Ja, Mensch! Es hätte uns beide erwi­schen können, den Rudi Völler und mich. Am letzten Spieltag der Saison 1995/96 sahen wir alten Hau­degen uns wieder, ein Sieg für meinen FCK, und Rudis Lever­ku­sener wären abge­stiegen. Aber dann haut uns Markus Münch kurz vor Schluss das 1:1 rein, und alle Lichter gehen aus.



Als Rudi und ich nach dem Spiel zum Inter­view gebeten wurden, hatte ich einen sol­chen Kloß im Hals, dass ich kaum spre­chen konnte. Ich war nie zuvor abge­stiegen, das war ein neues Gefühl für mich – und kein schönes! Bis dato hatte ich immer auf der Son­nen­seite gestanden, war deut­scher und ita­lie­ni­scher Meister geworden und hatte 1990 die WM gewonnen. Mit Rudi! Plötz­lich kamen mir die Tränen, da habe ich mich bei meinem Freund ange­lehnt. Ich weiß nicht, ob ich mich auch jemand anderem so anver­traut hätte. Da standen zwei Welt­meister Arm in Arm am Abgrund. 

Nicht mal Tante Käthe konnte mich trösten

Was viele ver­gessen: Damals kämpfte noch ein dritter Welt­meister um das sport­liche Über­leben. Auch Bodo Ill­gner hätte mit dem 1. FC Köln noch absteigen können, doch der Sieg in Ros­tock war die Ret­tung. Wir hin­gegen mussten zum ersten Mal in der Geschichte des FCK ins Unter­haus. Zu all den SV Mep­pens, die sich dort tum­melten! Eine wahn­sinnig trau­rige Ange­le­gen­heit, nicht nur für uns Spieler. Mir tat die ganze Pfalz leid, die wir so ent­täuscht hatten. Fuß­ball ist alles für die Men­schen dort, das abso­lute kul­tu­relle High­light. Rudi ver­suchte, mich zu trösten, er zog mich zu sich, doch an diesem 18. Mai 1996 konnte mich nichts und nie­mand auf­mun­tern, nicht mal Tante Käthe.

Ich war 35 Jahre alt, der Elf­meter von Rom lag sechs Jahre zurück. Eigent­lich hatte mein Ent­schluss fest­ge­standen, nach der Saison die Schuhe an den Nagel zu hängen. Doch jetzt, als das Unfass­bare ein­ge­treten war, erschien alles in einem anderen Licht. Schon bald nach dem Abpfiff wurde mir klar: Als Absteiger wollte ich nicht auf­hören.

Wie aber konnte es so weit kommen? Im Vor­jahr waren wir noch in den UEFA-Cup ein­ge­zogen. Doch 1995/96 ging so ziem­lich alles schief. Es war einer der kurio­sesten Abstiege aller Zeiten. Nach 34 Spiel­tagen hatten wir nicht mehr Nie­der­lagen als die Bayern, die auf Platz zwei ein­liefen. Wir waren abge­stiegen, weil wir nur sechs Spiele gewonnen hatten. Rekord­ver­däch­tige 18 Mal sprang nur ein Remis heraus! Wir waren tech­nisch zwar sehr stark, aber der kaputte Rasen auf dem Bet­zen­berg ver­hin­derte, dass wir unser Spiel auf­ziehen konnten. Heute würde man über Nacht einen neuen Roll­rasen ver­legen, damals mussten wir mit diesem Acker leben. Es war ein Zufalls­spiel, bei dem wir immer den Kür­zeren zogen: Statt in den letzten Minuten die ent­schei­denden Treffer zu machen, wie man es vom Betze“ gewohnt war, kas­sierten wir rei­hen­weise unglück­liche Tore, oft erst in der 90. Minute.

