Jakob Falk, als der Fan­kon­gress vor zwei Jahren statt­fand, war das große Schlag­wort Dialog“. Wir sieht es im Januar 2014 aus? Hat sich das Ver­hältnis zwi­schen Fans und Ver­bänden nor­ma­li­siert?
Als Mit­glied der AG Fan­be­lange treffe mich alle paar Wochen mit Ver­bands­funk­tio­nären, und ich kann sagen: In der Form des Dia­logs gibt es auf jeden Fall Fort­schritte. Ich finde auch, dass Andreas Rettig auf dem Fan­kon­gress eine sehr gute Rede gehalten hat, die viele wich­tige Punkte beleuchtet hat. Zudem hat es Herr Rettig geschafft, auf die Fans zuzu­gehen. Er ist hier nicht als der große Ver­bands­ver­treter auf­ge­treten, son­dern als inter­es­sierter Teil­nehmer, der von Anfang bis Ende bei Work­shops und Dis­kus­sionen aktiv teil­ge­nommen hat.

Es ist also alles in Butter?
So kann man es auch nicht sagen. Denn trotz alledem gehen wir in vielen Vor­stel­lungen noch weit aus­ein­ander. Bestes Bei­spiel: Die Sta­di­on­ver­bote. Zu dem Thema haben wir am Samstag aus­führ­lich mit Fan­an­wälten dis­ku­tiert, die den Fans die recht­li­chen Mög­lich­keiten erklärt haben. Und auch wenn Herr Rettig als DFL-Chef einen guten Ein­druck hin­ter­lassen hat, wissen die Fans, dass sich die Ver­bände jetzt nicht um 180 Grad drehen werden.

Neben dem Thema Sta­di­on­ver­bote wurde aus­giebig über das Ver­hältnis von Polizei und Fans gespro­chen. Auf einer Dis­kus­sion lud der Ber­liner Poli­zist Hans-Ulrich Hauck die Fans zur gemein­samen Nach­be­trach­tung eines Ein­satzes ein. Außerdem wurde Selbst­kritik geübt. Ist das ein erster Schritt zu Annä­he­rung?
Fans for­dern seit Jahren eine Abrüs­tung vor dem Sta­dion. Kurz: Sie wün­schen zum Bei­spiel, dass sie nicht von ver­mummten Poli­zisten mit her­un­ter­ge­las­senen Visieren begrüßt werden. Herr Hauck sieht das ähn­lich, und natür­lich begrüßen wir so eine Aus­sage. Aller­dings heißt das nicht, dass er für den Groß­teil der Polizei spricht. Denn die meisten Polizei-Gewerk­schaftler sehen das kom­plett anders. Seit 2012 gibt es eine neue Ein­satz­stra­tegie, und die ist eben nicht auf mehr Trans­pa­renz und Dees­ka­la­tion aus­ge­richtet, son­dern auf eine höhere Prä­senz und rigo­roses Durch­greifen.

Es wird dem­nach keinen runden Tisch mit Polizei und Fans geben?
Viel­leicht haben einige Leute erwartet, dass sich die Fans dia­log­be­reiter zeigen. Doch es hilft uns nicht, an der Rea­lität vor­bei­zu­gu­cken, und die sagt: Die meisten Fans lehnen den Dialog wei­terhin ab.

Welche Mei­nung haben Sie als Ver­treter von Pro Fans“ dazu?
Wir for­dern, die Posi­tionen der Fan­be­treuer und Fan­pro­jekt-Mit­ar­beiter zu stärken, also von Leuten, die ver­mit­telnd arbeiten. Es kann jeden­falls nicht sein, dass die Fan­ar­beiter am Sta­dion von Poli­zisten als nor­male Fans wahr­ge­nommen werden.

Am Sonntag wurde eben­falls über das Thema Anti-Dis­kri­mi­nie­rung“ dis­ku­tiert. Hätten Sie sich eine grö­ßere Kon­tro­verse gewünscht? 
Man muss keine Nazis ein­laden, um eine kon­tro­verse Dis­kus­sion zu haben. Und um eine Sache klar­zu­stellen: Es wurde kol­por­tiert, dass wir zum Bei­spiel die Aachener Karls­bande“ aus­ge­laden hätten. Das stimmt nicht. Die Gruppe hat sich nicht ange­meldet, ver­mut­lich mit der Vor­ah­nung, dass wir als Ver­an­stalter ein ernst­haftes Pro­blem damit gehabt hätten. Das wäre auch der Fall gewesen. Ich denke, dass im Publikum einige Leute saßen, die eine andere Mei­nung ver­treten, die sich aber nicht getraut haben, diese hier zu äußern. Für die Dis­kus­sion ist das natür­lich schade. Auf der anderen Seite wird so auch deut­lich, dass die große Mehr­heit in dieser Frage gleich tickt.

