Hans Sarpei, in den letzten Wochen ist im Internet ein großer Hype um Ihre Person ent­standen. Bei Face­book gibt es über 700 Gruppen die an Chuck-Norris-Witzen ange­lehnt sind. Haben Sie schon die Gründe erforscht, warum man aus­ge­rechnet Sie als Prot­ago­nist aus­ge­wählt hat?

Hans Sarpei: Der Ursprung lag wohl in meinem Twitter-Scherz über Alex­ander Baum­jo­hann. Ihm war anschei­nend lang­weilig in seinem Urlaub in Bra­si­lien, also fragte er via Twitter, was es Neues auf Schalke gibt. Ich ant­wor­tete: Du sollst nach Wolfs­burg.“ Das fanden die Leute ziem­lich witzig und in einem Schalke-Forum ent­standen dann die ersten Gruppen. Anschlie­ßend gab es wohl den berühmten Schnee­ball­ef­fekt, anders lassen sich die Aus­maße nicht erklären. 

Baum­jo­hann ist es ver­mut­lich kalt den Rücken runter gelaufen.

Hans Sarpei: Ich selbst war in Ghana im Urlaub. Er rief mich hek­tisch an, dass ich ins Internet schauen sollte. Ein großes Bou­le­vard­blatt titelte nur kurz später: Sarpei ver­arscht Baum­jo­hann.“ 

Treffen Face­book-Gruppen wie Hans Sarpei kann mit zwei Fin­gern drei Bier bestellen“ wenigs­tens Ihren Humor?

Hans Sarpei: Die Witze sind ja nicht unter der Gür­tel­linie und ich muss sagen, dass ich einige davon richtig lustig finde. 

Lassen Sie uns über Fuß­ball reden. Sie debü­tierten erst mit 25 Jahren, für heu­tige Ver­hält­nisse relativ spät, in der Bun­des­liga. Wann war Ihnen klar, dass Sie Profi werden?

Hans Sarpei: Ich zog mit meinen Eltern mit drei Jahren von Ghana nach Köln, spielte dort für ver­schie­denste Ver­eine. Mein Bruder Edward war Anfang der Neun­ziger schon Profi beim 1.FC Köln und ich wollte ihm nach­ei­fern. Bei For­tuna Köln in der Zweiten Liga bekam ich dann schließ­lich meinen ersten Pro­fi­ver­trag. Das waren aber noch andere Zeiten. Als Ver­tei­diger hat­test du die Auf­gabe, deinen Gegen­spieler bis auf die Toi­lette zu ver­folgen. Vie­rer­kette mit Ver­schieben lernte ich dann erst später in Duis­burg und Wolfs­burg. 

Bei For­tuna Köln erlebten Sie 1999, wie Toni Schu­ma­cher als Trainer noch wäh­rend der Halb­zeit­pause gefeuert wurde.

Hans Sarpei: Schu­ma­cher war gerade bei der Halb­zeit­an­sprache, als Prä­si­dent Jean Löring in die Kabine kam, der glaube ich, ein biss­chen getrunken hatte. Er hat ihn dann gefeuert, was Schu­ma­cher zunächst gar nicht regis­trierte. Kurz darauf flogen zwi­schen beiden die Fetzen. Wir saßen nur da und wussten gar nicht, wie wir wei­ter­spielen sollten. Löring sagte zu einem Aus­wech­sel­spieler: Du kommst jetzt rein.“ Wer dafür aber aus­ge­wech­selt werden sollte, wusste keiner. Dem­entspre­chend ver­loren wir das Spiel. 

Was war Löring für ein Typ?

Hans Sarpei: Er lebte für den Verein, war sehr emo­tional und hatte seine eigenen Methoden. Da wurden schon mal Ver­träge auf Bier­de­ckeln unter­zeichnet. Er hat mich mal zur Seite geholt und gefragt, ob ich nächste Saison noch für For­tuna spielen werde. Als junger Spieler wusste ich nicht, ob das jetzt gleich­be­deu­tend mit einer Ver­trags­un­ter­zeich­nung war. 

Sie sind sehr ver­wur­zelt in Köln, leben auch heute noch in der Dom­stadt. Warum hat Ihnen der 1.FC Köln nie ein Angebot unter­breitet?

Hans Sarpei: Der FC war immer zu stark für mich. Die haben ja immer um die Cham­pions League gespielt. Meine Mann­schaften waren dagegen nicht so gut. (lacht).

Sie spielten in den ver­gan­genen zehn Jahren für Wolfs­burg, Lever­kusen und Schalke in der Bun­des­liga. Warum hat es nie zur Meis­ter­schaft gereicht?

