Hin­weis: Dieser Text erschien erst­mals in unserem 11FREUNDE SPE­ZIAL über die 00er Jahre.

Es musste dieser Ort sein. Das Park­sta­dion zu Gel­sen­kir­chen erlebte seinen letzten Akt, und dieser wurde zu einem derart lauten Knall, wie man ihn in der Geschichte der Bun­des­liga noch nicht ver­nommen hatte.

Das runde Oval im Berger Feld hat viele ent­schei­dende Spiele gesehen, sogar gegen den Abstieg aus der zweiten Liga, Dramen, Skan­dale und Zeiten, in denen wir nicht mal Geld für Wasch­pulver hatten“, wie Charly Neu­mann, lang­jäh­riger Mann­schafts­be­treuer und Seele des Ver­eins, einmal sagte. Damals. Als die Pils-Papp­be­cher sich mit Regen­wasser füllten. Die abbrö­ckelnden, nicht enden wol­lenden Stufen, die kräch­zenden Laut­spre­cher, die hoch­ragenden Flut­licht­masten, Toi­letten mit Piss­rinnen. Ein Fan­block, in dem man Kutten mit der Auf­schrift Nord­kurve“ als State­ment trug, der ein anar­chi­scher, wilder Haufen war. Nur hier konnte jemand auf die Idee kommen, eine Trom­pete mit­zu­bringen. Und nur hier konnte der Mob auf drei her­aus­ge­presste Töne mit dem Schlachtruf Attacke!“ reagieren. Der Zaun­könig war ein Mann mit Trommel, grauem Bart und langen Haaren, den sie seinem Aus­sehen ent­spre­chend Cat­weazle“ tauften. Ich stand immer da, neben mir sind Kinder groß­ge­worden und standen dann irgend­wann mit ihren Kin­dern neben mir“, erzählt Cat­weazle. 1997 im Halb­fi­nale des UEFA-Pokals dich­teten sie hier auf der Tri­büne des Sta­dions den pro­gram­ma­ti­schen Gesang Steht auf, wenn ihr Schalker seid.“

19. Mai 2001 | 15:25 Uhr

Das letzte Spiel also. Schalke 04 kämpft mit Bayern Mün­chen um den Titel, hat drei Punkte Rück­stand, doch das bes­sere Tor­ver­hältnis. Seit 43 Jahren warten die Knappen auf die Meis­ter­schaft, die uner­reich­bare Schön­heit, mit der sie nun tat­säch­lich auf den Abschluss­ball gehen könnten. Durch den 7‑Se­kunden-Tod“, wie der Bou­le­vard dich­tete, haben die Schalker in der ver­gan­genen Woche die Tabel­len­füh­rung abge­geben, als sie in Stutt­gart in letzter Minute das 0:1 kas­sierten und sieben Sekunden später die Bayern gegen Kai­sers­lau­tern zum Sieg trafen. Die Schön­heit hatte sie abblitzen lassen, heute bitten die Schalker nun doch zum letzten Tanz, in der Hoff­nung, dass sie sich noch mal ument­scheidet.

Die Sonne knallt, und man weiß nicht so recht, ob die Gesichter vor Anspan­nung oder wegen der Hitze so rot gefärbt sind. Auf der langen Tar­tan­bahn mit der Patina der sieb­ziger Jahre finden Polo­naisen statt, auf der Gegen­ge­rade wird eine rie­sige Cho­reo­grafie vor­be­reitet, der Schalker Fan­klub-Ver­band lässt ein Flug­zeug mit dem Banner Danke, Park­sta­dion“ über dem Rund kreisen. 65 000 Zuschauer fasst die Spiel­stätte offi­ziell, doch wer an diese Zahl glaubt, war nie dort. Alle zehn Sekunden klet­tern Men­schen über Zäune, um dabei zu sein. Andere sitzen schon seit Stunden in den Baum­kronen hinter der Gegen­ge­rade. Um 12 Uhr fahren Last­wagen durchs Mara­thontor zur Belie­fe­rung, Wild­ent­schlos­sene hängen sich dran oder springen auf das Dach. Das stau­bige Kolos­seum ist zum Bersten voll, es liegt etwas in der Luft. Manager Rudi Assauer, nicht zu Unrecht als letzter Macho der Bun­des­liga“ titu­liert, wird melan­cho­lisch. Er steht an der Trai­ner­bank, hat die Zigarre in der einen Hand und wischt sich mit der anderen Tränen von den Wangen.

