Martin Wagner, wussten Sie, dass Ihr Ori­ginal-Trikot von der WM 1994 heute eines der begehr­testen Samm­ler­stücke in Händ­ler­kreisen ist? Einige Leute zahlen bis zu 1000 Euro dafür.

Martin Wagner: Ein getra­genes Natio­nal­mann­schaft­s­trikot von mir ist eben sehr rar – ich habe ja nur sechs Län­der­spiele gemacht. (lacht)

Es scheint trotzdem absurd. Die deut­sche Elf schied bereits im Vier­tel­fi­nale aus, Sie waren nicht unbe­dingt der Star des Tur­niers.

Martin Wagner: Für viele Leute kam ich über­ra­schend ins WM-Team, schließ­lich hatte ich zuvor gerade mal zwei Län­der­spiele gemacht. Zudem war ich ein Spieler, den die Presse an einem Tag hoch­ju­belte und am nächsten nie­der­schrieb. Ich erin­nere nur an das Freund­schafts­spiel gegen Irland kurz vor der WM in den USA. Wir ver­loren 0:2 und ich war der Depp des Tages.

Im WM-Ach­tel­fi­nale gegen Bel­gien waren Sie hin­gegen der Mann des Spiels.

Martin Wagner: So läuft das eben im Fuß­ball. Man hatte sich ein wenig auf mich ein­ge­schossen. Das lag aber auch daran, weil ich auf der Posi­tion von Andreas Brehme spielte und dieser – zu Recht – ein großes Ansehen genoss, zugleich aber auch eine große Lobby bei den Jour­na­listen hatte.

Sie sollen nach dem Spiel gegen Irland geschimpft haben: Ich wurde alleine gelassen“. Große Töne für einen, der gerade sein zweites Län­der­spiel gemacht hatte.

Martin Wagner: So fühlte ich mich eben. Damals war Geduld sicher nicht meine Stärke. Und trotzdem: Der Inhalt der Aus­sage war kor­rekt, wenn­gleich ich sie heute nicht direkt nach dem Spiel treffen würde. Ich bin beson­nener geworden.

Wieso mussten Sie als Neu­ling über­haupt Stel­lung zu einer Nie­der­lage gegen Irland beziehen? Hätte der DFB Sie nicht schützen müssen?

Martin Wagner: Ich hatte eine harte Schule hinter mir, ich hatte trotz meines jungen Alters bereits häufig Kritik ein­ste­cken müssen. Dabei reagierte ich stets recht selbst­kri­tisch. Viel­leicht ließ mich der DFB des­halb gewähren. Man wusste, dass ich mit Jour­na­lis­ten­schelte recht gut umgehen konnte.

Waren Sie denn mit Ihrer Leis­tung bei der WM in den USA zufrieden?

Martin Wagner: Ich finde, dass ich ganz ordent­lich gespielt habe. Berti Vogts bestä­tigte das, denn er nomi­nierte mich auch für das Vier­tel­fi­nale gegen Bul­ga­rien. Ich kam recht gut ins Spiel, wir führten 1:0 und ich ging davon aus, dass wir das Spiel gewinnen würde.

Dann ver­letzten Sie sich bei einem Kopf­ball­duell so stark, dass Sie bewusstlos vom Platz getragen wurden.

Martin Wagner: Das Vier­tel­final-Ergebnis erfuhr ich erst im Kran­ken­haus. Als ich auf­wachte und mit neu­gie­rigen Augen die Ärzte anblickte, sah ich nur Ent­täu­schung. Ich wäre am liebsten sofort wieder in Ohn­macht gefallen. (lacht) Wobei die Ver­let­zung wirk­lich heftig war, ich hatte mir zwei Hals­wirbel aus­ge­renkt und unwahr­schein­lich starke Schmerzen.

Heute sind von der WM 1994 die schlechte Leis­tung des Teams, der Stin­ke­finger Effen­bergs, ein hilf­loser Berti Vogts und die miese Stim­mung in Erin­ne­rung. Wie schlimm war es denn wirk­lich?

Martin Wagner: Die Mann­schaft wirkte auf mich nach dem Titel­ge­winn von 1990 ein wenig satt. Zudem spielten wir mit einem relativ alten Team bei einer unbe­schreib­li­chen Hitze. Es kam letzt­end­lich vieles zusammen, was nicht zusam­men­passte. Wobei die Stim­mung gar nicht so übel war und wir mit ein biss­chen Glück auch gegen Bul­ga­rien hätten gewinnen können. 

Nach der WM machten Sie nur eine wei­tere Partie im Natio­nal­trikot. Hätten Sie mehr als sechs Län­der­spiele machen müssen?

Martin Wagner: Ich bin mit meiner Län­der­spiel­kar­riere zufrieden. Klar, ich hätte viel­leicht 20 oder 30 Spiele mehr machen müssen, man muss aller­dings sagen, dass ich mit Andi Brehme und später Chris­tian Ziege große Kon­kur­renz hatte.