Hans Sarpei: Das Pro­blem in Lever­kusen ist, dass sie nicht nur gewinnen wollen, sie wollen dazu auch noch berau­schenden Fuß­ball spielen. Das funk­tio­niert aber nicht über eine kom­plette Saison. Man muss auch mal Spiele dre­ckig gewinnen, wie der FC Bayern, die in der Ver­gan­gen­heit nicht immer geglänzt haben, am Ende aber die Titel holten. Dazu braucht man unbe­queme Spieler, einen Mark van Bommel zum Bei­spiel.

Stirbt diese Spe­zies nicht gerade aus?

Hans Sarpei: Heute soll die Ver­ant­wor­tung auf meh­rere Schul­tern ver­teilt werden. Wenn aber zu viele Spieler die Rich­tung vor­geben wollen, ist das auch nicht gut. Auf lange Sicht hat sich meiner Mei­nung nach ein so genannter Dreck­sack“ in der Mann­schaft immer bewährt. 

Wer war der beste Dreck­sack“, mit dem Sie zusammen gespielt haben?

Hans Sarpei: Ich habe in Wolfs­burg mit Stefan Effen­berg gespielt. Er hatte eine unglaub­liche Aus­strah­lung, gewann die ent­schei­denden Zwei­kämpfe, ist vor­neweg gegangen und die Mann­schaft ist ihm blind gefolgt. Das war sehr beein­dru­ckend.

Felix Magath holte sie nach Schalke. Warum wollte er Sie unbe­dingt haben?

Hans Sarpei: Ich hätte nach der WM 2010 auch nach Eng­land oder in die Schweiz wech­seln können. Der Kon­takt zu Schalke kam durch Seppo Eich­korn zustande, den ich noch als Chef­trainer aus Duis­burg kannte. Magath ver­traute auf meine Erfah­rung. Ich konnte außerdem in Köln wohnen bleiben, also musste ich nicht lange über­legen.

Klären Sie uns auf! Wie war die Vor­be­rei­tung unter Magath?

Hans Sarpei: Ich hatte das Glück, erst dazu zu kommen, als die Vor­be­rei­tung vorbei war, hatte durch die WM eine län­gere Pause und absol­vierte die ersten Ein­heiten noch in Lever­kusen. 

Da waren die Medi­zin­bälle dann schon wieder im Schrank ver­staut?

Hans Sarpei: Die wurden wäh­rend der Saison auch ab und an raus­ge­holt. Das Trai­ning war auch wäh­rend der Saison härter als bei anderen Trai­nern: Zir­kel­trai­ning mit Medi­zin­bällen, 400-Meter-Läufe, 800-Meter-Läufe. Es spielte auch keine Rolle, ob es Montag oder Don­nerstag war, er hat das knall­hart durch­ge­zogen, nie­mand wurde geschont. Wir waren kon­di­tio­nell nicht ein biss­chen besser als der Gegner, wir waren viel besser. 

Dabei lief es am Anfang gar nicht so gut für Sie auf Schalke. Mit Alex­ander Baum­jo­hann und Jer­maine Jones wurden sie in die Zweite Mann­schaft straf­ver­setzt. Was waren die Gründe?

Hans Sarpei: Das weiß ich bis heute nicht. Bernd Hol­ler­bach kam und sagte, wir sind ab sofort bei den Ama­teuren. Keiner sagte uns warum. In der Zei­tung stand, wegen schlechter Trai­nings­leis­tungen. Wir ver­loren 0:5 gegen Kai­sers­lau­tern und Magath wollte irgendwie reagieren. Dabei waren wir drei gegen Lau­tern gar nicht im Kader gewesen und hatten somit auch nichts zu dieser Nie­der­lage bei­getragen. Am schlimmsten war, dass wir nicht wussten, ob wir eine Woche sus­pen­diert waren – oder für immer. 

Warum haben Sie das Gespräch nicht gesucht?

Hans Sarpei: Magath wollte nie eine Bin­dung auf­bauen, ein Lob gab es selbst bei guten Leis­tungen nicht. Er hat trai­niert, war aber im Prinzip weit weg von der Mann­schaft. Bei ihm gab es auch nie einen Trai­nings­plan. Es hieß dann: Morgen um zehn ist Trai­ning. Man wusste nicht, ob es nach­mit­tags noch eine Ein­heit gibt. Du kannst also nichts planen. Keinen Zahn­arzt­termin, keine Unter­neh­mungen mit der Frau.

Was dachten Sie zu dieser Zeit?