Geye sagte nur: Wir schaffen das schon“

Lange Zeit erkannte die Ver­eins­füh­rung den Ernst der Lage nicht. Wäh­rend der Hin­runde war ich Dau­er­gast bei Manager Rainer Geye und ver­suchte, ihm die Situa­tion vor Augen zu führen. Er sagte immer nur: Wir schaffen das schon.“ Das hoffte ich auch, wusste aber, was dafür noch zu tun war. Nach Geyes Auf­fas­sung aber hatten wir den Klas­sen­er­halt schon sicher. Viel­leicht war das das Pro­blem der soge­nannten Bun­des­liga-Dino­sau­rier FCK, Köln und Frank­furt: Weil sie von Anfang an dabei waren, konnten sie sich nicht vor­stellen, dass es sie mal erwi­schen würde – und dann pas­sierte es doch. Geye wei­gerte sich, einen erfah­renen Spieler zu ver­pflichten, der die Abgänge von Stefan Kuntz und Ciriaco Sforza ersetzt hätte.

Im Winter kam dann der Bra­si­lianer Arilson. Der sah zum ersten Mal Schnee und wusste über­haupt nicht, was los war. Er spielte nur für die Galerie und war schneller wieder weg, als wir gucken konnten. Aus dem Keller kommt man nicht in Schön­heit heraus, son­dern nur mit hartem Kampf. In der Stadt machten einem noch alle Mut, überall hörte ich: Wir packen’s, Andy!“ Aber wir kamen da unten ein­fach nicht weg. Auf einem Abstiegs­platz zu stehen, war für die meisten von uns Neu­land.

Tränen in Wal­ters Stube

Im März wurde auch noch Friedel Rausch ent­lassen, den ich für einen sehr guten Trainer hielt. Ich erin­nere mich noch genau an den trä­nen­rei­chen Abschied: Wir saßen bei Fritz Walter zu Hause. Fritz war am Boden zer­stört, er pro­phe­zeite den Absturz in den Ama­teur­fuß­ball, sollte der FCK tat­säch­lich absteigen. Der größte Spieler, den der FCK her­vor­ge­bracht hatte, sah sein Lebens­werk vor dem Zer­fall.

Frie­dels Nach­folger wurde Eck­hard Krautzun. Ich will nicht nach­treten, aber noch heute klingt mir sein Satz im Ohr: Wenn wir den Klas­sen­er­halt schaffen, bin ich hier der Gott!“ So ent­facht man keinen Team­geist, das ist alles, was ich dazu sage.

Am letzten Spieltag hatten wir den­noch alles selbst in der Hand. Ein Sieg in Lever­kusen hätte die Ret­tung bedeutet. Es war prak­tisch ein Heim­spiel für uns, das Sta­dion war zu drei Vier­teln mit FCK-Fans gefüllt. Nach all dem Rum­pel­fuß­ball sind wir in dieser alles ent­schei­denden Partie auf­ge­treten, als würden wir um die Meis­ter­schaft spielen. Wir waren fest davon über­zeugt, dass wir es schaffen würden und spielten die Lever­ku­sener über eine Stunde an die Wand. Doch acht Minuten vor Schluss schickte uns Markus Münch mit seinem Geschoss unter die Latte in die zweite Liga. In ganz Kai­sers­lau­tern hingen die Fahnen auf Halb­mast. Und Krautzun war doch kein Gott. 
Das Absurde: Eine Woche nach dem Abstieg holten wir in Berlin den DFB-Pokal, 1:0 gegen den KSC mit Icke Häßler und Jens Nowotny. Es war der blanke Hohn, wie ein letztes Zei­chen dafür, wie unnötig unser Abstieg gewesen war. Wir fuhren alle unmit­telbar danach in Urlaub, unsere Tsche­chen spielten die EM in Eng­land. Zur Sai­son­vor­be­rei­tung sahen wir uns alle wieder. Der Verein hatte es geschafft, prak­tisch alle Leis­tungs­träger zu halten. Der Impuls dahin kam auch von uns Spie­lern. Wir emp­fanden alle ähn­lich wie Pavel Kuka, der nach dem Lever­kusen-Spiel gesagt hatte: Ich habe große Schuld.“ Wir hatten die Region ins Tal der Tränen gestürzt und wollten sie nun wieder auf­richten. So wie sich die Bayern ein paar Jahre später beim Ban­kett nach der Last-Minute-Nie­der­lage gegen Man­chester United schworen, die Scharte aus­zu­wetzen, fassten wir zusammen den Ent­schluss, mög­lichst schnell wieder ins Ober­haus zu kommen. Im Juli, die Vor­be­rei­tung lief bereits, kam Otto Reh­hagel zum FCK. Atze Fried­rich, der dama­lige Prä­si­dent, begrüßte ihn mit den Worten: Hier darfst du wieder Otto sein!“ Und Otto war Otto. Er sagte gleich bei seinem Amts­an­tritt zu uns: Glaubt ja nicht, dass das ein Selbst­läufer wird!“ Er führte von Anfang an unzäh­lige Ein­zel­ge­spräche, vor allem mit denen, die schon beim Abstieg dabei gewesen waren. Als es los­ging, hatte er uns längst die Demut gegen­über der zweiten Liga ein­ge­impft. Für die Mis­sion Wie­der­auf­stieg war es eine sehr wich­tige Ent­schei­dung, ihn zu holen. Sofort herrschte wieder Auf­bruch­stim­mung im Umfeld. Für das erste Trai­ning unter Reh­hagel mussten wir ins Fritz-Walter-Sta­dion umziehen, weil 30 000 Leute gekommen waren. 

