Seite 2: Die Beschissenheit hat ihren Lauf genommen!

Das nur am Rande: Haben Sie sich auch schon mal gefragt, was wohl gewesen wäre, wenn Tim Wiese – nichts gegen Tim Wiese, jeder Mensch macht mal Fehler – in der 88. Minute des Ach­tel­fi­nal­rück­spiels gegen Juventus Turin am 7. März 2006 der Ball beim allzu artis­ti­schen Abrollen nicht aus den Armen gekul­lert wäre, Emerson vor die Füße, der das 2:1 machte und so Werder aus der Cham­pions League schoss? Was dann wohl noch alles mög­lich gewesen wäre? Wo der Verein dann heute stünde? Wie ihn die Mil­lionen an Mehr­ein­nahmen finan­ziell sta­bi­li­siert hätten? Wie ihn das Selbst­ver­trauen eine Juventus-Bezwin­gers in noch grö­ßere Höhen kata­pul­tiert hätte? Doch noch mal: Ach.

Es ist müßig, sich an einem sin­gu­lären Miss­ge­schick auf­zu­reiben. Ebenso müßig wie der Wunsch, Johan Micoud würde mit der Kraft ewiger Jugend zurück­kehren und alles end­lich ins rechte Lot rücken. Die Dinge sind nun mal geschehen, andere sind dafür unter­blieben, und die Beschis­sen­heit hat ihren Lauf genommen. Am Ende einer Epoche des Pechs, des man­gelnden Glücks, des Glücks anderer, der Unge­rech­tig­keit des Schick­sals, der mas­siven Umver­tei­lung von Geld und Erfolg in der Bun­des­liga, aber auch der Fehl­ein­schät­zungen, Fehl­pla­nungen und der Beschwö­rung eines Werder-Fami­li­en­geistes, die an irra­tio­nale Affen­liebe grenzte, befanden sich ges­tern elf Jungs auf dem Platz, denen in ihre blassen Gesichter geschrieben stand: Hilfe, wir steigen ab!“ Und das stand da nicht erst vor dem Anpfiff dieser letzten, alles ent­schei­denden Partie gegen Borussia Mön­chen­glad­bach, son­dern, wenn man genau hin­ge­schaut hat, bereits auf dem Mann­schafts­foto im Kicker-Son­der­heft“ zu Beginn der Saison. Und wenn man noch genauer hin­ge­schaut hat: auch schon zu Beginn der Saison davor. Und der davor.

Diese Gegend ist so flach, dass man heute schon sieht, wer morgen zu Besuch kommt. Und so hat man auch das Abstiegs­ge­spenst nach Bremen kommen sehen, ges­tern, vor­ges­tern, vor drei Jahren. Es sauste bald sogar den Oster­deich ent­lang, manchmal am hell­lichten Tag, es wurde immer fre­cher. In einem ent­setz­lich men­schen­leeren Weser­sta­dion begann es seit dem Winter, zu spuken, zu grölen und zu feixen. Und als es schließ­lich, ges­tern um kurz vor halb sechs, sein schmutzig-graues Gewand über den ganzen Verein warf, da war es plötz­lich ganz leise im weiten Rund. Klingt es wirk­lich so, wenn ein großer Verein wie der SV Werder abstürzt? Klingt es denn nicht wie ein Erd­rutsch? Wie eine Stein­la­wine? Der Absturz eines Meteo­riten? Wo zum Teufel war der dra­ma­ti­sche Schluss­ak­kord?

Klingt es wirk­lich so, wenn ein großer Verein wie der SV Werder abstürzt?

Man­chen Fan hatte die chro­ni­sche Angst vor dem Abstieg schon zu der fie­ber­haften Fan­tasie ver­leitet, dass es doch irgendwie ganz schön wäre, tat­säch­lich mal abzu­steigen. Dann könnte man in Ruhe etwas Neues auf­bauen, junge Spieler sich ent­wi­ckeln lassen – und nicht zuletzt: end­lich wieder zweimal hin­ter­ein­ander gewinnen. Lieber unten auch mal oben sein, als oben immer nur unten. Mensch, die tollen Nord­derbys in der zweiten Liga! Und dann auch noch der KSC, Nürn­berg, Düs­sel­dorf! Nennen wir es doch ein­fach Bun­des­liga Classic“! Und die aber­wit­zigen Mil­lionen für Davie Selke muss Werder dann auch nicht mehr ble­chen! Ein Genie­streich! Hurra! Es war viel­leicht nicht die Lust eines Boxers, das Hand­tuch zu werfen. Min­des­tens aber die Unlust, wei­terhin auf die Fresse zu kriegen.

