Als ich 2005 zum zweiten Mal nach Buenos Aires kam, hatte Diego Mara­dona gerade eine eigene Fern­seh­sen­dung. Sie hieß: Die Nacht der Zehn. Man ging abends in eine Bar, trank ein blau-weißes Quilmes, und alle schauten auf Diego. Der größte kleine Lands­mann sab­belte auf einem kleinen, lauten Fern­seher mit Pelé, als wären sie die besten Freunde. Wenn die Nacht der Zehn anbrach, schaute die ganze Nation zu. Nicht weil die Gespräche tief­schür­fend waren wie die von, sagen wir mal, Javier Cáceres mit Jorge Valdano, son­dern weil man sich ein­fach Sorgen machte, dass Mara­dona wäh­rend der Sen­dung zusam­men­klappte. Es war mein zweiter Besuch in Süd­ame­rika, diesmal drehten wir einen Film über eine Punk-Rock-Band. 

Wo wir schon einmal da waren, wollten wir natür­lich auch ein Inter­view mit Gott machen. Es sah zuerst gar nicht so schlecht aus. Ein skan­di­na­vi­scher PUMA-Manager hatte uns ver­trau­lich die Handy-Nummer von Mara­donas Mana­gerin rüber­ge­schoben, die seiner umtrie­bigen Ex-Frau Claudia Vil­la­fañe. Wir spra­chen ihr Tag für Tag mehr­fach auf die Mailbox (und ließen ihr von argen­ti­ni­schen Freunden auf die Mailbox spre­chen), ver­gaßen aber offenbar, eine ver­gnü­gungs­steu­er­pflich­tige Summe zu nennen. Claudia rief uns jeden­falls nie zurück. 

2003 waren wir in Buenos Aires erst­mals zum Fuß­ball gegangen – einmal auch in die legen­däre Bom­bonera. Vorher liefen wir durchs ziem­lich schmut­zige Hafen­viertel La Boca, vorbei an kleinen Häu­sern voller Streetart und Graf­fitis. Wir fühlten uns damals wie Alex­ander von Hum­boldt, der geheim­nis­volle Grab­in­schriften ent­deckt hatte. So etwas wie Insta­gram, Pin­te­rest oder Trip Advisor gab es schließ­lich noch nicht. Die Wand­bilder zeigten: Carlos Gardel, Evita Peron und immer wieder Mara­dona. Es war der Mara­dona von 1986, der von den Stra­ßen­ma­lern bevor­zugt por­trä­tiert wurde. Sie zeich­neten am liebsten: den Welt­meister. Das Spiel Boca-Ban­field im recht­eckigsten Sta­dion der Welt fand an einem Wochentag und zudem nach­mit­tags statt. So konnte die Polizei die schlimmsten Tot­schläger aus der Bande der Hard­core-Fans leichter neu­tra­li­sieren, wurde uns erklärt. Ein Sta­di­on­be­such, das muss man ori­gi­nal­ge­treu wie­der­geben, galt zu dieser Zeit kei­nes­wegs als unbe­schwerter Aus­flug für die ganze Familie. 

Das Sta­dion, in dem Mara­dona 1981/82 seine Welt­kar­riere star­tete, sah aber auch in Wirk­lich­keit genauso schön aus wie auf dem berühmten 11 Freunde“-Stadionposter von Rei­naldo Coddou H. Der Himmel leuch­tete über der Pra­li­nen­schachtel wie auf einem Gemälde von Caspar David Fried­rich. Ein 19-Jäh­riger, offen­kundig bereits vom Leben gezeichnet, war in diesen Tagen der Blick­fang an allen Zei­tungs­ki­osken. Carlos Tevez hatte es sogar in den argen­ti­ni­schen Rol­ling Stone geschafft. Dort posierte er reich­lich furcht­ein­flö­ßend mit einem Pit­bull – wie so ein schlechter Rapper. In der Bom­bonera schoss er für uns zwei Tore und berei­tete das dritte vor. Nur sei­net­wegen schafften die Boca Juniors ein 3:3‑Unentschieden, und es fühlte sich ein biss­chen so an, als hätte man den jungen Diego gesehen. Wann immer Car­litos an den Ball kam, stand das kom­plette Sta­dion, weil es genau wusste, dass es jetzt etwas Beson­deres pas­sieren würde. In Buenos Aires kaufte ich mir damals auch das schönste Fuß­ball­buch meines Lebens – ein kleines Dau­men­kino. Es zeigte Mara­donas Wun­der­dribb­ling gegen Eng­land. Wenn man in Argen­ti­nien ist, fühlt man die Bedeu­tung dieses Dribb­lings noch inten­siver, weil einem bewusst wird, wie nah das Spiel am voll­kommen über­flüs­sigen Krieg um die Falk­land-Inseln lag. Die Argen­ti­nier nennen sie übri­gens Mal­vinas. Wir besuchten auch eine Mara­dona– Aus­stel­lung von der Sorte, wie am Rio de la Plata wahr­schein­lich jeden Monat eine eröffnet wird. Und auf der Plas­tik­tüte, in der wir unsere Sou­ve­nirs davon­trugen, stand in großen Let­tern: D10S, also: GOTT.

