Seite 2: 19. Mai 2001 | 16:17 Uhr

Eine ver­rückte erste Halb­zeit liegt hinter allen Betei­ligten. Unter­ha­ching, das sich gegen den Abstieg stemmt, ist nach 27 Minuten mit 2:0 in Füh­rung gegangen. Doch zwei Minuten vor der Pause hat Nico van Kerck­hoven den Ball ins Netz gegrätscht und auf 1:2 ver­kürzt. Nur eine Minute später hat Gerald Asa­moah das 2:2 gemacht – mit der Hacke. Was war denn da los?“, fragen sich die Fans am Bier­stand. Einige fangen an zu singen: Sergej Bar­barez! Scha­la­lala!“ Der Ham­burger Stürmer hat in dieser Saison bisher 21 Tore geschossen, auf einem Tor von ihm gegen die Bayern ruhen nun die Schalker Hoff­nungen.

Doch in Ham­burg steht es zur Pause 0:0. Alles spricht für eine Meis­ter­schaft der Bayern. Die Regie des über­tra­genden Sen­ders Pre­miere“ schaltet Rudi Assauer und Karl-Heinz Rum­me­nigge zu. Assauer wird gefragt: Wollen Sie Rum­me­nigge schon einmal zum Titel gra­tu­lieren?“ Assauer ant­wortet: Nein, der Kalle weiß, was im Fuß­ball noch alles pas­sieren kann.“

19. Mai 2001 | 16:58 Uhr

Wenn Gedanken Blei in die Beine gießen, braucht man Spieler, die nicht groß­artig nach­denken. Es klingt wie die Stel­len­be­schrei­bung für Jörg Böhme, wie sein Auf­trag für diese zweite Halb­zeit. Es ist die 73. Minute: Das Park­sta­dion ist mucks­mäus­chen­still, Unter­ha­ching führt 3:2, die Meis­ter­schaft scheint begraben. 18 Meter vor dem Tor hat sich Böhme den Ball zum Frei­stoß zurecht­ge­legt. Es kommt eigent­lich nur ein Schlenzer über die sie­ben­köp­fige Mauer der Hachinger in Frage. Böhme aber zieht voll ab – flach. Der Ball rutscht unter den hoch­sprin­genden Geg­nern hin­durch zum 3:3. Tor­schütze: Jörg Böhme, der Mann, den sie den Ver­rückten“ nennen.

80 Sekunden später. Ebbe Sand spielt Böhme frei, der nun allein vor Hachings Tor­wart Ger­hard Tremmel steht, sieben Meter von der Füh­rung ent­fernt. Böhme tritt kurz auf, täuscht einen Schuss an, Tremmel geht in die Knie, und Böhme lupft locker ins lange Eck. Die Fans jubeln und singen, steigen auf die Zäune, ihre Gesänge über­lappen sich. 4:3 nach 0:2 und 2:3 – die Mann­schaft hat sie durch alle Gefühls­welten gepeitscht. Das ist zwar nur ein Vor­ge­schmack, doch jeder ahnt: Das Park­sta­dion ist heute keine bloße Spiel­stätte. Sie ist eine Fabrik der Emo­tionen.

Das 5:3 fällt in der 90. Minute, Schalke gewinnt, hat den zweiten Platz sicher, Haching ist abge­stiegen. Ebbe Sand haut auf die Trommel eines Fans, Emile Mpenza küsst das Wappen. Die letzten Sekunden inter­es­sieren nie­manden mehr, HSV, HSV, HSV!“, hallt es durchs Sta­dion. Andreas Müller, Ex-Profi und Leiter der Lizenz­spie­lerab­tei­lung, läuft auf der Haupt­tri­büne in einem Ham­burg-Trikot mit Kovac“ auf dem Rücken hin und her. Er hat es einst mit dem HSV-Spieler getauscht. Ich hatte so ein Gefühl“, sagt Müller, dass etwas pas­sieren kann.“ Sein Aber­glaube scheint sich aus­zu­zahlen. Plötz­lich liegt eine Mel­dung in der Luft: In Ham­burg ist etwas pas­siert.

19. Mai 2001 | 17:16 Uhr
 
Men­schen winden sich wie Fische an Land, recken die Köpfe in alle Rich­tungen, ver­ein­zelte Jubel­schreie sind zu hören, man rüt­telt an Glied­maßen, die­je­nigen mit Radios an den Ohren werden in den Klam­mer­griff genommen und nicht mehr los­ge­lassen. Eine Masse von 80 000 Zuschauern wogt hin und her, zwi­schen denen, die etwas wissen, und denen, die nicht glauben, was sich da im weiten Rund aus­breitet. In der Nord­kurve steht jemand mit einem Handy am Ohr, Fans fragen ihn fle­hent­lich: Was ist da los? Was ist da los, ver­dammt?“ Dann presst er die Lippen zusammen, sein Blick wird glä­sern, er flüs­tert fast: 1:0 für Ham­burg. Es stimmt.“ Die stille Post wird von Sekunde zu Sekunde lauter, ein Lauf­feuer in jedem Block, und nach einer Weile ver­dichten sich die Jubel­schreie Ein­zelner zu einem großen Auf­schrei aller. Das Park­sta­dion weiß es: Schalke 04 wäre nun Deut­scher Meister.

Als die Hoff­nung zur Gewiss­heit wird, implo­diert die Sze­nerie. Der Zaun wird ein­ge­drückt, eine Jubel­traube von zwanzig Leuten kul­lert die Stufen in der Süd­kurve hinab, immer wieder greifen die Men­schen sich mit zitt­rigen Händen an den Kopf, es ist eine Mischung aus Trance und Hys­terie. Sie fühlen sich der Sonne so nah, es ist der Moment, den die Alten Grie­chen Kairos nannten.

Thomas Spiegel, damals Mit­ar­beiter auf der Geschäfts­stelle, sagt: Man hatte das Gefühl, dass das Sta­dion wackelt. Es war ein Tor wie aus dem Nir­wana.“ Sein Kol­lege Michael Kni­cker springt ihm mit beiden Beinen voran in die Arme, und Spiegel denkt an das Gespräch vor dem Spiel. Ich habe heute Morgen dem lieben Gott gesagt: Wenn wir Meister werden, dann kann er mich holen“, hat Kni­cker ihm berichtet. Was flapsig klingt, ist allzu ernst: Kni­cker hat im Jahr zuvor eine Herz­at­tacke erlitten. Hof­fent­lich hält sich der liebe Gott nicht an die Ver­ab­re­dung“, denken beide nun. Sie starren wie gebannt auf den Fern­seher im Pres­se­raum, der das Spiel in Ham­burg zeigt. Ich war wie para­ly­siert“, so Thomas Spiegel. Ich habe wie ein Geis­tes­ge­störter unun­ter­bro­chen nur zwei Wörter wie ein Mantra vor mich hin gestam­melt: Pfeif ab! Pfeif ab! Pfeif ab!“

Auf der Kurt-Schu­ma­cher-Straße am Schalker Markt macht ein Taxi­fahrer eine Voll­brem­sung und schreit: Ham­burg führt! Ham­burg führt! Ham­burg führt!“ Auch hier fallen Men­schen über­ein­ander her, der Ver­kehr bricht zusammen.