Heute ist der zweite Tag nach dem 0:6 gegen den VfB Stutt­gart. Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es ja. 

Warten. Immer noch warten.

Doch nichts: Man sieht nach wie vor Mer­te­sa­cker durch die eigene Hälfte stor­chen, sieht Frings hilflos Kom­mandos geben (ohne Ton), sieht Wiese sich hun­dert­fach abrollen wie Snoopy im Garten vor Charly Browns Haus, wenn er von seiner Hun­de­hütte pur­zelt, sieht Schaaf auf der Trai­ner­bank kauern, seltsam kno­chig und ver­greist.

Es bleibt beim 0:6. Die Zeit heilt keine Wunden. Sie heilt Wunder. 

 

Ja, es war einmal ein Wunder. Es begann 1999, mit dem Amts­an­tritt von Thomas Schaaf, dem Klas­sen­er­halt und dem Pokal­sieg. Die Meis­ter­schaft 2004! Micoud! Ailton! Ismael! Der Sieg in Mün­chen, Ivan Klasnic, besoffen, der sich bei Olli Kahn bedankt! 



Dass das ein Wunder gewesen sein muss, sieht man schon daran, dass es heute so weit weg scheint wie das Wunder von Bern. Die kau­salen Zusam­men­hänge, die dazu geführt haben mögen, kann nie­mand mehr so recht erklären. Wie wird man Meister mit Andreas Reinke im Tor? Mit Paul Stal­teri in der Abwehr und Krisz­tian Lisztes im Mit­tel­feld? Warum spielte Ailton so gut wie nie zuvor und nie danach? Schoss Victor Skripnik wirk­lich das 6:0 gegen den HSV? 

Wunder sind nicht repro­du­zierbar – das ist das Ärger­liche an ihnen. 

Die Helden von damals sind ohnehin längst im Ruhe­stand. Einzig Thomas Schaaf, der nach dem Gewinn der Schale 2004 aus dem Cockpit des Meis­ter­flie­gers strahlte, ist noch im Amt, ungleich matter als damals. Er wartet auf den Beginn eines neuen Wun­ders, auf die Gunst der Stunde – doch kann er sie auch selbst noch her­bei­führen? 

Oder war es auch für ihn ein Wunder, was Werder Bremen, dieser kleine Verein aus dieser ver­schla­fenen Stadt, da leis­tete, ohne Scheich im Rücken und ohne Fest­geld­konto? Hat er selbst gestaunt? 

Man ver­ließ sich auf Wunder – das war ein Fehler  

Viel­leicht sind die Erfolge der Ver­gan­gen­heit tat­säch­lich bestau­nens­werter als ein 0:6 in Stutt­gart. Es soll die höchste Pleite seit 23 Jahren gewesen sein, eine Info aus der »ran-Daten­bank«, die Schlimmes noch schlimmer machen will. Aber man darf mal 0:6 ver­lieren, so wie man ja auch schon mal 2:7 gegen Lyon ver­loren hat, 2005, immerhin als amtie­render Deut­scher Meister. 

Früher ver­mochte Werder Bremen seine Fans für solche Pleiten zu ent­schä­digen, mal durch einen Kan­ter­sieg im anschlie­ßenden Spiel, mal durch eine gran­diose zweite Halb­zeit, die einer grot­ten­schlechten ersten folgte. Auch die Mann­schaft an sich war ein selbst­hei­lender Orga­nismus: Auf den nicht zu erset­zenden Johan Micoud folgte Diego, auf den nicht zu erset­zenden Diego folgte Mesut Özil. 

In 15 Jahren spielten bei Werder, nimmt man Andreas Herzog noch hinzu, vier Spiel­ma­cher von Welt­format – in einer Zeit, in der Kon­kur­renten keinen ein­zigen in ihren Reihen hatten. Die Wunder pas­sierten in Bremen so ver­läss­lich, dass sie als solche nicht mehr erkannt wurden. Man ver­ließ sich auf sie. Das war ein Fehler. 

Natür­lich gab es immer auch Rück­schläge. Das 2:7 gegen Lyon gehört dazu, der pein­lichste war das Aus gegen Pasching im UI-Cup 2003. Auch wurden nicht alle Spieler rei­bungslos inte­griert – der Bra­si­lianer Carlos Alberto wurde als­bald wieder in seine Heimat ver­liehen und gilt als teu­erster Flop der Ver­eins­ge­schichte. Ein Warn­zei­chen? 

