Vor zehn Jahren rissen die Lini­en­richter in der kom­pletten Bun­des­li­ga­saison 1957 Mal die Fahne hoch, um im Durch­schnitt 6,77 Abseits­stel­lungen pro Spiel anzu­zeigen. Seither ist die Zahl in fast jeder Saison nied­riger gewesen als in der vor­an­ge­gan­genen, für die aktu­elle Spiel­zeit sind wir bei 3,65 pro Spiel ange­kommen. So wenig Abseits war nie. Die Bun­des­liga ist aber nicht auf einen selt­samen Son­derweg, son­dern Teil eines glo­balen Trends.

In der eng­li­schen Pre­mier League etwa wurde in der ver­gan­genen Saison 3,8 Mal pro Spiel abseits ange­zeigt, in der zweit­klas­sigen Cham­pi­onship sogar nur 3,1 Mal. Auch die Zahlen für die Welt­meis­ter­schaften bestä­tigen die Ent­wick­lung. Bei der WM 1990 in Ita­lien, als Deutsch­land den Titel holte, wurde noch durch­schnitt­lich 8,5 Mal pro Spiel ein Abseits ange­zeigt, bei der WM in Russ­land im letzten Jahr war der Wert auf 2,1 zurück­ge­gangen. Nur, was ist da los?

Wäre die Zahl der Abseits­stel­lungen erst kürz­lich abge­stürzt, könnte man das viel­leicht mit dem Ein­satz des Video­schieds­rich­ters erklären. Schließ­lich lassen viele Assis­tenten das Spiel heute im Zwei­fels­fall lieber laufen, als dass sie einen Angriff vor­eilig zurück­winken. Aber die Ent­wick­lung ist ein lang­fris­tiger Trend, wes­halb er nur durch die Ver­än­de­rung des Spiels an sich ver­ständ­lich wird.

Was Roy Makaay und Guido Burg­staller eint

Einer der typi­schen Spieler aus dem unter­ge­gan­genen Zeit­alter des Abseits war der Hol­länder Roy Makaay. In seinen vier Jahren beim FC Bayern trug er mit 72 Bun­des­li­ga­toren zu zwei Meis­ter­ti­teln bei, betei­ligte sich aber relativ wenig am Kom­bi­na­ti­ons­spiel seiner Mann­schaft, von der Defen­siv­ar­beit ganz zu schweigen. In seinem ersten Bun­des­li­ga­spiel hatte er zur Pause zehn Ball­kon­takte, war aber bereits vier Mal ins Abseits gelaufen. Auch fortan lun­gerte der Hol­länder meist an der Abseits­grenze herum und war­tete auf einen Pass in die Tiefe, um dem geg­ne­ri­schen Ver­tei­diger zu ent­wi­schen. Das gelang nicht selten, oft genug lief er jedoch ins Abseits, wie damals viele Stürmer.

Die Angreifer aus jenen Zeiten und denen davor waren oft Zocker, die mit dem Risiko spielten, zu früh ein­zu­laufen. Ihre Gegen­spieler machten bei diesen Spiel­chen kräftig mit und ver­suchten, im rich­tigen Moment einen Schritt nach vorne zu gehen, um die Stürmer in die Abseits­falle tappen zu lassen. So etwas sieht man heute nicht mehr, was sich auch in den Zahlen nie­der­schlägt. Robert Lewan­dowski etwa wurde in dieser Saison bis­lang in neun Spielen nur drei Mal im Abseits erwischt. Beim mit­unter etwas aus der Zeit gefallen wir­kenden Guido Burg­staller von Schalke 04 ging immerhin 13 Mal die Fahne hoch. Heute ist das der Spit­zen­wert der Liga, früher wäre er nicht der Rede wert gewesen.