Berti Vogts nannte Sie einmal einen Hitz­kopf. Hat Ihnen dieser eine län­gere Kar­riere im DFB-Team ver­baut?

Martin Wagner: Ich kann immer noch gut damit leben, dass ich Trai­nern und Mit­spie­lern meine Mei­nung immer direkt ins Gesicht sagte, statt sie in der Presse über gewisse Dinge zu infor­mieren. Mein Credo war stets: Sprich mit dem Trainer! Und nicht über ihn!

An wen denken Sie?

Martin Wagner: Da gibt es etliche Bei­spiele. Ich erin­nere mich etwa an ein Spiel aus der Meis­ter­saison, bei dem ich kurz vor Schluss vom Platz gestellt wurde. Danach bekam ich von Otto Reh­hagel in der Schieds­rich­ter­ka­bine einen gehö­rigen Ein­lauf. Ich bin danach noch einmal zu ihm gegangen und habe ihm meine Sicht der Dinge erklärt. Außerdem machte ich deut­lich, dass ich es etwas unver­schämt finde, mich vor den Schieds­rich­tern so an den Pranger zu stellen. Erst mal war die Luft dick, klar. Am nächsten Tag spra­chen wir uns aller­dings aus – und alles war gut. 

Sie galten stets als ehr­li­cher Profi. Mit 19 Jahren sollen Sie sogar Ange­bote vom 1. FC Kai­sers­lau­tern und dem HSV abg­lehnt haben, weil Sie so ehr­lich waren und sagten, dass Sie noch nicht gut genug für das Pro­fi­ge­schäft seien.

Martin Wagner: Das stimmt so nicht ganz. Mir war es wichtig, meine Aus­bil­dung als Gas- und Was­ser­in­stal­la­teur zu beenden. Ich glaubte durchaus, dass ich bei den Profis mit­halten konnte.

Sie hatten in jenen Monaten mit dem Offen­burger FV im DFB-Pokal gegen Borussia Dort­mund gespielt und beim 3:3 zwei Tore erzielt. Wenn heute ein Jung­spieler nach einer sol­chen Partie einen Pro­fi­ver­trag vor sich sieht, unter­schreibt er ver­mut­lich ohne groß zu über­legen. Woher rührte Ihre Demut?

Martin Wagner: Ich war noch nicht bereit, viel­leicht auch noch nicht reif genug, mich mit sol­chen Gedan­ken­spielen zu beschäf­tigen. Das Pro­fi­ge­schäft wirkte noch viel zu weit weg. Und wie sich her­aus­stellte, war das nächste Jahr in der Regio­nal­liga sehr wichtig, um mich inner­lich auf den Pro­fi­fuß­ball vor­zu­be­reiten.

Auf Seite 2: Martin Wagner über Her­mann Ger­land und ein Video von seinem Frei­stoßtor im Pokal­fi­nale 1996

Wie wichtig war Ihr erster Trainer Her­mann Ger­land für Sie?

Martin Wagner: Er hat mir in jungen Jahren beim 1. FC Nürn­berg gezeigt, was es heißt Fuß­ball­profi zu sein. Wenn heute jemand sagt, Ger­land sei bär­beißig oder rau­beinig, muss ich sagen: Er ist das genaue Gegen­teil. Er bringt die Dinge nur klar und sach­lich auf den Punkt. Und er ist nah an der Mann­schaft. Schon in meinem ersten Trai­ning nahm er mich zur Seite und gab mir Tipps – ich hatte einige Stel­lungs­fehler begangen. Danach schenkte er mir Ver­trauen. Ich spielte gleich in der ersten Saison 30 Mal, schoss dabei sieben Tore. Als Links­ver­tei­diger wohl­ge­merkt.

Sie sagten einmal: Ich weiß, wie schwer es ist, nach oben zu kommen.“ Das klingt eher nach einem rake­ten­haften Auf­stieg.

Martin Wagner: So sieht es aus. Doch was ich vor allem meinte: Die wahre Kunst ist es, oben zu bleiben. Das heißt nicht: Ein­sätze bekommen. Das heißt: Auf Dauer zu spielen. Ich wollte mich jeden­falls stetig ver­bes­sern.

Sie sind aber auch nach unten gegangen. 1996 haben Sie den Abstieg mit dem 1. FC Kai­sers­lau­tern mit­ge­macht.

Martin Wagner: In erster Linie war es mir wichtig, Cha­rakter zu zeigen und Wie­der­gut­ma­chung zu betreiben. Ich denke, dass jeder Fuß­baller einen sozialen Auf­trag zu erfüllen hat. Es geht auch darum, den Fans die beste Leis­tung anzu­bieten – und das haben wir über eine gesamte Saison nicht getan.