Aber dann war da plötz­lich dieses akus­ti­sche Nichts. Kein Schrei des Ent­set­zens, kein Jingle vom Möbel­haus Mey­er­hoff aus Oster­holz Scham­beck, das einem diesen Abstieg prä­sen­tiert, kein Mann, do!“ vom Coach. Beinah meinte man, Thomas Schaafs Gesicht knir­schen hören zu können, wie es sich von einem fins­teren zu einem noch fins­teren Aus­druck ver­schob: das stei­nerne Geräusch eines lebenden Denk­mals. Dass gerade er, der als Trainer eine Ära voller glück­selig machender Ereig­nisse prägte, nun so hilflos den Nie­der­gang hat bezeugen müssen, macht das Tra­gi­sche noch tra­gi­scher.

Dabei hatte Ailton, der Schutz­pa­tron des über­trie­benen Opti­mismus, doch noch eine Gruß­bot­schaft auf den Weg geschickt: Alles gut für SV Werder Bremen!“, hatte er dekla­miert, vor einer Schrank­wand im hei­mi­schen Wohn­zimmer ste­hend. Samstag, Leute: Gas, Gas! Alles gut! Toi­toitoi!“ Und für einen Augen­blick war die Hoff­nung auf­ge­keimt, dass noch einmal ein Wunder geschehen würde. Dass Werder Glad­bach mit 5:0 nach Hause schi­cken würde wie einst Dynamo Berlin. Und dass Thomas Schaaf selbst, wie damals, am 11. Oktober 1988, das letzte Tor des Spiels erzielen würde.

Nichts ist gut, alles ist schlecht

Doch nichts ist gut. Alles ist schlecht. Statt einem Wunder bli­cken wir auf eine Wunde von der Weser. Sie beginnt nun, nach anfäng­li­cher Taub­heit, immer stärker zu schmerzen. Wie schnell sie sich schließen wird und ob über­haupt jemals, ist zutiefst unge­wiss. Kann diese Mann­schaft, deren Leis­tungs­träger in Anbe­tracht der finan­zi­ellen Last, die der Verein zu stemmen hat, wohl alle­samt ver­kauft werden müssen, sich im Unter­haus ihrer Haut erwehren? 13 Stars vor dem Abgang“, las ich bereits irgendwo – und fragte mich, bei aller Liebe: Welche 13 Stars denn, bitte? Wer kommt statt­dessen? Wer wird über­haupt der Trainer dieser neu for­mierten Truppe sein? Droht, wenn der Wie­der­auf­stieg nicht sofort gelingt, sogar die Insol­venz? Und wo liegt eigent­lich Hei­den­heim?

Bevor ich nun den alten Auto­atlas her­vor­krame, zum Schluss noch einmal zurück zu der Frage: Wie geht’s? Wenn Sie es ganz genau wissen möchten: Jetzt gerade fühlt es sich an, als würden ein gewal­tiger Lie­bes­kummer und ein noch gewal­ti­gerer Kater in einem Körper zusam­men­treffen, der schon von einer Grippe geschwächt ist. Hinter Huch­ting ist ein Graben, in den sich einer über­gibt“, heißt es an anderer Stelle bei Sven Regener. Das könnte ich sein.

Dort heißt es aber auch: Es ist schön, wenn’s nicht mehr wehtut.“ Wann wird das sein? Ich glaube, spä­tes­tens nach dem haus­hohen Sieg gegen den Ham­burger SV, wenn wir alle wieder rufen: Werder, die Welt­macht!“

Wie auch immer. Es geht weiter. Weil es muss.

-