Blaise Nkufo, Sie sind Schweizer Natio­nal­spieler, aber gebür­tiger Zairer. Was bedeutet Ihnen Afrika?

Afrika ist der Kon­ti­nent, auf dem ich geboren wurde. Meine Familie stammt von dort, sowohl väter­li­cher­seits, als auch müt­ter­li­cher­seits. Aber ich habe den Groß­teil meines Lebens in Europa ver­bracht, und auch wenn ich eine beson­dere Sen­si­bi­li­sie­rung für Kon­ti­nent Afrika kon­ser­viert habe, so hört es doch an einem bestimmten Punkt damit auf.



Sie waren sieben, als Sie mit Ihrer Familie vor dem Mobutu-Regime flüchten mussten – welche Erin­ne­rungen haben Sie an die Kind­heit und die Flucht?

Einige Erin­ne­rungen sind geblieben, es gibt Regen­tage, an die ich mich erin­nern kann, Gerüche, Spiele mit anderen Kin­dern. Aber es sind nur noch ein­zelne Bilder, die ich im Kopf habe. Wenn man sein Hei­mat­land ver­lassen muss, gerade als Kind, strömen so viele Bilder auf einen ein und man ver­liert schnell den Faden, der die ein­zelnen Bilder zusam­men­hält.

Erin­nern Sie sich an Ihre Ankunft in der Schweiz?

Daran erin­nere ich mich gut, es war Winter und sehr kalt. Am Tag vor der Flucht wurde ich von einem Auto ange­fahren und musste zum Not­dienst. Und das am Abend bevor wir in die Schweiz gehen wollten!

In einem Inter­view mit der Schweizer Welt­woche beschreiben Sie sich und ihre Genera­tion an dun­kel­häu­tigen Emi­granten als »eine Art Vor­kämpfer« in Sachen Anti-Ras­sismus. Was meinten Sie damit?

Wenn man sich auf die Emi­granten in der Schweiz bezieht, gehöre ich der zweiten Genera­tion an, ich war ein Kind, als wir in der Schweiz gingen und bin meinem Vater nur in seiner Ent­schei­dung gefolgt. Und ja, als schwarzes Kind macht man mehr oder weniger schmerz­hafte Erfah­rungen in einem fremden Land. Wenn man dann größer wird, stellt man sich die Frage: Welche Chancen habe ich hier? Und je mehr nega­tive Erfah­rungen ich machen musste, desto deut­li­cher wurde die Frage, ob man bei glei­cher Leis­tung, bei glei­chem Abschluss auch die glei­chen Chancen besitzt?

Glauben Sie, dass auch Ihre Haut­farbe eine Rolle dabei gespielt hat? Auch in Ihrem Beruf als Fuß­baller?

Wir leben nicht in einer per­fekten Welt, es gibt immer Hin­der­nisse und Schranken. Aber was mich per­sön­lich angeht, hat meine Haut­farbe mich nicht daran gehin­dert, meine Ziele zu errei­chen.

Als Ihre Vor­bilder gelten Malcom X und der Schweizer Sozio­loge Jean Ziegler.

Vor­bilder? Das trifft es nicht ganz. Jean Ziegler kenne ich durch seine Bücher, in denen er über den Hunger in der Welt spricht. Das hat mich beein­druckt und beschäf­tigt. Außerdem hatte ich das Glück ihn mal per­sön­lich zu treffen. Und Mal­colm X ist eine his­to­ri­sche Per­sön­lich­keit, deren Bio­gra­phie mich ein­fach inter­es­siert. Er hat mir geholfen, die Welt besser zu ver­stehen, auch in Hin­blick auf Haut­farben, Gegen­sätze und so weiter. Und ich habe mir seine Bot­schaft zu Herzen genommen.

Näm­lich welche?

Man muss aktiv werden, um etwas zu errei­chen. Malcom X war ein Mann, der sich gegen Unge­rech­tig­keiten auf­ge­lehnt hat und das hat mich auch in meiner per­sön­li­chen Ent­wick­lung beschäf­tigt.

2002 sind Sie aktiv geworden – und haben die »Nati« ver­lassen. Was ist damals pas­siert?

Es ist schwierig, eine indi­vi­du­elle Ant­wort zu geben. Es geht hier mehr um ein gene­relles Pro­blem. Als Emi­grant ist es, wie ich schon gesagt habe, schwierig bei glei­cher Leis­tung oder glei­chem Abschluss die­selben Ziele zu errei­chen. Ich hatte den Ein­druck, dass mehr von einem ver­langt wird, wenn man eine Stel­lung mit mehr Ver­ant­wor­tung anstrebt. Das war es, was mich zu dieser Ent­schei­dung gebracht hat.


Ihr Ver­hältnis zum ehe­ma­ligen Schweizer Aus­wahl-Trainer Köbi Kuhn galt als sehr ange­spannt. Wegen ihm traten sie sogar aus der Natio­nal­mann­schaft zurück. Wie gut lässt es sich unter Ottmar Hitz­feld arbeiten?


Köbi Kuhn hat seinen eigenen Cha­rakter, seine eigene Per­sön­lich­keit und so ist es auch bei mir. Manche Men­schen passen eben ein­fach nicht zusammen. Jetzt ist die Situa­tion eine ganz andere. Ich habe die Vor­ge­hens­weise von Ottmar Hitz­feld als sehr ehren­wert emp­funden: Er hat mich ange­rufen, um mich kennen zu lernen. Er wollte meine Geschichte hören und hat sich sein eigenes Urteil gebildet. Er hat mir die Mög­lich­keit gegeben, das Natio­nal­trikot wieder über­zu­streifen und mich zu beweisen. Ich bin ihm sehr dankbar. Ganz ein­fach dafür, dass er mit mir gespro­chen hat, selbst wenn er mich danach nicht nomi­niert hätte.

Was hat er Ihnen als Trainer noch bei­gebracht?

Er ist wirk­lich ein Trainer, der Erfolg haben will und der das auch seinen Spie­lern ver­mit­teln kann. Er schafft es, seine Ein­stel­lung auf die Spieler zu über­tragen, in ihnen den unbe­dingten Willen zum Erfolg zu wecken. Jeder Ein­zelne muss bei ihm Ver­ant­wor­tung auf dem Spiel­feld über­nehmen.

In der »Nati« sind Sie der älteste Spieler im WM-Kader. Sind Sie jemand, den junge Spieler um Rat fragen können?

Was sollte ich ihnen denn sagen? Ich stehe auf jeden Fall bereit, wenn jemand einen Rat­schlag braucht, aber mehr als das kann ich nicht tun.

Wie schätzen Sie ihre WM-Grup­pen­gegner ein?

Spa­nien ist natür­lich favo­ri­siert, nicht nur auf den Grup­pen­sieg, sie sind auch ein Kan­didat für den Titel. Hon­duras und Chile sagen mir ehr­lich gesagt noch nicht viel. Glück­li­cher­weise haben wir ein ganzes Team, dass uns mit den ent­spre­chenden Infos ver­sorgen wird. Und um noch einmal auf Hitz­feld zurück­zu­kommen: Sein Anspruch wird es sein, zumin­dest die Vor­runde zu über­stehen.

Was ist eigent­lich besser: Jung und ener­gie­ge­laden, oder alt und rou­ti­niert?

Wenn ich so zurück­schaue, dann ziehe ich es vor, etwas älter zu sein und mehr Erfah­rung zu haben. Damit lässt sich das Leben doch deut­lich leichter angehen.