In Liga 2 brauchte ich fünf Tri­kots zum Tau­schen“

Wie der Trainer es pro­phe­zeit hatte: Ein­fach war die Saison in der zweiten Liga nicht, es war für mein Gefühl sogar die längste meiner Lauf­bahn. Zuletzt hatte ich als 20-Jäh­riger im Unter­haus gekickt, mit dem 1. FC Saar­brü­cken. 15 Jahre später blickte ich auf eine Welt­kar­riere zurück – und musste mit dem FCK gegen Gütersloh oder Unter­ha­ching antreten. Für einige Gegen­spieler war es etwas Beson­deres, gegen Andreas Brehme, den Welt­meister, anzu­treten. Bei man­chen Spielen hätte ich fünf Tri­kots zum Tau­schen gebraucht. Gegen Unter­ha­ching konnten wir zum Auf­takt kein Tor erzielen, bei den Stutt­garter Kickers gelang uns immerhin ein müh­samer 2:0‑Erfolg. Unser erstes Spiel ver­loren wir dann aus­ge­rechnet in Meppen, dem Inbe­griff der Zweiten Bun­des­liga. Das Ems­land­sta­dion kannte ich aber schon, denn dort hatte ich vor einer Ewig­keit mit meinem Stamm­verein Barmbek-Uhlen­horst in der Ober­liga Nord gespielt. 

Unsere Fans folgten uns überall hin – das war phä­no­menal. Auch die letzte Partie bestritten wir gegen Meppen. Wir waren schon seit drei Spiel­tagen auf­ge­stiegen, beim Stand von 6:2 ließ ich mich aus­wech­seln, am Ende stand ein 7:6, wie beim Tennis. Wir hatten zwar auch Gur­ken­fuß­ball geboten, wichtig aber war: Der FCK war wieder erst­klassig! Mis­sion erfüllt? Noch nicht! Otto wollte unbe­dingt, dass ich noch ein Jahr dran­hängte. Ich sagte ihm aber klipp und klar, dass ich nicht mehr der Jüngste sei. Wenn Sie mich brau­chen, Trainer, bin ich da“, sagte ich. Aber ein Joker wollte ich nicht sein, ich war noch nie einer, der ins lau­fende Spiel kommt. Reh­hagel stimmte zu, und so wurde ich als Kapitän zum Stand-by-Spieler. Meinem Ansehen in der Mann­schaft hat das nicht geschadet – im Gegen­teil. Ich wurde eine Art inof­fi­zi­eller Co-Trainer. Ich saß nicht selten auf der Tri­büne und ana­ly­sierte von dort mit Argus­augen das Spiel. In der Halb­zeit eilte ich zum Trainer, um ihm meine Erkennt­nisse zu prä­sen­tieren. Er hat mich immer um meine Mei­nung gebeten, oft wollte er auch, dass ich neben ihm auf der Bank saß. Wenn er sich in seiner typi­schen Rum­pel­stilz­chen-Art über eine Szene ärgerte, konnte es schon mal pas­sieren, dass er mich ordent­lich durch­schüt­telte. 

