Jeder Mensch hat eine zweite Chance ver­dient. Bleibt nur die Frage, wie diese Chance aus­sieht.

Im Fall des Fuß­bal­lers Ched Evans geht es darum, ob ein ver­ur­teilter Ver­ge­wal­tiger wieder die Mög­lich­keit bekommen darf, einem Traumjob nach­zu­gehen, der ihm Ruhm und Ehre und Geld ein­bringen dürfte. Und viele wei­tere Gele­gen­heiten, sich so zu ver­halten wie in der Nacht vom 29. auf den 30. Mai 2011.

Der Wayne Rooney von Shef­field“

In dieser Nacht war Evans in Rhyl, einem kleinem Küs­ten­städt­chen süd­west­lich von Liver­pool. Dort traf sich der Waliser mit seinem Jugend­freund Clayton McDo­nald, auch er ein Fuß­ball­profi, sowie seinem Bruder Ryan und einem wei­teren Kumpel namens Jack Higgins, um feiern zu gehen. Zu diesem Zeit­punkt war Ched Evans Top­stürmer des eng­li­schen Zweit­li­gisten Shef­field United. Er ver­diente 20.000 Pfund pro Woche, fuhr einen Mer­cedes und einen Land Rover Defender mit All­rad­an­trieb. Er war Natio­nal­spieler. Eine eng­li­sche Zei­tung nannte ihn den Wayne Rooney von Shef­field“.

Später, im Verhör mit den Poli­zisten, gab Evans zu Pro­to­koll: Wir sind Fuß­baller. Fuß­baller sind reich, sie haben Geld und des­halb stehen Frauen auf uns. An diesem Abend hätten wir jede Frau haben können.“ Das ver­zerrte Welt­bild eines jungen Sport­lers, den Geld und Pro­mi­nenz in eine Fan­tasie-Welt ent­führt haben, deren Bewohner glauben, nach eigenen Spiel­re­geln schalten und walten zu dürfen.

Im Fall von Ched Evans und seinen Freunden sah das dann so aus: Gegen vier Uhr mor­gens sprach Evans‚ Kumpel McDo­nald eine 19-jäh­rige Frau an, die vor einem Döner-Laden stand und zu diesem Zeit­punkt bereits zwei große Gläser Wein, vier dop­pelte Wodkas und einen Sam­buca intus hatte. Hey, wo willst du hin?“, fragte McDo­nald die schwan­kende Frau. Wo willst du denn hin?“, gab diese lal­lend zurück. Ich gehe zu meinem Hotel.“ Ich komme mit.“

Ich habe ein Mäd­chen“

McDo­nald rief ein Taxi und schrieb eine Nach­richt an Ched Evans: Ich habe ein Mäd­chen.“ 15 Minuten später tauchte Evans gemeinsam mit seinem Bruder und Jack Higgins im Hotel auf.

Was genau in diesen frühen Mor­gen­stunden im Pre­mier Inn“ pas­sierte, wurde später vor Gericht rekon­stru­iert. Wäh­rend McDo­nald bereits mit seiner Beglei­tung im Bett beschäf­tigt war, stieß Evans dazu. Kann mein Kumpel mit­ma­chen?“, soll McDo­nald die junge Frau gefragt haben. Ja“, habe diese geant­wortet. Behauptet jeden­falls Ched Evans. Das Gericht glaubte ihm das nicht. Die beiden Männer hatten Sex mit der Frau. Ryan Evans und Jack Higgins standen der­weil vor dem Fenster und hielten mit der Smart­phone-Kamera drauf. Anschlie­ßend ver­ließ McDo­nald den Raum durch die Zim­mertür, Evans ver­schwand durch den Not­aus­gang. Als die junge Frau am nächsten Morgen auf­wachte, konnte sie sich an nichts erin­nern.

Das Gericht befand, dass Evans ohne Ein­wil­li­gung der 19-Jäh­rigen Geschlechts­ver­kehr mit ihr hatte, und ver­ur­teilte ihn am 20. April 2012 wegen Ver­ge­wal­ti­gung zu fünf Jahren Gefängnis. Der Star-Fuß­baller, der doch angeb­lich jede Frau haben konnte, hatte sich ein­fach genommen, was er wollte. Fernab von jeg­li­chem mora­li­schen Ver­ständnis, gewis­senlos, ego­is­tisch, absto­ßend.

Hetz­kam­pagne – gegen das Opfer

Der Fall Evans zeigte aber auch erneut, wie schwer sich die Gesell­schaft im Umgang mit Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fern tut, wie wider­wärtig sie gar Opfer- und Täter­rollen ver­tauscht. Zunächst war da die Hotel­lei­tung, die der drän­genden Bitte der ver­wirrten Frau nicht nachgab, auf den Über­wa­chungs­bän­dern nach­zu­sehen, wie sie über­haupt in dieses Hotel gekommen war. Erst eine Anzeige bei der Polizei ver­an­lasste die Ver­ant­wort­li­chen vom Pre­mier Inn“ die Bänder her­aus­zu­geben. Kaum wurde die Sache öffent­lich, mel­deten sich die Fans von Ched Evans zu Wort. Zunächst mit Sym­pa­thie­be­kunden für ihren der Ver­ge­wal­ti­gung ange­klagten Helden, dann mit übler Nach­rede im Internet – nicht etwa gegen Evans, son­dern gegen das 19-jäh­rige Opfer. Ihr Name wurde via Twitter öffent­lich gemacht, was eine regel­rechte Hetz­kam­pagne zur Folge hatte, die die junge Frau schließ­lich dazu zwang, ihren Hei­matort zu ver­lassen und eine neue Iden­tität anzu­nehmen. Neun Männer wurden wegen der Hass­ti­raden gericht­lich ver­folgt, die große Masse blieb unbe­hel­ligt.