Hans Sarpei: Wir hatten viele Inter­view­an­fragen, aber du kannst dir ja nur selbst schaden, wenn du dich beschwerst. Das hat man ja bei Albert Streit gesehen. Also haben wir in der Zweiten trai­niert, uns fit gehalten und auf unsere Chance gewartet. Irgend­wann hat mich Seppo Eich­korn ange­rufen, dass ich beim Cham­pions-League-Spiel gegen Valencia wieder im Kader stehe. Es gab dann im Trai­nings­lager sogar ein Gespräch mit Felix Magath. Er dachte offen­sicht­lich, ich würde etwas zu viel feiern, dabei trinke ich gar keinen Alkohol. Ab dem Zeit­punkt haben wir uns dann ganz gut ver­standen. 

Kurz darauf waren sie wieder Stamm­spieler, gewannen mit Schalke den DFB-Pokal und zogen ins Halb­fi­nale der Cham­pions League ein. Können Sie den Bayern-Fans erklären, wie man Inter Mai­land schlägt?

Hans Sarpei: Jeder war sich sicher, dass wir gegen Inter ver­lieren würden, zumal wir im Hin­spiel ein frühes Tor bekamen. Aber die Mann­schaft hat per­fekt zusam­men­ge­ar­beitet. Ralf Rang­nicks Taktik war viel offen­siver aus­ge­richtet als bei Magath. Ich hatte die Auf­gabe, aus der eigenen Vie­rer­kette aus­zu­bre­chen, und Maicon, der die Außen­ver­tei­di­ger­po­si­tion sehr offensiv inter­pre­tiert, früh zu atta­ckieren. Wenn du dann gegen einen sol­chen Welt­klas­se­spieler die Zwei­kämpfe gewinnst, gibt das unheim­lich viel Selbst­be­wusst­sein. Dann hatten wir das Glück, in den rich­tigen Momenten die Tore zu erzielen. Dass wir am Ende 5:2 in San Siro gewinnen würden, konnte keiner ahnen. 

Im betagten Fuß­bal­ler­alter schienen Sie auf dem Höhe­punkt Ihrer Kar­riere. Sie standen bei der WM 2010 mit Ghana bereits mit einem Ball im Halb­fi­nale. Nachdem der Uru­gu­ayer Luis Suarez das sichere Tor mit der Hand ver­hin­derte, setzte Asa­moah Gyan den ent­schei­denden Elf­meter an die Latte.

Hans Sarpei: Zuerst dachte ich: Jetzt sind wir im Halb­fi­nale. Als er dann ver­schoss, fand ich das Regel­werk nur noch unge­recht, der Ball war doch eigent­lich schon im Tor. Es war klar, dass wir auch das Elf­me­ter­schießen ver­lieren würden. Ich habe viel dar­über nach­ge­dacht, kam aber zu keiner Lösung. Es war aber sen­sa­tio­nell, mit 34 Jahren so etwas noch erleben zu dürfen. Zumal wir in der Vor­runde ja Deutsch­land aus dem Tur­nier schießen konnten. Meine Freunde haben mich davor ange­rufen, dass wir doch bitte ver­lieren sollen. 

Sie spielen seit 2000 für die Natio­nal­mann­schaft Ghanas. Warum haben Sie es nur auf 36 Ein­sätze gebracht?

Hans Sarpei: Früher gab es noch viele gestan­dene Spieler in Ghana, ich musste mich lange hinten anstellen. Obwohl die Stim­mung inner­halb der Mann­schaft immer super war, ist es manchmal nicht ganz ein­fach, in Afrika Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiele zu bestreiten. In man­chen Län­dern spielst du bei 45 Grad oder die Zuschauer brennen Papiere ab und du bekommst vor lauter Rauch keine Luft mehr. Wir haben mal in Sudan gespielt, wo wir am Flug­hafen vom Militär mit Maschi­nen­ge­wehren abge­holt wurden und im Bus eskor­tiert wurden. Das würden die ja nicht machen, wenn es keine poten­zi­ellen Gefahren gäbe. Einmal saß unsere Natio­nal­mann­schaft drei Tage am Flug­hafen fest, ich hatte Glück, dass ich für das Land kein Visum bekommen hatte. So gesehen war es manchmal ganz gut, nicht dabei gewesen zu sein. 

Ihr Ver­trag läuft nach dieser Saison aus. Was macht Hans Sarpei nach seiner Kar­riere?

Hans Sarpei: Schalke ist mir ans Herz gewachsen. Viel­leicht bleibe ich dem Verein, in wel­cher Form auch immer, erhalten. Grund­sätz­lich macht mir der Fuß­ball noch Spaß. Es gibt ein paar Anfragen aus unteren Ligen. Auch das sind mög­liche Über­le­gungen. Falls ich meine Kar­riere beende, könnte ich mir auch gut eine Welt­reise vor­stellen, dann wäre der rich­tige Zeit­punkt dafür. In den nächsten Monaten wird sich alles ent­scheiden.