Otto hatte immer drei, Vier ver­län­gerte Arme

Mit Zau­ber­maus Rat­inho und dem langen Abwehr­mann Michael Schjön­berg waren bereits in der Vor­saison zwei Leute zu uns gestoßen, die uns wirk­lich weiter halfen. Rich­tige Typen waren das, mit denen man auch feiern konnte, die aber wussten, wann es zur Sache ging. Typen, von denen wir im Abstiegs­jahr zu wenige gehabt hatten. Reh­hagel zeich­nete vor allem seine ehr­liche Art aus. Er hat uns an der langen Leine gelassen, hat uns nicht kon­trol­liert. Zu mir hat er ab und zu gesagt, ich solle mir mal ein, zwei Tage frei­nehmen. Wenn jemand auf­muckte, regelte er das sofort. Er sagte dann immer: Was hast du erreicht, was hat Andy erreicht? Ende der Dis­kus­sion.“ 
Gegen­über den jungen Spie­lern hatte Otto seine ganz eigene Hal­tung. Rat­inho schickte er auf die Bank, als ihn die Fans mit Sprech­chören fei­erten – er wollte ver­meiden, dass die Zau­ber­maus abhob. Michael Bal­lack, der vor der Saison aus Chem­nitz gekommen war, wollte er für das erste Spiel in Mün­chen auf die Tri­büne setzen. Ich über­re­dete den Trainer, ihm sein Debüt nicht zu ver­derben. Statt Bal­lack setzte ich mich in Zivil auf die Bank. Wäh­rend der Saison sprach ich oft mit dem Jungen. Ich hätte ihn häu­figer ein­ge­setzt als Reh­hagel, man sah schon das Rie­sen­ta­lent, das in ihm schlum­merte. 

Erster Spieltag: Die Bayern vor der Brust

Unser erstes Spiel in der Bun­des­liga wurde zur Rie­sen­sen­sa­tion. 1:0 gegen die Bayern! Dieser Auf­takt­sieg war wie ein Sechser im Lotto für uns. In der Pfalz herrschte ja sowieso schon eine Bom­ben­stim­mung, aber ab dem ersten Spieltag ritten wir auf einer Welle der Euphorie durch die Saison. Unver­gessen sind die Bilder, als Otto nach dem Spiel mit der Was­ser­fla­sche in der Hand über die Bande sprang und zu unseren Fans in die Kurve rannte. Für ihn war das auch eine per­sön­liche Genug­tuung. Bei dem Verein zu gewinnen, der ihn vorher gefeuert hatte, war das Größte für ihn. 

Vor dem Spiel in Mün­chen hatte er uns noch ein­ge­bläut: Habt keine Angst!“ Danach würden noch 33 Par­tien kommen, und als Auf­steiger könnten wir beim Meister auch ver­lieren. Die Bayern, die uns gar nicht für voll nahmen, hatten zwar einige Chancen, aber es blieb beim 0:0 bis Michael Schjön­berg zehn Minuten vor Schluss das Siegtor köpfte. Das gab uns enormes Selbst­ver­trauen – der ent­schei­dende Impuls, der uns durch die Saison trug. Nach der Kür in Mün­chen folgte die Pflicht zu Hause. Im Heim­spiel gegen Mit­auf­steiger Hertha und im Spiel in Köln sprang ich für Sforza ein, der auf Län­der­spiel­reise war. Gegen die Ber­liner taten wir uns fast schwerer als beim Rekord­meister. Am Ende gewannen wir mit 1:0 durch ein spätes Tor von Olaf Mar­schall. Mar­schall gab in der Partie den Mit­tel­feld­stra­tegen. Typisch Reh­hagel! Er brachte sogar mal einen Abwehr­spieler ganz vorne, ließ den jungen Marco Reich auf der ver­kehrten linken Seite spielen und hatte immer einen Schachzug im Kopf, mit dem keiner rech­nete. In der Hin­sicht war er seiner Zeit sicher­lich voraus. 

