Das Gemüt eines Fuß­ball­fans kennt ver­schie­dene Aggre­gat­zu­stände, vor allem in Zeiten des Miss­erfolgs. Wut, Trauer, Resi­gna­tion, Sar­kasmus – die Anhänger von Borussia Mön­chen­glad­bach haben das alles schon durch in dieser Saison, aber jetzt, da die Spiel­zeit sich rasant ihrem Ende nähert, sind bei ihnen Anzei­chen der Bes­se­rung zu erkennen. Sie können schon wieder über sich selbst lachen. Das Spiel bei Han­nover 96, dem Kon­kur­renten der Bayern um einen Platz in der Cham­pions League, war gerade mit einem 1:0- Sieg für ihre Mann­schaft zu Ende gegangen, da stimmten die Fans des Tabel­len­vor­letzten ein hämi­sches Lied­chen an: Gegen Glad­bach kann man mal verlier’n.“

Vor nicht allzu langer Zeit hätte der Text noch lauten müssen: Gegen Glad­bach kann man mal vier Tore schießen.“

Lucien Favre klatschte nach dem Abpfiff ein paar Mal in die Hände. Für einen flüch­tigen Moment blickte der Trainer der Glad­ba­cher in den Himmel – als suchte er da oben eine Erklä­rung für das, was schon jetzt als Wunder begriffen wird. Seit Wochen wehren sich die Borussen gegen den Ein­druck, ihr Abstieg sei längst besie­gelt. Sport­di­rektor Max Eberl erin­nerte daran, dass die Mann­schaft bereits nach den Heim­nie­der­lagen gegen Stutt­gart und Kai­sers­lau­tern end­gültig abge­schrieben worden sei; das 0:1 bei den Bayern sei dann der Gna­den­stoß“ gewesen. Vier Wochen ist das jetzt her, und seitdem haben die Borussen drei von vier Spielen gewonnen. Im Moment haben wir sehr erfri­schenden Auf­wind“, sagt Eberl. Wir hatten nichts mehr zu ver­lieren. Das hat die Mann­schaft ange­nommen.“

Nur noch zwei Punkte bis zum Rele­ga­ti­ons­platz

Zum ersten Mal in dieser Saison haben die Glad­ba­cher zwei Spiele hin­ter­ein­ander gewonnen – gegen den Meister Dort­mund und den Dritten Han­nover. Sollten sie den Abstieg noch abwenden, wäre das in der Tat eine der wun­der­samsten Auf­er­ste­hungen der Bun­des­liga-Geschichte. Und es wäre vor allem das Ver­dienst des neuen Trai­ners Lucien Favre. Er stellt die Mann­schaft per­fekt ein“, sagte Marco Reus, der in Han­nover das Siegtor erzielt hatte. Wir haben sehr hart in der Defen­sive gear­beitet.“ Als Favre im Februar sein Amt antrat, lag die Mann­schaft sieben Punkte hinter dem Rele­ga­ti­ons­platz, jetzt sind es noch zwei. In zehn Spielen unter seiner Ver­ant­wor­tung haben die Borussen ihre Punkt­zahl von 16 auf 32 ver­dop­pelt, dabei die Gegen­tore dras­tisch redu­ziert: von mehr als 2,5 unter Favres Vor­gänger Michael Front­zeck auf 0,8 pro Spiel.

Wir kriegen es im Moment sehr gut hin“, sagt der 19 Jahre alte Tor­hüter Marc- André ter Stegen, der mit seiner sou­ve­ränen Art ent­schei­dend zur neuen Sta­bi­lität bei­getragen hat. Der Wechsel im Tor war die ein­zige signi­fi­kante per­so­nelle Ver­än­de­rung, die Favre vor­ge­nommen hat; alle anderen Fort­schritte sind tak­ti­scher Natur. Die Mann­schaft trai­niert mit viel Über­zeu­gung“, sagt er. Und langsam kommt das Ver­trauen.“ Favres Hand­schrift war in Han­nover gera­dezu ide­al­ty­pisch zu erkennen. Die Liga hat zuletzt regel­recht vor dem rasendem Umschalt­spiel der 96er gezit­tert, davon war am Samstag nichts zu sehen. Die Glad­ba­cher ver­bar­ri­ka­dierten sämt­liche Pass­wege, bis in die vogel­wilde Schluss­phase hinein ließen sie so gut wie keine Chance zu, spielten aber ihrer­seits mutig nach vorne. In der ersten Hälfte benö­tigte der Außen­seiter kein ein­ziges Foul, um Han­nover lahm­zu­legen – auch das Aus­druck einer guten Ord­nung und typisch für eine Favre-Mann­schaft. Mit Hertha hat es der Schweizer über die Fair­play-Wer­tung sogar bis in den Euro­pacup geschafft.

Marco Reus inter­es­siert es nicht, was da mit Effe ist“

Dabei wurde Favres Anstel­lung in Mön­chen­glad­bach mit großer Skepsis begleitet – weil er eben nicht in das typi­sche Retter-Raster passt. Stimmt: Favre hat keine flam­menden Reden gehalten, er hat ein­fach akri­bisch an der Struktur des Teams gear­beitet. Und er hat erfolg­reich all das aus­ge­blendet, was um ihn herum pas­siert, auch den internen Macht­kampf, der schon seit Monaten tobt. Die Bemü­hungen um den Klas­sen­er­halt werden hart­nä­ckig von einer Oppo­si­ti­ons­gruppe namens Initia­tive Borussia“ tor­pe­diert, die mit einer Sat­zungs­än­de­rung den Vor­stand um Prä­si­dent Rolf Königs stürzen will und selbst an die Macht strebt. Sie hat ver­balen Terror ver­breitet, Borus­sias Füh­rung mit halt­losen Beschul­di­gungen über­zogen, sie per­sön­lich dif­fa­miert – und vorige Woche, als ver­meint­li­chen Königszug, Stefan Effen­berg als Kan­didat für das Amt des Sport­di­rek­tors prä­sen­tiert, der wie­derum Ex-Trainer Horst Köppel in seinem Füh­rungs­team mit dabei haben will.

Das kommt nicht bis in die Kabine“, behaup­tete Kapitän Filip Daems, und auch Marco Reus sagte, dass es ihn nicht inter­es­siere, was da mit Effe ist“. Für Borus­sias Sport­di­rektor Eberl hin­gegen ist die Per­so­nalie Effen­berg zum denkbar ungüns­tigsten Zeit­punkt gesetzt worden“. Dass die Initia­tive sich mit ihrer durch­schau­baren Kam­pagne eher geschadet hat, war in Han­nover zu sehen. In der ersten Hälfte wandten sich Borus­sias Fans mit einem Trans­pa­rent an Effen­berg, ihren Helden von einst: Tiger, du hast fal­sche Freunde!“