Die verrückte Saison des KV Mechelen

Im Nebel

Der belgische Traditionsverein KV Mechelen ertrinkt im Jubel und taumelt am Abgrund. Sportlich ist der Pokalsieger aufgestiegen, doch wegen Spielmanipulationen muss er in der zweiten Liga bleiben. Was macht das mit einem Klub und seinen Fans?

Jan Mulders
Heft: #
210

Anfang des Monats hat der Belgische Fußballverband dem KV Mechelen wegen Verstrickungen in einen Manipulationsskandal den Aufstieg in die erste Liga aberkannt. Der Verein hat gegen das Urteil Beschwerde eingelegt. Für 11FREUNDE #210 haben wir den Klub im Februar und März besucht. 

Irgendwann kommt immer der Punkt, an dem die Vrijbroekvrienden nicht mehr weiterwissen. Wenn die Mitglieder des Fanklubs davon erzählen, wie sie diese Saison erleben, fallen die Worte »Achterbahn« und »Unglaube«. »Das kann nicht sein, nicht bei unserem Klub!«, dachten die Fans, als das ganze Elend begann. Auch vom Zusammenhalt reden sie. Mannschaft und Fans, sagt jemand, hätten sich gegenseitig ins Schlepptau genommen. Trotzige Euphorie auf der einen, große Unsicherheit auf der anderen Seite.

Der belgische Traditionsverein KV Mechelen steht in dieser Saison vor dem Aufstieg in die erste Liga und im Pokalfinale. Gleichzeitig ermitteln Verbände und Behörden gegen den Klub wegen des Verdachts der Spielmanipulation. Wenn er sich erhärtet, steigt der Klub ab in die sportliche Bedeutungslosigkeit.

»Es wird schon irgendwas vorgefallen sein«

»Es wird schon irgendwas vorgefallen sein«, sagt Else und schaut ein bisschen betreten und zugleich ratlos. »Ja, aber was?«, antwortet Patrick. »Das kann man noch immer nicht sagen.« Wenn man kaum etwas sicher weiß, kommt schnell Hoffnung ins Spiel. »Ich denke, es ging um die Initiative einer einzelnen Person. Dafür kann man den Klub doch nicht bestrafen!« Es ist eine Art Mantra unter den Anhängern des 115 Jahre alten KV Mechelen: Der Vorstand ist sauber, und die schlimmen Bestechungsvorwürfe betreffen nur Dejan Veljkovic, diesen windigen Spielervermittler mit sehr viel Hausmacht im Klub. Ein Einzeltäter, der ohne Wissen des Vorstands handelte. Davon sind sie alle überzeugt. 

Foto: Jan Mulders

Alle, das sind in diesem Fall Patrick und seine Tochter Lina, Else, Kjell und Sven, allesamt Mitglieder der Vrijbroekvrienden, benannt nach dem Vrijbroekpark im Südwesten der Stadt. Das Café Tilt nebendran ist ihr Hauptquartier. Ein Holzofen bollert in der Ecke. Auf der einen Seite der Gaststube hängen Fotos und Wimpel. Ein Sammelsurium im Rot und Gelb von Malinwa, wie der KVM in flämischer Abwandlung seines alten französischen Namens Malinois genannt wird. Die Wand gegenüber gehört dem eigenen Rennradverein des Tilt. Das hier ist Belgien, wo die Sprachen ineinanderfließen und die Pedalritter den Kickern nicht kampflos das Feld überlassen.

»In Ordnung« ist ein relativer Zustand in Mechelen

Über dem Tresen thront ein selbstgebasteltes Modell des belgischen Pokals aus Silberpapier, geschmückt mit einem gelben Band. Es ist Anfang Februar. Vor drei Tagen, als der KV Mechelen das Halbfinale gewonnen hat, war der Cup mit im Fanblock. Am Zapfhahn steht die gute Seele des Ladens: Wirtin Roseke, 83 unverwüstliche Jahre alt, die nach Auswärtsspielen besorgt anruft, wenn der Bus des Fanklubs länger braucht als erwartet. »Ist alles in Ordnung?«, fragt Roseke dann, und ob sie das Café offen lassen soll oder endlich Feierabend machen kann.

In Ordnung, das aber ist ein ziemlich relativer Zustand in Mechelen. Seit einem Jahr ist nicht mehr viel in Ordnung. Die Vorwürfe um die Spielmanipulationen beginnen am 11. März 2018. An diesem Tag steht in der ersten belgischen Liga die letzte Runde an. Malinwa, in den späten Achtzigern Meister, Pokal- und Europacupsieger, ist Vorletzter, punktgleich mit der KAS Eupen, hat aber zwei Tore Vorsprung. Der Letztplatzierte steigt ab.