Vom Auf­steiger zum Spit­zen­reiter

Ab dem vierten Spieltag standen wir dau­er­haft an der Spitze. Otto ver­suchte auch nach den Anfangs­er­folgen stets, den Druck von uns fern­zu­halten. Seine Erfah­rung und sein Ansehen ermög­lichten es ihm, sich in dieser Form vor die Mann­schaft zu stellen. Fragen nach Titel­am­bi­tionen lächelte er nur weg. Viele sagten, dass wir ein­bre­chen würden, nur wir selbst behielten den Mut. Wir hatten ja auch eine erfah­rene Mann­schaft, die wusste, wie der Hase läuft. Unser Team bestand aus tech­nisch begabten Spie­lern wie Rat­inho oder dem Rück­kehrer Sforza, die etwas mit dem Ball anfangen konnten, und Bre­chern wie Schjön­berg oder Harry Koch, die ihn auch mal auf die Tri­büne dro­schen, wenn es nötig war. Kadlec, Sforza, Mar­schall – das war Ottos Achse auf dem Spiel­feld. Er hatte immer seine drei, vier ver­län­gerten Arme auf dem Feld. 

Eine unserer Spe­zia­li­täten in dieser Saison waren die Stan­dard­si­tua­tionen. Frei­stöße und Ecken haben wir bis zum Umfallen geübt, Reh­hagel liebte ja seine langen Kerls, nicht umsonst war das Tor in Mün­chen durch einen Abwehr­spieler nach einer Ecke gefallen. Im Trai­ning konnte ich da natür­lich auch die eine oder andere Hil­fe­stel­lung geben. Beim 4:3 gegen Stutt­gart ent­standen zwei Tore aus Frei­stößen, ebenso beim 3:1 gegen Bie­le­feld, als Stefan Kuntz auf den Bet­zen­berg zurück­kehrte. Am wich­tigsten aber war: Wir gaben Spiele nie ver­loren. Wenn wir zurück­lagen, was nicht selten pas­sierte, kämpften wir weiter, meist mit dem bes­seren Ende für uns. Das wurde beson­ders auf der Ziel­ge­rade wichtig, als wir mit den Unent­schieden in Ros­tock und Bie­le­feld und dem 3:2 gegen Glad­bach die Wei­chen für den Titel stellten. Dass wir am ersten Spieltag den Bay­ern­dusel aus Mün­chen ent­führt hätten, wie Bal­lacks Berater Michael Becker behaup­tete, ist aber völ­liger Quatsch. Das war alles harte Arbeit! 
Nach den beiden Ein­sätzen zu Beginn der Saison spielte ich erst am 13. Spieltag wieder. Ich schob Son­der­schichten, um nicht gegen­über den Stamm­spie­lern zurück­zu­fallen. In Dort­mund lief ich als Kapitän auf. Nach einem 0:2‑Rückstand sicherte Olaf Mar­schall mit seinen beiden Toren das Unent­schieden. Olaf spielte die Saison seines Lebens. Wirk­lich phä­no­menal, in wel­cher Ver­fas­sung er damals war. Er traf aus allen Lagen, außer­halb und inner­halb des Sech­zeh­ners, natür­lich oft per Kopf, aber auch im Fallen, sogar im Liegen! Als er sich am 15. Spieltag in Glad­bach ver­letzte, war das ein schwerer Schlag für uns. Am 17. Spieltag war der HSV auf dem Bet­zen­berg zu Gast. Wieder einmal sprang ich für Miro Kadlec als Libero ein, wieder einmal gerieten wir in Rück­stand – und wieder einmal gingen wir als Sieger vom Platz. 2:1 – Herbst­meister! Die Stim­mung in Lau­tern war nun das genaue Gegen­teil von 1996. So depri­miert die Leute gewesen waren, so eupho­risch waren sie nun. Der Bäcker gra­tu­lierte mir beim Bröt­chen­holen, in der Innen­stadt kamen alle auf uns Spieler zu. Noch vor der Win­ter­pause ver­län­gerte der Verein mit Otto Reh­hagel. Nach der Pause taten wir uns ohne Goal­getter Mar­schall zunächst schwer. Den­noch ver­loren wir in der Rück­serie nur gegen Bayer Lever­kusen. Punkt für Punkt hams­terten wir uns zusammen, zehrten von zwi­schen­zeit­lich neun Punkten Vor­sprung auf die Bayern. Jürgen Rische, der für Olaf spielte, machte in dieser Zeit viele ent­schei­dende Tore. Wenn es mal läuft, dann läuft es eben bei allen. 

