Die Wahr­heit liegt nur zwei Klicks ent­fernt. Kom­for­tabel und demo­kra­tisch finden das einige Men­schen und ver­künden allent­halben neue Zeit­alter. Alles ist abrufbar, alles über­prüfbar, alles veri­fi­zierbar, alles kopierbar und exem­pli­fi­zierbar. Und wer bis jetzt noch nicht wusste, warum es die Tasten Strg, c und v gibt, der kann es nach­schlagen. Digital ver­steht sich.

Auf­atmen können all die­je­nigen, die Sorge trugen, man könnte in Zukunft Fall­rück­zieher oder Über­steiger so ein­fach wie eine Dis­ser­ta­tion kopieren oder gar als App her­un­ter­laden. Die Wahr­heit liegt immer noch auf’m Platz, und die ist unver­fälscht – das wird jeden­falls behauptet. Dort, auf dem Rasen, sehe man genau, wer was wie und wo tut. Man muss bloß die Augen auf­ma­chen.

Wahr­heit im strg‑c und strg-v-Format

Blöd nur, wenn die Dinge auf’m Platz via tech­ni­scher Mittel in Appa­ra­turen gedrückt werden, in impo­sante und mul­ti­funk­tio­nale Bild­schirme, die sie Touch­screens nennen, in Video­be­weise, 3D-Abbil­dungen, in Chips, in diese Home­page hier, in das gesamte sich täg­lich updatende Media­markt-Uni­versum, wäh­rend neue Mode­ra­toren als Holo­gramm aus der Zukunft den Fuß­ball wie ein neues Leben feil­bieten. Als neue Geschichte, als ihre Geschichte.

Was bleibt in der Abbil­dung, ist die Inter­pre­ta­tion von Wahr­heit und nicht mehr das, was von Schieds­rich­tern ent­schieden oder von den Fuß­bal­lern gespielt wurde. Quasi eine Wahr­heit im strg‑c und strg-v-Format. Es ver­wun­dert kaum, dass die Alt­vor­deren und Fuß­ball-Tra­di­tio­na­listen immer wieder diesen Punkt anführen, wenn sie etwa Reden gegen den Video­be­weis oder die Tor­ka­mera schwingen: Die Technik bietet keine Wahr­heit! Sie ver­fälscht die Rea­lität!“ Und will man fair bleiben, muss man gestehen: Fuß­ball und Technik – das ging nie richtig gut. Ein Grund ist die seit jeher schwe­lende Skepsis von den Män­nern auf’m Platz gegen­über den Män­nern an Appa­ra­turen. Erin­nert sei hier an die WM 1950 und das Spiel Eng­land gegen die USA. Das Spiel endete 0:1 – eine große eng­li­sche Pres­se­agentur glaubte aller­dings an einen Über­mitt­lungs­fehler der Tel­ex­ma­schine. Die Zahlen, so die Annahme, seien ver­rutscht. Kur­zer­hand ver­schickte man ein neues Telex an die eng­li­schen Zei­tungen. Der Text lau­tete: Eng­land-USA 11:0, 29. Juni 1950“. Ein neuer Morgen, eine neue Geschichte. Ver­dammte Technik!

Technik, wo warst du, als man dich brauchte?

Und auch trotz Rio Fer­di­nand auf Twitter, Felix Magath auf Face­book, Lionel Messi auf You­tube oder Sebas­tian Hellman als Finger am Touch­screen, schwingt auch auch heut­zu­tage gele­gent­lich ein leichter Technik­hass im Fuß­ball mit. Marcel Reif ver­fluchte vor nicht so langer Zeit seinen Räus­per­knopf, nachdem er ver­gessen hatte, sel­bigen zu drü­cken. Manuell ver­steht sich. Und dann diese unnützen Über­set­zungs­tools aus dem Internet, die zuletzt aus Manuel Neuers Zitat Wer schwul ist, sollte sich outen“ die Nach­richt machten: Ich in homo­se­xuell und oute mich.“ Selbst als das Internet noch nicht zur Ver­fü­gung stand, konnte man zumin­dest das Fehlen dieser Technik ver­dammen. Wäre Abedi Pele je zu 1860 Mün­chen gewech­selt, wenn er mit zwei Klicks her­aus­ge­funden hätte, dass die Löwen nicht die Bayern sind? Technik, wo warst du, als man dich brauchte?

Am ver­gan­genen Wochen­ende druckte die spa­ni­sche Sport­zei­tung AS“ ein Bild, mit dem bewiesen werden sollte, dass Bar­ce­lonas Dani Alves vor dem 1:0 seiner Mann­schaft im Abseits gestanden habe. Was man wissen sollte: Die AS“ ist so etwas wie das Haus- und Hof­blatt von Real Madrid. Was man unbe­dingt wissen muss: Bil­baos Koikili – der Spieler, der das Abseits aufhob – wurde aus dem Bild retu­schiert. Mit Pho­to­shop. Zwei bis drei Klicks. Ein Spre­cher der Zei­tung ent­schul­digte sich nun öffent­lich für das zu stark bear­bei­tete Foto. Er nannte die Neu­ge­stal­tung des Bildes einen Fehler in der Com­puter-Grafik“. Da war sie also wieder: Die ver­dammte Technik. Und damit ein­her­ge­hend ein Fehler, den die Natur der Technik doch eigent­lich aus­schließen sollte.

Glück­li­cher­weise gibt es heut­zu­tage Men­schen, die solche Ver­fäl­schungen ent­larven, die gegen die moderne Technik und all ihre Aus­ge­burten zu Felde ziehen und die den Fuß­ball somit zurück auf’n Platz holen. Wie sie das machen? Im Internet natür­lich, auf Blogs oder in sozialen Netz­werken. Über eine aus­ge­feilte Technik.