Zur Welt­meis­ter­schaft im Winter erwartet der Wüs­ten­staat Katar mehr als eine Mil­lion Besu­cher. Um der Tou­ris­ten­welle Ein­halt zu gebieten, bauen die Katarer seit Jahren nicht nur an Sta­dien, son­dern ebenso fleißig an Hotel­an­lagen. Wobei: Tat­säch­lich sind es zu großen Teilen Men­schen aus Indien, Ghana, Ban­gla­desch und vielen wei­teren Nationen, die dort schuften. Das gro­teske Gebilde Winter-WM und die kata­ri­sche Hotel­wirt­schaft fußen näm­lich auf der Beschäf­ti­gung und sys­te­ma­ti­schen Aus­beu­tung hun­dert­tau­sender Arbeits­mi­granten. Und wer steckt nach­weis­lich mit­ten­drin? Die Fifa.

Diese Erkenntnis lie­fert eine Unter­su­chung von Equidem und dem Global Labor Jus­tice-Inter­na­tional Labor Rights Forum, zwei Orga­ni­sa­tionen, die Unge­rech­tig­keiten im Bereich Arbeits- und Men­schen­recht auf­de­cken, für sichere Migra­tion sorgen und nach­hal­tige, mul­ti­la­te­rale Lösungen zur Ver­bes­se­rung der Arbeits­be­din­gungen suchen. Zwi­schen Februar 2020 und Juli 2022 befragten sie 80 Arbeits­mi­granten, die in 32 ver­schie­denen Hotels beschäf­tigt sind oder waren. Mit 17 davon arbeitet der Welt­fuß­ball­ver­band direkt zusammen, sie sind offi­zi­elle Fifa Partner-Hotels. Ange­sichts der Werte, die sich der Welt­ver­band auf die Fahne schreibt, könnte man meinen, dass gerade hier inter­na­tio­nales Arbeits­recht beson­ders geachtet wird. Doch weit gefehlt. Mit­ar­beiter aus 13 Partner-Hotels berich­teten den Orga­ni­sa­tionen von kata­stro­phalen Zuständen. Die Vor­würfe wiegen schwer.

Dis­kri­mi­nie­rung, Über­ar­bei­tung, Beläs­ti­gung

Ein Miss­stand, den die Unter­su­chung beson­ders her­vor­hebt, ist die Lohn­dis­kri­mi­nie­rung auf Basis der Natio­na­lität. In allen Hotels seien Her­kunft und Geschlecht die Grund­lage für Ent­loh­nung und Hier­ar­chie. West­liche Arbeiter sowie Katarer und Araber bekämen mehr Gehalt als asia­ti­sche oder afri­ka­ni­sche Arbei­te­rinnen und Arbeiter. Ein kon­kretes Bei­spiel lie­fert das Team-Hotel der Natio­nal­mann­schaft Bra­si­liens. Von dort berichtet eine Ange­stellte: Mein Gehalt reflek­tiert nicht meine Qua­li­fi­ka­tion, es reflek­tiert meine Natio­na­lität.” Sie ist Nepa­lesin und ver­diene 274 Dollar im Monat, für die­selbe Arbeit erhielten Arbei­te­rinnen von den Phil­ip­pinen 439 Dollar. Ein indi­scher Ange­stellter des Holiday Villa Hotels in Doha beklagt: Ich war kurz davor den Ver­stand zu ver­lieren.”

Neun Monate lang, mehr als zwölf Stunden am Tag”, habe er dort geackert. Die Unter­su­chung offen­bart in allen Berei­chen men­schen­un­wür­dige Ver­hält­nisse: Betrof­fene berichten von Gehalts­kür­zungen ohne Absprache, Kün­di­gungen ohne Abfin­dungen oder schlichtweg aus­blei­benden Lohn­zah­lungen. Viele der aus­län­di­schen Arbei­te­rinnen erfahren Beschimp­fungen, Bedro­hungen oder gar sexu­elle Gewalt durch Vor­ge­setzte. Manchmal fassen sie uns unan­ge­messen an”, erzählt eine Ange­stellte des Crowne Plaza, einem offi­zi­ellen Fifa Partner-Hotel. Sogar an freien Tagen sei es weib­li­chen Beschäf­tigten teils unter­sagt, ihre Unter­kunft nach 21 Uhr zu ver­lassen. Sich gegen die Zustände auf­zu­lehnen wagt kaum jemand. Denn wer nicht spurt, dem droht die Ent­las­sung – oder noch dras­ti­scher: die Abschie­bung.