Radio­re­porter Manni Breuck­mann setzt sich zum letzten Mal auf den Platz, von dem er seit Jahren für den Rund­funk kom­men­tiert, und schaut sich das königs­blaue Treiben an. Ich emp­fand eine gelöste, ent­spannte Atmo­sphäre“, erin­nert er sich. Es deu­tete nichts darauf hin, dass sich hier noch so ein Drama abspielen könnte.“

Eine ver­rückte erste Halb­zeit liegt hinter allen Betei­ligten. Unter­ha­ching, das sich gegen den Abstieg stemmt, ist nach 27 Minuten mit 2:0 in Füh­rung gegangen. Doch zwei Minuten vor der Pause hat Nico van Kerck­hoven den Ball ins Netz gegrätscht und auf 1:2 ver­kürzt. Nur eine Minute später hat Gerald Asa­moah das 2:2 gemacht – mit der Hacke. Was war denn da los?“, fragen sich die Fans am Bier­stand. Einige fangen an zu singen: Sergej Bar­barez! Scha­la­lala!“ Der Ham­burger Stürmer hat in dieser Saison bisher 21 Tore geschossen, auf einem Tor von ihm gegen die Bayern ruhen nun die Schalker Hoff­nungen.

Doch in Ham­burg steht es zur Pause 0:0. Alles spricht für eine Meis­ter­schaft der Bayern. Die Regie des über­tra­genden Sen­ders Pre­miere“ schaltet Rudi Assauer und Karl-Heinz Rum­me­nigge zu. Assauer wird gefragt: Wollen Sie Rum­me­nigge schon einmal zum Titel gra­tu­lieren?“ Assauer ant­wortet: Nein, der Kalle weiß, was im Fuß­ball noch alles pas­sieren kann.“

19. Mai 2001 | 16:58 Uhr

Wenn Gedanken Blei in die Beine gießen, braucht man Spieler, die nicht groß­artig nach­denken. Es klingt wie die Stel­len­be­schrei­bung für Jörg Böhme, wie sein Auf­trag für diese zweite Halb­zeit. Es ist die 73. Minute: Das Park­sta­dion ist mucks­mäus­chen­still, Unter­ha­ching führt 3:2, die Meis­ter­schaft scheint begraben. 18 Meter vor dem Tor hat sich Böhme den Ball zum Frei­stoß zurecht­ge­legt. Es kommt eigent­lich nur ein Schlenzer über die sie­ben­köp­fige Mauer der Hachinger in Frage. Böhme aber zieht voll ab – flach. Der Ball rutscht unter den hoch­sprin­genden Geg­nern hin­durch zum 3:3. Tor­schütze: Jörg Böhme, der Mann, den sie den Ver­rückten“ nennen.

80 Sekunden später. Ebbe Sand spielt Böhme frei, der nun allein vor Hachings Tor­wart Ger­hard Tremmel steht, sieben Meter von der Füh­rung ent­fernt. Böhme tritt kurz auf, täuscht einen Schuss an, Tremmel geht in die Knie, und Böhme lupft locker ins lange Eck. Die Fans jubeln und singen, steigen auf die Zäune, ihre Gesänge über­lappen sich. 4:3 nach 0:2 und 2:3 – die Mann­schaft hat sie durch alle Gefühls­welten gepeitscht. Das ist zwar nur ein Vor­ge­schmack, doch jeder ahnt: Das Park­sta­dion ist heute keine bloße Spiel­stätte. Sie ist eine Fabrik der Emo­tionen.

