Es war eine unter­halt­same Woche im Som­mer­loch des Fuß­balls. Manuel Neuer sang dummes Zeug auf in Kroa­tien. Gemein­samen hackten Titanic und Der Pos­til­lion die Awards einer großen Sport­zei­tung und zeich­neten Karl­heinz Rum­me­nigge und Dietmar Hopp für die Geste des Jahres“ aus. Und weil die Bayern gerade so gut in Fahrt waren, wollten sie gerne auch noch ihre zweite Mann­schaft in die Zweite Bun­des­liga hieven. Ist ja unser Fuß­ball“, dachten sie wohl. Dazu plät­scherte gemüt­lich der Trans­fer­markt vor sich hin, so dass es beim Urlaub im Fich­tel­ge­birge oder auf dem Darß nicht zu lang­weilig wurde.

Im Sta­dion wartet kein Ver­gnügen

In dieses Gemisch der übli­chen Halbau­fre­gungen schum­melte sich aber ein Papier, das ein echter Downer war. Die Rede ist von den holprig beti­telten Grund­lagen & Leit­faden für die Kon­zep­ter­stel­lung zwecks Wie­der­zu­las­sung von Sta­di­on­be­su­chern“, die gemeinsam vom Deut­schen Fuß­ball-Bund und der Deut­schen Fuß­ball Liga (DFL) vor­ge­legt wurden. Wer sich die Mühe macht, die 41 Seiten durch­zu­lesen, wird des Fuß­ball­le­bens nicht so richtig froh. Das liegt auch daran, dass es in all seiner Klein­tei­lig­keit von der Durch­lüf­tung von VIP-Räumen über die Hil­fe­stel­lung für die Model­lie­rung von Sta­di­on­ka­pa­zi­täten“ bis zum Bedarfe von Men­schen mit Lern­be­hin­de­rung“ ziem­lich genau klar macht, was uns in der kom­menden Saison in den Sta­dien erwartet. Und das ist kein Ver­gnügen.

Vor­zu­werfen ist es den Autoren des Kon­zepts nicht, schließ­lich sind Mas­sen­ver­an­stal­tungen in Zeiten der Pan­demie grund­sätz­lich pro­ble­ma­tisch. Aber dieser Ent­wurf ver­län­gert das Elend des Son­der­spiel­be­triebs“ nur, das wir nach der Wie­der­auf­nahme der Bun­des­liga erlebt haben. Es spaltet das Publikum zudem in jene, die dem­nächst wieder ins Sta­dion kommen dürfen und die wei­terhin Aus­ge­schlos­senen. Und es sorgt für ein anämi­sches Fuß­bal­l­er­lebnis, das eher dem beim Tennis ähneln dürften als dem, was vorher war. Wir haben damit Bun­des­li­ga­spiele als Methadon-Pro­gramm.

Ohne Publikum wäre es sinn­voller

Einige werden jetzt rufen: Da sieht man wieder, es geht doch sowieso nur ums Geld. Doch so stimmt das nicht. Wenn Oliver Kahn davon aus­geht, dass selbst in die Arena in Mün­chen bes­ten­falls 15.000 Besu­cher kommen können, liegen die Zahlen andern­orts deut­lich nied­riger. Einige Ver­eins­bosse sagen hinter vor­ge­hal­tener Hand, dass es wirt­schaft­lich sogar sinn­voller wäre, weiter ohne Publikum zu spielen. Die Orga­ni­sa­tion der Spiele mit Teil­pu­blikum kostet näm­lich mehr als an der Kasse ein­ge­nommen wird.

In dieser Woche hat die DFL allen 36 Pro­fi­klubs die Lizenzen für die kom­mende Saison erteilt, aber man braucht nicht viel Phan­tasie, um sich aus­zu­malen, dass die zugrunde lie­genden Zahlen längst über­holt sind. So wie nun geplant, ist kaum mit Zuschau­er­ein­nahmen zu rechnen. Wenn aber die Sta­di­on­ein­nahmen zu einem großen Teil fehlen, und bei Borussia Dort­mund etwa ist ein Spieltag gut vier Mil­lionen Euro wert, werden die Klubs irgendwo sparen müssen. So wird auf die Profis dem­nächst eine zweite Welle von Ver­hand­lungen über Gehalts­ver­zicht zukommen. Zu den feh­lenden Zuschau­er­ein­nahmen gesellt sich noch ein sin­kender Wer­be­wert der Klubs, weil Fuß­ball­spiele als Ereignis ent­wertet sind. Außerdem werden viele Kleinspon­soren, die sich ein paar Meter Bande im Sta­dion leisten, eine Loge oder ein Busi­ness-Seat, im Moment gut über­legen, ob sie dafür noch Geld haben.

Es fehlt eine Per­spek­tive

Wer sich die Sorgen vor­stellen möchte, die damit ver­bunden sind, sollte nicht nur an die großen Klubs denken, son­dern auch an all die Zweit- und Dritt­li­gisten, deren Finanz­ma­nager gerade fragen, wie das alles funk­tio­nieren soll. Zumal so eine Per­spek­tive fehlt, dass die Ligen auf volle Sta­dien zuar­beiten. Des­halb kann man nur hoffen, dass bei der wei­teren Kon­zept­ar­beit und Leit­fa­den­er­stel­lung der Hüter des Fuß­balls noch Ansätze ent­wi­ckelt werden, die wirk­lich wei­ter­helfen. Sonst wird der Herbst des Fuß­balls dunkel werden, so sehr wir uns bis dahin von sin­genden Natio­nal­tor­hü­tern und bizarren Preisen haben ablenken lassen.