Fritz, du kannst rein­kommen, sie haben gewonnen!“

Wir hatten in dieser Saison auch das Glück, dass die Bayern nie bes­sere Ergeb­nisse erzielten als wir. Als wir 2:2 in Ros­tock spielten, schafften sie es nicht, in Bie­le­feld zu gewinnen. Am 32. Spieltag war am Frei­tag­abend Borussia Mön­chen­glad­bach zu Gast auf dem Bet­zen­berg. Nach Jörgen Pet­ters­sons 0:2 kurz vor der Halb­zeit schien alles gelaufen. Bei einer Nie­der­lage hätten uns die Bayern mit einem Sieg über­flü­geln können. Das Glad­bach-Spiel aber war wie ein Abzieh­bild der gesamten Saison. Noch vor der Pause machte der wieder gene­sene Olaf Mar­schall den Anschluss­treffer und erzielte nach einer Stunde auch noch den Aus­gleich. In der 90. Minute dann noch ein letzter Angriff. Nie werde ich ver­gessen, wie Marco Reich die Flanke mit rechts von der linken Seite in den Sech­zehner schlägt, wie Mar­schall hoch­steigt und sich den Ball selbst an die Schulter köpft. Von dort flog er in hohem Bogen in den Winkel. Hat­trick! Der Trainer flitzte an der Sei­ten­linie ent­lang, wir lagen uns alle in den Armen. Unglaub­lich! Fritz Walter, mit dem ich engen Kon­takt hatte, hat dieses und all die anderen Spiele nicht gesehen. Er ging aus Ner­vo­sität immer spa­zieren. Seine Frau Italia rief ihm das Ergebnis zu: Fritz, du kannst rein­kommen, sie haben gewonnen!“ 

Mit dem 4:0 gegen Wolfs­burg am nächsten Spieltag wurden wir Meister. Das wussten wir aller­dings zunächst nicht, weil Duis­burg gegen Bayern später abge­pfiffen worden war. Wir machten nicht den Fehler, zu früh zu jubeln wie die Schalker drei Jahre danach. Wir war­teten – die Span­nung war uner­träg­lich! Als das 0:0 in Duis­burg bekannt­ge­geben wurde, bra­chen im Sta­dion und in der Stadt alle Dämme. Ich fei­erte zusammen mit dieser phan­tas­ti­schen Mann­schaft die größte Sen­sa­tion, die ich in meiner Kar­riere erlebt habe. So reisten wir am 34. Spieltag schon als Meister nach Ham­burg. Das letzte Spiel meiner Kar­riere bestritt ich in meiner Hei­mat­stadt. Zwei Jahre zuvor hatte ich noch an Rudis Schulter geweint –und durfte jetzt die Schale in den Himmel stemmen. Kann man sich ein schö­neres Ende dieser Geschichte vor­stellen?