Das 5:3 fällt in der 90. Minute, Schalke gewinnt, hat den zweiten Platz sicher, Haching ist abge­stiegen. Ebbe Sand haut auf die Trommel eines Fans, Emile Mpenza küsst das Wappen. Die letzten Sekunden inter­es­sieren nie­manden mehr, HSV, HSV, HSV!“, hallt es durchs Sta­dion. Andreas Müller, Ex-Profi und Leiter der Lizenz­spie­lerab­tei­lung, läuft auf der Haupt­tri­büne in einem Ham­burg-Trikot mit Kovac“ auf dem Rücken hin und her. Er hat es einst mit dem HSV-Spieler getauscht. Ich hatte so ein Gefühl“, sagt Müller, dass etwas pas­sieren kann.“ Sein Aber­glaube scheint sich aus­zu­zahlen. Plötz­lich liegt eine Mel­dung in der Luft: In Ham­burg ist etwas pas­siert.

19. Mai 2001 | 17:16 Uhr
 
Men­schen winden sich wie Fische an Land, recken die Köpfe in alle Rich­tungen, ver­ein­zelte Jubel­schreie sind zu hören, man rüt­telt an Glied­maßen, die­je­nigen mit Radios an den Ohren werden in den Klam­mer­griff genommen und nicht mehr los­ge­lassen. Eine Masse von 80 000 Zuschauern wogt hin und her, zwi­schen denen, die etwas wissen, und denen, die nicht glauben, was sich da im weiten Rund aus­breitet. In der Nord­kurve steht jemand mit einem Handy am Ohr, Fans fragen ihn fle­hent­lich: Was ist da los? Was ist da los, ver­dammt?“ Dann presst er die Lippen zusammen, sein Blick wird glä­sern, er flüs­tert fast: 1:0 für Ham­burg. Es stimmt.“ Die stille Post wird von Sekunde zu Sekunde lauter, ein Lauf­feuer in jedem Block, und nach einer Weile ver­dichten sich die Jubel­schreie Ein­zelner zu einem großen Auf­schrei aller. Das Park­sta­dion weiß es: Schalke 04 wäre nun Deut­scher Meister.

Als die Hoff­nung zur Gewiss­heit wird, implo­diert die Sze­nerie. Der Zaun wird ein­ge­drückt, eine Jubel­traube von zwanzig Leuten kul­lert die Stufen in der Süd­kurve hinab, immer wieder greifen die Men­schen sich mit zitt­rigen Händen an den Kopf, es ist eine Mischung aus Trance und Hys­terie. Sie fühlen sich der Sonne so nah, es ist der Moment, den die Alten Grie­chen Kairos nannten.

Thomas Spiegel, damals Mit­ar­beiter auf der Geschäfts­stelle, sagt: Man hatte das Gefühl, dass das Sta­dion wackelt. Es war ein Tor wie aus dem Nir­wana.“ Sein Kol­lege Michael Kni­cker springt ihm mit beiden Beinen voran in die Arme, und Spiegel denkt an das Gespräch vor dem Spiel. Ich habe heute Morgen dem lieben Gott gesagt: Wenn wir Meister werden, dann kann er mich holen“, hat Kni­cker ihm berichtet. Was flapsig klingt, ist allzu ernst: Kni­cker hat im Jahr zuvor eine Herz­at­tacke erlitten. Hof­fent­lich hält sich der liebe Gott nicht an die Ver­ab­re­dung“, denken beide nun. Sie starren wie gebannt auf den Fern­seher im Pres­se­raum, der das Spiel in Ham­burg zeigt. Ich war wie para­ly­siert“, so Thomas Spiegel. Ich habe wie ein Geis­tes­ge­störter unun­ter­bro­chen nur zwei Wörter wie ein Mantra vor mich hin gestam­melt: Pfeif ab! Pfeif ab! Pfeif ab!“

Auf der Kurt-Schu­ma­cher-Straße am Schalker Markt macht ein Taxi­fahrer eine Voll­brem­sung und schreit: Ham­burg führt! Ham­burg führt! Ham­burg führt!“ Auch hier fallen Men­schen über­ein­ander her, der Ver­kehr bricht zusammen.