Opti­mismus ist in Bremen nie in Arro­ganz aus­ge­artet, aber er ist über nun ein ganzes Jahr­zehnt über unver­brüch­lich vor­handen gewesen. Der Werder-Fuß­ball war bei all seiner zwi­schen­zeit­li­chen Feh­ler­haf­tig­keit stets spürbar in die Zukunft ent­worfen, die Mann­schaft ein Ver­spre­chen auf Großes, noch Grö­ßeres. Das Arsenal London in Klein, als das Werder zwi­schen­durch galt, sollte wachsen, immer weiter. Man sah Thomas Schaaf im Zwie­ge­spräch mit Arsene Wenger. Ver­traut, ein­ander zuni­ckend, wie zwei Ein­ge­weihte. Wie Grals­hüter des schönen, des wahren Fuß­balls. Nie­der­lagen und Spie­ler­ver­käufe waren, wie bei Arsenal, stets nur eine Unter­bre­chung dieser Ent­wick­lung einem Ideal ent­gegen. Das Morgen starb nie. 



Das hat sich geän­dert. Betrachtet man den Kader für die lau­fende Saison, kann man auf den Gedanken kommen, dass er wie­derum mit gehö­rigem Wun­der­glauben zusam­men­ge­stellt wurde – in spie­le­ri­scher und cha­rak­ter­li­cher Hin­sicht. Doch diesmal blieben die Wunder aus. Auf den nicht zu erset­zenden Özil folgte bloß der zu erset­zende Aaron Hunt, auf die Inte­gra­ti­ons­figur Frank Bau­mann, der schon 2009 abtrat, ein Torsten Frings als Kapitän, dem oft­mals nicht mehr ein­zu­fallen scheint als »Jetz lass ma hier gewinn‘, doooooo!«. Hoff­nungs­träger Wesley muss, statt im Mit­tel­feld Strippen zu ziehen, auf dem Außen­ver­tei­di­ger­posten Löcher stopfen, die dort schon seit Jahren klaffen. Die Mann­schafts­hier­ar­chie ist flach – und das auf erschre­ckend nied­rigem Niveau. Wo sonst Gen­tlemen wie Vale­rien Ismael den dezenten Salonton der Han­seaten ver­in­ner­licht hatten, führt heute ein Schnösel wie Marco Arn­au­tovic seine ganz per­sön­liche Vision vom Ope­ret­ten­fuß­ball auf. 

Schaaf sieht end­lich so aus, wie er sich fühlt – zer­knirscht 

All das ist nicht nur pein­lich: Es ist ent­frem­dend. Das Werder Bremen des Herbstes 2010 kommt nicht wenigen Fans unbe­kannt vor. Ist das noch der Verein, dem sie auch nach ver­nich­tendsten Schlappen zutrauten, sich wieder auf­zu­richten? An dem sie sich selbst immer wieder auf­rich­teten? 

Der Opti­mismus ist dem Pes­si­mismus gewi­chen. Thomas Schaaf sieht end­lich so aus, wie er sich fühlt – zer­knirscht. 

Es liegt in der Natur eines Wun­ders, dass es uner­wartet kommt. Inso­fern ist es nicht aus­ge­schlossen, dass die Bremer – jetzt erst recht – gegen Frank­furt einen Kan­ter­sieg landen. Allein, es fehlt der Glaube: Die Ver­bin­dung zu jener sagen­haften Kraft, die sie zur Auf­er­ste­hung aus der eigenen Asche befä­higte, scheint unter­bro­chen. Wo sind die Männer, die Ärmel hoch­krem­peln? Um zu arbeiten, ver­steht sich. Nicht um die neuen Unter­arm­tat­toos zu küssen. 

Und schlimmer noch: Das Ver­spre­chen, dass aus jenen herr­lich chao­ti­schen Jahren seit 1999 einmal etwas Sta­biles ent­stehen würde, kann offenbar nicht gehalten werden. Werder ist nicht die zweite Kraft neben dem FC Bayern geworden, kein neues Arsenal London – Werder ist Tabel­len­elfter, raus aus dem Pokal, raus aus der Cham­pions League. 

In der Liga sind es vier Punkte Abstand zu den inter­na­tio­nalen Plätzen, aber auch nur fünf zur Abstiegs­zone. Früher hätte es sie nach oben gezogen, wie von allein. Heute wohnt dem Bremer Alltag eine blei­erne Schwere inne. Es wird nicht mehr geschwebt, es besteht viel­mehr die Gefahr, dass man absäuft wie eine gicht­kranke Ente. 

Ist das Morgen also gestorben? Die Ent­wick­lung beendet, und das auf einem Platz im Mit­tel­feld? Gab es die Ent­wick­lung je? Hatte Schaaf einen Plan? Oder war er nur der Spi­ritus Rector einer Anein­an­der­rei­hung von Wun­dern? 

Großes Theater war das allemal. Der »Coach« ist des­halb zu Recht sakro­sankt. Eine offene Trai­ner­dis­kus­sion wird man in Bremen also kaum erleben.

Die Frage ist nicht: Wie lange bleibt Schaaf noch im Amt? Son­dern: Wie lang kann ein Wunder über­haupt dauern?