So ergab sich auf der Dis­kus­sion im Saal ein anti­ras­sis­ti­scher und anti­dis­kri­mi­nie­render Grund­kon­sens. Inwie­fern spie­gelt er die Kurven wider?
Das kann man nicht pau­schal beur­teilen. In Dort­mund hast du 25.000 Fans auf der Süd­tri­büne stehen. Im Ber­liner Olym­pia­sta­dion sind es über 7000. Das ist eine hete­ro­gene Masse, die nie­mals ein ver­bind­li­chen und mei­nungs­über­grei­fenden Banner an den Zaun hängen wird. Letzt­end­lich liegt es jetzt an den Szenen vor Ort, mit Gruppen zu spre­chen, die sich bis­lang als rechts­offen zeigten.

Haben Sie eine Erklä­rung dafür, dass die Rechts­of­fen­heit der Kurven in den ver­gan­genen Jahren viel sicht­barer geworden ist?
Ich finde nicht, dass sich sicht­barer geworden ist. Früher, in den acht­ziger Jahren, war sie das doch viel mehr.

Anders gefragt: Warum wird die Rechts­of­fen­heit der Kurven denn heut­zu­tage mehr dis­ku­tiert?
Weil Fans mehr Initia­tive ergreifen. Weil Fans die Öffent­lich­keit infor­mieren und ein­be­ziehen. Weil es zu Macht­ver­schie­bungen inner­halb der Kurve kommt, wenn jün­gere Fans gegen ältere Fans auf­mu­cken. Und wenn eine Gruppe mit einem anti­dis­kri­mi­nie­renden Selbst­ver­ständnis aus der Kurve geprü­gelt wird, ist das ein offener Kon­flikt, und natür­lich bewegt das die Öffent­lich­keit.

Pro­Fans“ begleitet also die Szenen in diesen Fragen?
Ganz kon­kret mischen wir uns nicht ein. Denn nach gewissen Vor­fällen man kann von allen Seiten halb­wegs glaub­wür­dige Berichte bekommen. Den­noch: Im Zweifel sind wir natür­lich auf der anti­dis­kri­mi­nie­renden und anti­ras­sis­ti­schen Seite.

Können Sie ein Bei­spiel nennen?
Wenn Fans glauben, ein anti­ras­sis­ti­sches Spruch­band gehört nicht ins Sta­dion, dann sehen wir das kom­plett anders.

Am Wochen­ende sorgte außerdem ein Brief des NRW-Innen­mi­nis­ters Ralf Jäger für Trubel. Ihr Kol­lege Sig Zelt sprach von einer Kampf­an­sage“. Wie bewerten Sie den Brief?
Wir fanden es schade, dass wir mit ihm nicht über die Posi­tionen dis­ku­tieren konnten. Aber wir wollen gerne auf das Dia­log­an­gebot ein­gehen, denn wir haben seinen Brief als Nach­richt an die Fans auf­ge­fasst. Daher haben wir seine Zitate („Straf­täter reisen quer durch Deutsch­land, pro­vo­zieren auf dem Weg zum Sta­dion Kra­walle und Aus­schrei­tungen“, d. Red.) kom­mu­ni­ziert. Dass das für so viel Wirbel bei den Ver­bänden gesorgt hat, kann ich nicht so richtig ver­stehen. Die Funk­tio­näre wissen doch genau, wie wir hier auf­treten: Wir sind hier Fan­ver­treter. Wenn wir einen Brief als Ver­an­stalter des Kon­gresses bekommen, sehen wir es als unsere Pflicht, diesen zu ver­öf­fent­li­chen.

Herr Falk, der Fan­kon­gress wurde von Fan-Aus­ein­an­der­set­zungen beim Test­spiel zwi­schen Schalke und Köln über­schattet. Ein Fan schwebte sogar in Lebens­ge­fahr. Welche Aus­wir­kungen hatte das auf den Kon­gress und Ihre Arbeit?
Wir haben davon am Samstag wäh­rend einer Podi­ums­dis­kus­sion erfahren und waren natür­lich sehr erschüt­tert. Es hat uns sehr erleich­tert, dass der Betrof­fene durch­kommen wird. Wir sind uns alle einig: Das darf ein­fach nicht vor­kommen. Aller­dings können die Vor­fälle den Kon­gress und unsere Arbeit nicht tan­gieren, denn wir wissen, dass wir diese Leute nicht errei­chen können. Wir fokus­sieren uns auf Jugend­liche, die sich anspre­chen lassen wollen. Die ein Inter­esse an einer krea­tiven und bunten Kurve haben. Des­wegen ist der Fan­kon­gress wichtig, wo Fans, Jour­na­listen, Wis­sen­schaftler und Ver­bands­ver­treter über mög­liche Frei­räume und Alter­na­tiven dis­ku­tieren.