19. Mai 2001 | 17:18 Uhr  
 
Im Park­sta­dion behält Trainer Huub Ste­vens die Fas­sung. Er hebt mah­nend die Hände vor der Spie­ler­bank, an der Nico van Kerck­hoven vor Freude Klimm­züge macht. Dann pfeift Hartmut Strampe das Spiel ab. Mike Büs­kens schnappt sich nach dem Abpfiff den Spiel­ball: Das ist der Meis­ter­ball, den stecke ich in meine Tasche und gebe ihn nie wieder her.“ Ste­vens schickt die Spieler in die Kabine, die alte, nicht mehr funk­tio­nie­rende Roll­treppe hoch. Einige bleiben den­noch im Innen­raum, zusammen mit Rudi Assauer, Andreas Müller und Auf­sichts­rats­mit­glied Jürgen W. Möl­le­mann in seinem Fall­schirm­sprin­ge­r­anzug. 

Tau­sende im Sta­dion hängen nun an den Lippen zweier Männer, einer sitzt direkt in ihrer Nähe. Das Spiel auf Schalke ist aus. Wir warten auf Vollzug“, kann Manni Breuck­mann noch sagen. Doch dann sieht er von seinem Platz aus, wie die Men­schen der Falsch­mel­dung auf­sitzen, dass in Ham­burg schon Schluss sei. Immer wieder steht er auf, um die Leute zu infor­mieren, zu beru­higen, wedelt mit den Armen. Doch es brachte alles nichts. Keiner hat es in diesem Taumel mit­be­kommen. Mein Kol­lege Alex Bleick berich­tete immer noch aus Ham­burg, das Spiel lief, und ich war der Ein­zige in meinem Umkreis, der das mit­bekam. Eine absurde Situa­tion.“ 

Die Falsch­mel­dung hat meh­rere Etappen. Kurz nach dem Abpfiff auf Schalke heißt es zum ersten Mal, dass das Spiel in Ham­burg eben­falls zu Ende sei. Nico van Kerck­hoven aber stürmt zu Rudi Assauer und ruft: Es ist noch nicht aus!“ Assauer wird für alle Umste­henden zum Grad­messer, der Mann, der wäh­rend der ganzen Saison gewarnt hat: Wer vorher feiert, feiert umsonst.“ Schnell beru­higt sich alles, Fritz von Thurn und Taxis von Pre­miere“ kom­men­tiert: Die letzte Befreiung fehlt noch.“ Doch dann kommt Assauers Geste: Ihm wird wieder mit­ge­teilt, das Spiel in Ham­burg sei zu Ende, er macht einen Auf­wärts­haken wie ein Boxer, neben ihm lächelt Jiri Nemec – für den Tsche­chen ein unglaub­li­cher Gefühls­aus­bruch. Das Feu­er­werk anläss­lich des letzten Spiels im Park­sta­dion startet – doch selbst das Knallen der Raketen wird von der Geräusch­ku­lisse im Sta­dion geschluckt. Fans stürmen den Platz, die Falsch­mel­dung ist durch­ge­bro­chen und nicht mehr auf­zu­halten. Just in diesem Moment erscheint ein Flim­mern auf der Video­lein­wand über der Süd­kurve, die eigent­lich schon direkt nach dem Abpfiff in Gel­sen­kir­chen anspringen sollte, aber einen tech­ni­schen Defekt hatte. Die letzten Minuten aus Ham­burg werden über­tragen, viele halten es für eine Auf­zeich­nung. Doch das Spiel ist noch immer nicht aus. 

Den Wahn­sinn kann das nicht mehr stoppen. Premiere“-Fieldreporter Rolf Fuhr­mann gra­tu­liert Andreas Müller zur Meis­ter­schaft, hinter ihnen läuft das Spiel in Ham­burg auf der Lein­wand. Ich weiß nicht, wie es steht“, sagt Müller. Es ist zu Ende in Ham­burg, Sie sind Meister“, ent­gegnet Fuhr­mann. Ganz großes Lob an den HSV. Ich liebe euch“, so Müller, dann wird ihm von Ver­eins­ver­tre­tern ein über­großes Pils­glas über­reicht. Jedes Mal, wenn ich Fuhr­mann danach getroffen habe, hat er sich bei mir ent­schul­digt. Ihm tat es sehr leid.“ Teile der Fans feiern den Titel, andere bli­cken zur Lein­wand, nachdem sie gemerkt haben, dass dort doch keine Wie­der­ho­lung läuft. Es war, als würde man bei seiner eigenen Beer­di­gung zuschauen“, umschreibt es ein Fan. 

