Ewald Lienen, Sie waren einer der wenigen Profis, die sich in den acht­ziger Jahren poli­tisch enga­gierten. So gesehen müsste der FC St. Pauli, der als linker, nach Basis­de­mo­kratie stre­bender Klub gilt, Ihr Traum­verein sein?
Mir haben Freunde aus Ham­burg schon vor vielen Jahren gesagt: Ewald, Du und dieser Klub, das wäre die ideale Ver­bin­dung.“ Aber weder in meiner Zeit als Spieler noch als Trainer kam es zu einer Kon­takt­auf­nahme.

Aber jetzt sind Sie hier.
Letzt­lich muss ich als Trainer über­zeugt davon sein, eine Auf­gabe in Zusam­men­ar­beit mit den han­delnden Per­sonen bewäl­tigen zu können. Dieses Gefühl habe ich hier bei den Gesprä­chen sofort gehabt. Die gesell­schafts­po­li­ti­sche Aus­rich­tung steht dabei erst einmal im Hin­ter­grund, ist für mich aber eine zusätz­liche Moti­va­tion, um mich hier total will­kommen und an der rich­tigen Stelle zu fühlen. 

Die Freunde hatten also Recht mit der Aus­sage.
Ohne Frage: Dies ist ein Klub, der für Werte steht, die viele meiner Freunde und ich schon immer vor­be­haltlos unter­schrieben hätten. Es geht um die per­ma­nente Aus­ein­an­der­set­zung, ein tole­rantes und respekt­volles Mit­ein­ander in der Gesell­schaft und damit auch im Klub zu errei­chen. Damit sind Faschismus, Sexismus, Ableh­nung von Homo­se­xua­lität und so weiter, auto­ma­tisch Aus­rich­tungen, die wir im Verein vor­be­haltlos ablehnen und bekämpfen. Hier wird Demo­kratie mit allen Kon­se­quenzen aktiv gelebt. Wer das nicht ver­steht, hat den FC St. Pauli nicht ver­standen.

Der Klub und sein Anhang leben in der Über­ein­kunft, sich nicht allen Defor­ma­tionen des modernen Fuß­balls zu öffnen. Dem FC St. Pauli ent­gehen jähr­lich rund 2,5 Mil­lionen Euro, weil er sich wei­gert, den Sta­di­on­namen zu ver­kaufen, LED-Banden auf­zu­stellen oder die 15-minü­tige wer­be­freie Phase vor Anpfiff abzu­schaffen. Geld, das Sie für das Team gut gebrau­chen könnten.
Dieser Verein lebt auch davon und dadurch, dass man sich in einem Mei­nungs­bil­dungs­pro­zess, trotz einer Viel­falt unter­schied­li­cher Mei­nungen, auf eine bestimmte Aus­rich­tung geei­nigt hat. Als Spieler habe ich erfahren, wie ver­sucht wurde, mir mein Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung abzu­spre­chen. Des­halb gefällt es mir, dass man hier Struk­turen immer wieder hin­ter­fragt und sich mit neuen und abwei­chenden Mei­nungen unauf­ge­regt aus­ein­an­der­setzt. Das ist das Wesen der Demo­kratie und damit bleibt man frei, hand­lungs­fähig und bereit für Ver­än­de­rungen.

Fürchten Sie nicht, in einer Zeit, in der Klubs wie RB Leipzig mit dem Geld von Inves­toren nach oben gespült werden, den Anschluss zu ver­lieren?
Natür­lich würde es aus sport­li­cher Sicht Sinn machen, Geld zu gene­rieren, aber beim FC St. Pauli muss dies eben auf sozi­al­ver­träg­liche Weise pas­sieren und ohne unsere grund­sätz­li­chen Werte über Bord zu schmeißen. Die bedin­gungs­lose Ver­knüp­fung mit einem oder meh­reren Inves­toren kann wirt­schaft­lich reiz­voll sein, aber in anderer Hin­sicht auch die eigene Hand­lungs­frei­heit massiv ein­schränken.