Es heißt häufig: Wenn der 1. FC Kai­sers­lau­tern absteigt, stirbt eine Region. Wie zeigte sich das?

Martin Wagner: Du blick­test mit einem Mal in die Augen der Men­schen und spür­test, dass da was kaputt­ge­gangen war. Kin­der­augen, Augen von älteren Män­nern, von Frauen, jeden Tag. Das liegt natür­lich auch daran, dass Kai­sers­lau­tern eine sehr kleine Stadt ist und es vie­ler­orts fami­liärer zugeht als etwa in Nürn­berg. Genau des­halb habe ich mich ja stets so wohl­ge­fühlt in der Stadt. Doch in jener Zeit nach dem Bun­des­li­ga­ab­stieg sahst du wirk­lich an jedem Tag, an dem du vor die Tür gegangen bist, pure Ent­täu­schung. 

Heute wäre es den­noch kaum vor­stellbar, dass eine Mann­schaft bei einem Abstieg so zusam­men­bleibt wie der 1. FC Kai­sers­lau­tern anno 1996.

Martin Wagner: Immens wichtig war der Pokal­sieg kurz nach dem Abstieg. Schon im Finale gegen den KSC merkte man, dass die Spieler eine Sache, die sie ein Jahr lang nicht gut gemacht hatten, nun besser machen wollten. Karls­ruhe war eigent­lich als Favorit in die Partie gegangen, dann wurde auch noch Andi Brehme vom Platz gestellt – wir gewannen trotzdem. Der viel zitierte Team­geist. Außerdem war der Pokal­sieg aus finan­zi­eller Sicht wichtig. So konnten viele Spieler gehalten werden, die man unter nor­malen Umständen hätte ver­kaufen müssen.

Bekamen Sie denn keine Ange­bote?

Martin Wagner: Ich erhielt kurz nach dem Finale eine Anfrage von Vicenza Calcio, die gerade in die Serie A auf­ge­stiegen waren. Auch aus Eng­land und der Bun­des­liga lagen Ange­bote vor. Doch ich sah sie eher als Aner­ken­nung meiner Leis­tung. Einen Wechsel habe ich nie in Betracht gezogen, und das wusste auch mein Berater Jürgen Milewski.

Im Jahr nach dem Wie­der­auf­stieg holte der 1. FC Kai­sers­lau­tern über­ra­schend die Deut­sche Meis­ter­schaft. Sie sagten einmal, das sei der Anfang vom Ende gewesen. Wieso?

Martin Wagner: Mit dem wach­senden Erfolg stiegen die Ansprüche in der Vor­stands­etage. Spieler wie Mario Basler oder Youri Djor­kaeff wurden geholt, die natür­lich viel mehr ver­dienten als andere. Dafür wurden ältere und eta­blierte Spieler nicht mehr so behan­delt, wie sie es ver­dient hätten. 1999, also ein Jahr nach der Meis­ter­schaft, wurden wir in der Bun­des­liga Fünfter. Völlig okay, wie ich finde. Doch den Bossen reichte das nicht mehr. Kurz nach dem letzten Spieltag hieß es: Die Mann­schaft hat ver­sagt.“ Das fand ich schlichtweg unan­ge­messen.

Sie haben in vier­zehn Jahren Pro­fi­fuß­ball fast alles mit­ge­nommen: Welt­meis­ter­schaft, Pokal­sieg, Meis­ter­schaft, Abstieg, Auf­stieg, Cham­pions League. An wel­chen Moment denken Sie heute am liebsten zurück?

Martin Wagner: An mein letztes Spiel auf dem Bet­zen­berg. Wir spielten gegen den MSV Duis­burg und ich ging in der 65. Minute vom Feld. Auf einmal erhoben sich 40.000 Leute von den Sitzen – das war Gän­se­haut pur. Und ich hatte die Gewiss­heit, dass es all die Jahre keine ein­sei­tige Bezie­hung gewesen war. Dass nicht nur ich diesen Klub und die Fans lieben gelernt hatte, son­dern sie auch mich.

Sie haben einen A‑Trainerschein und sind zudem als Spie­ler­be­rater tätig. Wann kehren Sie denn an den Bet­zen­berg zurück?

Martin Wagner: Ich war bis vor einiger Zeit Coach der B‑Jugend des FV Ebers­weier, aktuell trai­niere in den Som­mer­fe­rien Jugend­liche in der Fuß­ball­schule Freu­den­stadt. Und ich merke, dass das genau mein Ding ist: Jugend­ar­beit. Doch ich hoffe tat­säch­lich, dass sich eines Tages der Kreis wieder schließt und ich zum FCK zurück­kehren kann. Am liebsten als U17- oder U18-Trainer. Irgend­wann in der Zukunft. Ich bin ja noch jung.