Tor­wart Oliver Reck liegt da schon unterm Tisch in der Trai­ner­ka­bine, wo die Spieler die letzten Minuten in Ham­burg auf dem Bild­schirm ver­folgen. Da pas­siert noch was“, sagt er zu Andreas Möller. Ich weiß es, oh Gott.“ Als Kapitän Tomasz Wal­doch zu den Medi­en­ver­tre­tern gehen will, hält ihn Reck am Ärmel fest. Tommy, es ist noch nicht vorbei!“ 

19. Mai 2001 | 17:20 Uhr  

Patrik Andersson trifft für die Bayern zum 1:1. Bayern ist Meister. Die Nach­richt geht direkt ins Blut. In der Süd­kurve sackt ein alter Mann zusammen, er sagt: Ich wollte doch nur einmal Meister werden.“ Fritz von Thurn und Taxis ruft drei Wörter: Um Gottes willen!“ Rudi Assauer winkt ab und tau­melt Rich­tung Roll­treppe. Auf dem Rasen bre­chen viele Fans heu­lend zusammen, anderen fehlt die Kraft zum Weinen. Dem rie­sigen Kon­zert des Jubels wird der Ste­cker gezogen. Eine gespens­ti­sche Stille legt sich über das Sta­dion. Was man jetzt noch hört, ist das unauf­hör­liche Knallen der Raketen, es ist wie bei der Band, die auf der unter­ge­henden Titanic spielt. Wer als Außen­ste­hender diese Bilder sieht, muss Fritz von Thurn und Taxis’ Befürch­tung teilen: Hof­fent­lich tut sich keiner etwas an.“ 

Doch wer ist in diesem Moment noch Außen­ste­hender? Der Schrift­steller Steffen Kopetzky ist Bayern-Fan und für die Zeit“ vor Ort. In dem wohl besten Artikel über diesen Tag – er trägt den Titel Schalke im Nacken“ – schreibt er: Ein­samer fühlte ich, der Bayern-Fan, mich nie, und ver­zwei­felter, als in diesem Augen­blick, als Schalke nicht mehr Deut­scher Meister war.“

19. Mai 2001 | 17:25 Uhr

Auf dem Rasen trauern die Fans, in den Kata­komben die Spieler, Ebbe Sand ist in sich zusam­men­ge­fallen, er kauert auf dem Boden, Fla­schen und Stühle fliegen durch den Trai­ner­raum. Bänke, Türen, Fern­seher – nichts ist mehr heil geblieben. Zum Glück hat uns keiner die Rech­nung geschickt“, sagt Marco van Hoog­dalem. Youri Mulder lacht, ohne es zu wollen. Es war so skurril. Ich habe mal mit einem Rad­renn­fahrer gespro­chen. Er sagte, dass bei Stürzen auf der Berg­ab­fahrt die anderen Fahrer lachen. Aber nicht aus Scha­den­freude, son­dern weil sie so nervös sind und keine Kon­trolle über ihre Emo­tionen haben. Genauso fühlte ich mich in diesem Moment.“ Jörg Böhme zündet sich eine Ziga­rette an. Rudi Assauer und Huub Ste­vens ver­su­chen erfolglos, die Spieler zu trösten. Assauer wird Minuten später auf der Pres­se­kon­fe­renz den Jour­na­listen berichten, in welche Augen er gesehen hat. Erzählt mir nichts mehr davon, dass Fuß­baller nur eis­kalte, berech­nende Pro­fi­teure sind.“ Es folgt sein viel­zi­tierter Satz: Ich habe den Glauben an den Fuß­ball­gott ver­loren.“ 