Schi­kane oder alles nur ein großes Ver­säumnis der Fifa?

Nun könnte man wohl­wol­lend reine Unkenntnis sei­tens der Hotel­bauer oder zumin­dest der Fifa ver­muten. Die Geschichten der Befragten aller­dings zeichnen ein anderes Bild. Das Macht­ge­fälle zwi­schen Arbeit­ge­bern und Arbeit­neh­mern nutzen die Firmen nicht nur aus, sie führen es gera­dezu sys­te­ma­tisch herbei. So sei Beschäf­tigten bei regel­mä­ßigen Über­stunden das Ein- und Aus­che­cken am Arbeits­platz ver­boten, die Stunden würden folg­lich weder erfasst noch ent­lohnt. Den erst vor wenigen Jahren ein­ge­führten und eigent­lich als Erfolg ange­se­henen all­ge­meinen Min­dest­lohn in Katar umgehen die Arbeit­geber auf diese Weise. Der Bericht bemän­gelt vor allem die tat­säch­liche Imple­men­tie­rung und Durch­set­zung solch scheinbar fort­schritt­li­cher Reformen. Ebenso bliebe den Arbeit­neh­mern das Grund­recht auf Ver­ei­ni­gung ver­wehrt. Ohne starke Ver­bände und Gewerk­schaften seien die Beschäf­tigten ihren Arbeit­ge­bern schutzlos aus­ge­lie­fert, indi­vi­du­eller Wider­stand ist ihnen schon auf­grund ihrer abso­luten Abhän­gig­keit kaum mög­lich. Laut einem UN-Son­der­be­richt­erstatter, den der Fifa Men­schen­rechts­beirat schon 2021 in einem Schluss­be­richt zitierte, bestehe ein de facto Kas­ten­system basie­rend auf natio­naler Her­kunft, das zur struk­tu­rellen Dis­kri­mi­nie­rung von Nicht-Staats­bür­gern führt, unter anderem bedingt durch das immense Mach­t­un­gleich­ge­wicht zwi­schen Arbeit­ge­bern und Arbeits­mi­granten”. Der Ver­band kennt also die Pro­bleme. Doch anstatt etwas dagegen zu unter­nehmen, pro­fi­tiert er davon.

For­de­rungen an die Fifa

Den beiden Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen geht es nicht um bloßen Auf­ruhr, sie wollen Ände­rungen her­bei­führen. Darum stellen sie klare For­de­rungen an die Fifa und die kata­ri­sche Regie­rung. Fun­da­mental sei, den Arbei­te­rinnen und Arbei­tern ihr Recht auf Zusam­men­schluss zu gewähren, unab­hängig von Natio­na­lität, Iden­tität oder Her­kunft. Nur mit­hilfe von Arbeit­neh­mer­ver­bänden könnten echte Reformen und Maß­nahmen zu deren Durch­set­zung ent­stehen. Dar­über hinaus müsse die Fifa Bei­träge für Not­fall­fonds leisten, um geschul­dete Löhne zu zahlen und medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung zu gewähr­leisten. Der Ver­band sei in der Pflicht, bei seinen Part­nern aus­rei­chende Stan­dards für Arbeits­plätze und Unter­künfte zu eta­blieren.

Wie der Spiegel schreibt, teilte die Fifa auf Anfrage mit, sie werde den Bericht genau bewerten. Sie akzep­tiere kei­nerlei Miss­brauch von Arbei­tern durch Firmen, die in Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung der WM invol­viert seien. Sollten Hotels bestimmte Mängel nicht abstellen, würden ihnen grund­sätz­lich die Ver­träge gekün­digt.
Nach Jahren der unge­straften Unter­drü­ckung und Aus­beu­tung von Arbeits­mi­granten beim Sta­di­onbau sowie zahl­rei­chen unge­hört ver­hallten Appellen von Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen, darf wahr­schein­lich bezwei­felt werden, dass den Partner-Hotels bis zum Eröff­nungs­spiel am 21. November ernst­hafte Kon­se­quenzen drohen.