Mir glaubten sie nicht, dass ich Mara­dona bin“

Es war die Zeit, als sich auch eine eigene Kirche zu seinen Ehren grün­dete. Und es war die Zeit, als Kame­ra­teams immer wieder die Hos­pi­täler der argen­ti­ni­schen Haupt­stadt bela­gerten. Drinnen kämpfte Mara­dona regel­mäßig um sein Leben. Wenn man ehr­lich ist, betrach­tete man ihn als jemand, der bereits eine feste Ver­ab­re­dung mit Freund Hein hat, ähn­lich wie ein paar Jahre später die eng­li­sche Sän­gerin Amy Wine­house. Peter Burg­hardt schrieb in der Süd­deut­schen Zei­tung dar­über, wie Mara­dona einmal in eine Ner­ven­heil­an­stalt ein­ge­lie­fert wurde. Da war einer, der sich für Napo­leon hält, und mir glaubten sie nicht, dass ich Mara­dona bin“, berich­tete Diego später.

Wenn man sich alle Mara­dona-Sti­cker anschaut, die die ita­lie­ni­sche Manu­faktur Panini zwi­schen 1982 und 1994 ver­öf­fent­licht hat, erklärt sich sein ganzes Spie­ler­leben. Wir sehen die erste unbe­schwerte Phase in Bar­ce­lona mit auf­ge­türmtem Haupt­haar, als er gerade den ver­schlun­genen Weg aus dem Spät-Junta-Argen­ti­nien ins Post-Franco-Spa­nien gefunden hatte. Wir ver­stehen sofort die total ver­rückte Zeit im total ver­rückten Neapel, als ihn die Mafia beschützte, bedrohte und ver­sorgte. Und wir betrachten ent­setzt den tra­gi­schen Schlussakt in Sevilla, an den man sich gar nicht mehr erin­nern kann oder möchte. 

Was auf den Sti­ckern nur selten fehlt, ist sein zweiter Vor­name: Armando, zu Deutsch: Krieger. Wenn man dem jungen Diego ins Gesicht schaut, sieht man nichts von der Härte, die er auf den Spiel­fel­dern des Prä-VAR-Fuß­balls ertragen musste. Das Panini-Prinzip, das die Sti­cker von Diego Mara­dona und Andoni Goi­koetxea gleich häufig gedruckt wurden, könnte man als Gleichnis aufs Leben betrachten. Der argen­ti­ni­sche Jahr­hun­dert­fuß­baller und der Schlächter von Bilbao“ – vor Panini sind sie alle gleich. 

Später, in Neapel, merkt man den Bil­dern die Rast­lo­sig­keit dieser Tage an. Obwohl Mara­dona im Panini-Ita­lien spielte, blieb keine Zeit für ein ver­nünf­tiges Por­trät-Shoo­ting. Es sind will­kür­liche Auf­nahmen, die auf dem Platz getä­tigt wurden oder im Trai­nings­lager vor irgend­einem Berg­massiv. Der Plas­tik­penis, mit dem Diego die ner­vigen Doping­proben geschickt umdrib­belte, hat es zum Glück auf keinen der Sti­cker geschafft. Die Hoff­nung: Irgend­wann ver­öf­fent­licht Panini ein voll­stän­diges Mara­dona-Sti­ckeralbum – über sein Leben und Sterben und die Wie­der­auf­er­ste­hung. Es müsste eine Publi­ka­tion sein, in der Platz wäre für Auf­wärm­übungen, Magen­ver­klei­ne­rungen und Net­flix-Serien. Keinen Platz ver­dient hätte: der Schlächter von Bilbao“. So lange es das nicht gibt, werfen wir einen Blick auf alle Mara­dona-Sti­cker, die Panini je druckte:

Maradona Argentina 1979 80

Mara­dona, Saison 1970/1980, Argen­ti­nien

Maradona World Cup 1982

Mara­dona, WM 1982, Argen­ti­nien

Maradona 82 83

Mara­dona, Saison 1982/1983, FC Bar­ce­lona

Maradona Futbol 1983 Barcelona

Mara­dona, Saison 1982/1983, FC Bar­ce­lona

Maradona 1983 84

Mara­dona, Saison 1983/1984, FC Bar­ce­lona

Maradona Futbol 84 Barcelona

Mara­dona, Saison 1983/1984, FC Bar­ce­lona

Maradona 1984 85

Mara­dona, Saison 1984/1985, SSC Neapel

Maradona 1985 86

Mara­dona, Saison 1985/1986, SSC Neapel

Maradona argentina 1985 86

Mara­dona, Saison 1985/1986, Argen­ti­nien

Maradona World Cup 1986

Mara­dona, WM 1986, Argen­ti­nien

Maradona 1986 87

Mara­dona, Saison 1986/1987, SSC Neapel

Maradona 1987 88

Mara­dona, Saison 1987/1988, SSC Neapel

Maradona 1988 89

Mara­dona, Saison 1988/1989, SSC Neapel

Maradona 1989 90

Mara­dona, Saison 1989/1990, SSC Neapel

Maradona World Cup 1990

Mara­dona, WM 1990, Argen­ti­nien

Maradona 1990 91

Mara­dona, Saison 1990/1991, SSC Neapel

Maradona 1992 93

Mara­dona, Saison 1992/1993, FC Sevilla

Maradona Futbol 1993 94 Sevilla

Mara­dona, Saison 1993/1994, FC Sevilla

Maradona World Cup 1994

Mara­dona, WM 1994, Argen­ti­nien

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Die Bilder sind dem Magazin Feli­cidades, Diego“ ent­nommen worden. Das groß­ar­tige Magazin von Oliver Wurm gibt es am Kiosk – oder direkt hier, im Shop von Fuß­ball­gold.

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