Dieser schnelle Umschlag vom höchsten Gefühl auf diese unend­liche Trauer – das habe ich so noch nicht erlebt“, sagt Manni Breuck­mann. Er bleibt nach dem Spiel noch minu­ten­lang kon­ster­niert auf seinem Repor­ter­platz sitzen. Man­fred Hen­driock, Redak­teur bei der West­fä­li­schen Rund­schau“, wird am kom­menden Tag schreiben: Es war, als wenn man das Liebste ver­liert, das man besitzt.“ 
Huub Ste­vens’ Gesichts­züge sind hart, sein Blick starr und die Worte klar. Er ruft die Mann­schaft zusammen, gra­tu­liert ihr zur Leis­tung der Saison und sagt: Wir haben nächsten Samstag noch einen Titel, den DFB-Pokal, zu holen.“ Dann schickt er sie raus auf die Tri­büne zu den Fans, die unten auf dem Rasen stehen. Minuten nach dem Tief­schlag schreit einer in die Stille. Es ist der sim­pelste, aber prä­gendste Ruf: Schaaaaaalke!“ Er wie­der­holt ihn, immer mehr stimmen mit ein. Die Mann­schaft steht gezeichnet auf der Tri­büne, als You’ll never walk alone“ gespielt wird, ver­liert selbst Huub Ste­vens den Kampf mit den Tränen. Sta­di­on­spre­cher Dirk Ober­schulte-Beck­mann hat das Lied aus­ge­wählt Alle fühlten gleich, alle waren getroffen“, erin­nert er sich. Als wir dann zusammen sangen, war das ein unglaub­li­ches Gefühl der Zusam­men­ge­hö­rig­keit.“ 

Die Spieler treffen sich im Haus des Ersatz­tor­warts Frode Grodas. Anfangs war es ganz ruhig, doch dann artete es in eine rich­tige Frust­party aus“, erzählt Ebbe Sand. Die Woh­nung muss reno­viert werden – und das nicht im sprich­wört­li­chen Sinn. Um die 200 Fans sind da noch auf dem Gelände des Park­sta­dions, sie schaffen es ein­fach nicht, nach Hause zu gehen. Da tritt Rudi Assauer aus seinem Büro auf den Balkon vor der Geschäfts­stelle und hält eine flam­mende Ansprache – in nicht immer ganz ver­ständ­li­chem Ton. 

Allein am Mon­tag­morgen treten 500 Leute dem Verein bei, zum letzten Trai­ning vor dem Pokal­fi­nale erscheinen 15 000 Anhänger. Schalke holt durch ein 2:0 gegen Union Berlin den Pott. Und im Schalker Block des Ber­liner Olym­pia­sta­dions ist ein Plakat zu lesen: Alles wird gut.“ 

Epilog 

Men­schen neigen dazu, bestimmte Ereig­nisse der Geschichte nicht beim Namen zu nennen, son­dern nur beim Datum. Auf Schalke spricht man seither vom 19. Mai“. Dieser Tag machte aus dem Wunsch­traum der Meis­ter­schaft ein zwang­haftes Streben. 

Es sind diese Momente, von denen sich die Schalker Fans auf Aus­wärts­fahrten immer wieder erzählen. Wo immer sie auch wohnen, wo sie her­kommen und wie alt sie sind – ihre Bio­gra­fien kreuzen sich an diesem Punkt. Jeder weiß, wie er diese 4 Minuten und 38 Sekunden erlebt hat. 

Sie werden in den Jahren nach jenem 19. Mai zum Sisy­phos des deut­schen Fuß­balls und fort­wäh­rend erfolglos einen Stein den Meis­ter­hügel hin­auf­schieben: 2005, 2007, 2010. Mann­schafts­be­treuer Charly Neu­mann sagte einmal: Ich hoffe, der liebe Gott lässt mich noch einmal mit der Meis­ter­schale durch unsere Arena laufen.“ 2007, als Schalke die Meis­ter­schaft beim Erz­ri­valen Borussia Dort­mund ver­spielt, ist Charly Neu­mann schon schwer krank, doch er besteht darauf, nach dem Spiel zum Schalker Block geführt zu werden. Erst leise, dann immer lauter bricht sich der Jubel Bahn. Von Ord­nern gestützt steht Neu­mann vor der Kurve, die Fans rufen minu­ten­lang Charly, Charly“, wie sie es schon in den acht­ziger Jahren nach den Abstiegen der Schalker getan haben. 
Charly Neu­manns großer Traum erfüllt sich nicht. Er stirbt am 11. November 2008.