So richtig auf­ge­fallen ist Mar­cel­inho in dieser Saison noch nicht, und das allein ist eigent­lich eine Sen­sa­tion. Aus Wolfs­burg werden weder lus­tige Geschichten über aus­ufernde Brasil-Partys mit seiner Band 100% Mar­cel­inho“ gemeldet noch gibt es spek­ta­ku­läre sport­liche Hel­den­taten zu ver­melden. Zwei Tore hat Mar­cel­inho in der Hin­runde erzielt, immerhin sieben Treffer vor­be­reitet. Das ist völlig in Ord­nung, so wie es immer noch Freude macht, ihm zuzu­schauen, aber sen­sa­tio­nell ist es nicht. Was also ist mit dem Spieler pas­siert, dem einst Berlin zu Füßen lag?

Zur Beant­wor­tung dieser Frage muss man einen etwas län­geren Anlauf nehmen und sich noch einmal den Ver­lauf seiner Kar­riere vor Augen führen. So ist Mar­cel­inho vor allem ein Stra­ßen­ki­cker klas­si­schen Zuschnitts, denn bis zum 18. Lebens­jahr spielte er nur für Cam­pi­nense, einen kleinen Klub seiner Hei­mat­stadt Cam­pina Grande. Beim FC Santos schaffte er es anschlie­ßend erst einmal nicht, sich in der ersten Mann­schaft zu eta­blieren, danach war er zwei Jahren bei einem Dritt­li­gisten und setzte sich erst dann beim FC São Paulo durch. Nach Europa kam er relativ spät, bei seinem ersten Ver­such im Jahr 2000 war er bereits 25 Jahre alt und schei­terte bei Olym­pique Mar­seille. Ein Jahr später kam er zu Hertha BSC.

Der Blick auf die sport­liche Bio­grafie erklärt zum Teil das anar­chi­sche Ele­ment im Spiel von Mar­cel­inho. Denn er ist nicht von Beginn an mit dem Ein­üben tak­ti­scher Dis­zi­plin kon­fron­tiert gewesen, wie man das von bra­si­lia­ni­schen Profis kennt, die jene hoch­pro­fes­sio­nellen Fuß­ball­schulen der Groß­klubs durch­laufen haben, die heute fast die ganze Welt mit gut aus­ge­bil­deten Fuß­ball­spie­lern ver­sorgen. Des­halb hat er nicht nur länger gebraucht, sich in der bra­si­lia­ni­schen Liga zu eta­blieren, son­dern auch in Europa. Dem ent­sprach lange Zeit auch sein Lebens­wandel, der min­des­tens so wirr war wie der Wechsel seiner Haar­farben. Partys bis in den Mor­gen­grauen und betrun­kene Auto­fahrten waren die andere Seite eines Spiels von über­bor­dender Krea­ti­vität.

Mar­cel­inho hatte in Berlin fast alle Frei­heiten auf dem Platz, und das ist bekannt­lich die freund­liche Umschrei­bung dafür, dass man ihm keine genauen Arbeits­auf­träge fürs Spiel gab, weil sowieso klar war, dass er sich nicht daran halten würde. Er nutzte seine frei schwe­bende Rolle als Spiel­ma­cher und Tor­jäger zugleich, denn einer­seits erzielte Mar­cel­inho in seinen vier Jahren bei Hertha 65 Tore, zugleich war er ein klas­si­scher Bes­ser­ma­cher“, in dem er mit oft völlig über­ra­schenden Zügen seine Kol­legen ideal in Szene setzte. Teil­weise aller­dings über­for­derte er sie auch, weil er Spiel­si­tua­tionen erkannte, die seine Mann­schafts­ka­me­raden schlicht nicht als solche wahr­nahmen.

In Wolfs­burg sehen wir nun aber einen Mar­cel­inho, der klarer defi­niert der Spiel­ma­cher seiner Mann­schaft ist, doch zugleich deut­li­cher in das Große und Ganze ein­ge­woben als früher. Man könnte auch sagen, dass er nach all den Jahren im deut­schen Fuß­ball ange­kommen ist. Viel­leicht hat das mit Gewöh­nung zu tun, mög­li­cher­weise wirkt aber auch der Türkei-Schock nach. Denn nach einem halben Jahr bei Trab­zon­spor floh er im ver­gan­genen Winter zurück in die geord­nete Welt des deut­schen Fuß­balls, deren Wert er viel­leicht erst jetzt erkannt hat.

Mög­li­cher­weise haben wir es auch schlicht mit einer Alters­frage zu tun, denn Mar­cel­inho wird im Mai 33 Jahre alt und erzählt inzwi­schen, wie schön es ist, einen Abend zu Hause im Kreis der Lieben zu ver­bringen.

Chris­toph Bier­mann ist einer der besten deut­schen Fuß­ball­au­toren
und redak­tio­neller Mit­ar­beiter bei Spiegel“ und Spiegel Online“.