

Sicht­lich ange­fressen zeigte sich auch Hei­den­heims Trainer Frank Schmidt nach dem ver­lo­renen Rele­ga­tions-Remis am DAZN-Mikrofon. Auf die Frage, wie groß die Ent­täu­schung sei, ant­wor­tete Schmidt: Was für eine bescheu­erte Frage! Wie groß soll die Ent­täu­schung sein?“ Er spricht weiter von einer großen Leere. Das Ein­zige, was jetzt hilft: Richtig einen hinter die Binde kippen.“

In Hei­den­heim will man (oder hat man) den Vor­fall offenbar schnellst­mög­lich ver­gessen. Glück­li­cher­weise zeigten sich die Per­sonen bald ein­sichtig und wurden von mutigen Ord­nern zurück in ihre Lager – die in Eigen­ver­ant­wor­tung ste­henden VIP-Räume – begleitet.