Es war wohl Uwe Lei­feld, der dem VfL Bochum end­gültig sein Image ver­passt hat. Im Mai 1990 schoss der Sohn eines Müns­te­raner Metz­ger­meis­ters den Revier­klub mit einem Tor im Rele­ga­ti­ons­spiel gegen 1. FC Saar­brü­cken zum Klas­sen­er­halt in der Bun­des­liga. Bochum war mal wieder gerettet. Fortan spra­chen alle aus, was ohnehin offen­sicht­lich war. Der VfL Bochum war: Unab­steigbar“. Ein Image das sich der Klub in 20 Jahren Bun­des­li­ga­zu­ge­hö­rig­keit hart erar­beitet hatte. Einmal, 1979, been­dete der VfL Bochum die Saison als Achter. Meis­tens aber ging es nur gegen den Abstieg. Spieler wie Michael Ata“ Lameck, Her­mann Tiger“ Ger­land oder Lothar Woelk machte der Abstiegs­kampf zu Helden. Unab­steigbar“, das war damals aber auch ein will­kom­mener Euphe­mismus für den exis­ten­zi­ellen Über­le­bens­kampf des Bun­des­liga-All­tags.

21 Jahre nach dem Rele­ga­ti­ons­spiel gegen Saar­brü­cken­später ist Uwe Lei­feld mitt­ler­weile als Scout für den VfL Bochum tätig. Und der Verein selber spielt mal wieder in der Rele­ga­tion um die Zuge­hö­rig­keit zur Bun­des­liga. Fast könnte also der Ein­druck ent­stehen, dass sich nichts geän­dert hat bei den Unab­steig­baren“. Fast könnte man meinen, dass sich der VfL Bochum auch in den letzten 20 Jahren ähn­lich spek­ta­kulär vor dem Abstieg gerettet hat, wie Greu­ther Fürth vor dem Auf­stieg. Auch ein Blick in die Schlag­zeilen der ver­gan­genen Jahre legt diese Ansicht nahe. Die Unab­steig­baren zum Siegen ver­dammt“, titelte der Sport-Infor­ma­tions-Dienst – im April 2010. Die Unab­steig­baren bli­cken in den Abgrund“, schrieb die Frank­furter Rund­schau“ im Mai 2009. In Wahr­heit war der VfL Bochum damals aber schon längst nicht mehr unab­steigbar“.

Der Mythos der Unab­steig­baren“ hatte sich schnell erle­digt

Was Ata“ Lameck und Co. in den Acht­zi­gern noch mit auf­se­hen­er­re­gendem Drama gelang, war später anschei­nend unmög­lich: Die Klasse halten. Länger als vier Jahre hielt es der Revier­klub seit dem ersten Bun­des­li­ga­ab­stieg nie in der ersten Liga aus. Denn nachdem der VfL 1993 doch abstieg, hatte es sich mit dem Mythos von den Unab­steig­baren“ ganz schnell erle­digt. Dem Abstieg 1993 folgten der Abstieg 1995, der Abstieg 1999, der Abstieg 2001, der Abstieg 2005 und zuletzt der Abstieg 2010. Sechs Abstiege in 18 Jahren. Keine andere Mann­schaft musste sich in den letzten Jahren so oft umstellen. Von Schalke auf Saar­brü­cken, von Bayern auf 1860, von Dort­mund auf Dresden. Aber auch keiner anderen Mann­schaft gelang so oft der direkte Wie­der­auf­stieg. Die Fans des VfL Bochum haben es in einem ihrer Gesänge auf den Punkt gebracht: Wir steigen auf, wir steigen ab, und zwi­schen­durch UEFA-Cup!“ Das Leben zwi­schen den Ligen – beim VfL Bochum längst Alltag.
Warum also halten immer noch so viele am Label der Unab­steig­baren“ fest, wo doch eigent­lich längst klar ist, das der VfL Bochum vieles sein mag, aber sicher­lich nicht unab­steigbar“?

Es liegt sicher­lich weniger daran, dass der Revier­klub“, auch bekannt als graue Maus“ oder Fahr­stuhl­mann­schaft“ einen Mangel an einem alter­na­tiver Spitz­namen leidet. Bloß sind die Meisten wenig schmei­chel­hafte Umschrei­bungen für einen Verein, der eigent­lich immer im mil­lio­nen­schweren Schatten von Borussia Dort­mund und Schalke 04 steht. Unab­steigbar“ war etwas Eigenes. Etwas, dass Schalke und Dort­mund nicht hatten. Eine Leis­tung, mit der sich Fans und Funk­tio­näre des Klubs iden­ti­fi­zieren konnten. Und es auch gerne taten. Denn wenn jemand von den Unab­steig­baren“ sprach, weckte das sofort Asso­zia­tionen von wider­spens­tigen Gal­liern, vom edlen letzten Mohi­kaner oder an das A‑Team, das seinen Ver­fol­gern immer im letzten Moment ent­wischt. Der VfL Bochum – der Han­nibal Smith unter den Fuß­ball­klubs.

Bochum: Der Han­nibal Smith unter den Fuß­ball­klubs

Trotzdem sollten sich Verein und Medien 18 Jahre nach dem ersten Bun­des­liga-Abstieg langsam den Rea­li­täten des Jahres 2011 zuwenden. Der in den Sieb­zi­gern und Acht­zi­gern ent­stan­dene Mythos von den Unab­steig­baren“ ging in den Neun­zi­gern und Zwei­tau­sen­dern baden. In der dieser Zeit ent­stand aber eine neue Legende. Bei­nahe unbe­merkt von der Öffent­lich­keit wuchs in Bochum ein unge­liebtes Kind heran, dem man wohl am besten mit dem Namen Die Unnicht­wie­der­auf­steig­baren“ gerecht wird. Die Auf­stiege der Unnicht­wie­der­auf­steig­baren“ sind nicht selten ähn­lich unter­haltsam wie Abstiegs­kämpfe der Unab­steig­baren“. 2002 etwa schoben sich Peter Neuru­rers Bochumer in einem dra­ma­ti­schen Finale kurz vor der Ziel­linie an Mainz 05 vorbei.

Und auch die aktu­elle Saison birgt Stoff für gute Geschichten. Schließ­lich schien das Pro­jekt“ Wie­der­auf­stieg schon im November geschei­tert, als Fried­helm Fun­kels Team nach einer 1:4‑Niederlage beim FC Ingol­stadt auf Platz 12 abrutschte. Spie­le­risch war die fol­gende Auf­hol­jagd, mit­samt einer Serie von neun Siegen in Folge, zwar meis­tens nicht son­der­lich sehens­wert. Glück­liche Siege wie zuletzt am vor­letzten Spieltag gegen den VfL Osna­brück ließen schon fast den Ver­dacht auf­kommen, dass der siebte Bun­des­li­ga­auf­stieg des VfL Bochum Teil eines wich­tigen gött­li­chen Plans sein muss. Aber es hat schließ­lich funk­tio­niert. Und wenn die einst­mals Unab­steig­baren“ es schaffen, heute Abend gegen Borussia Mön­chen­glad­bach wieder mit einer Mischung aus fun­kel­schem Ergeb­nis­fuß­ball und tran­szen­den­taler Hilfe zu punkten, dann wird er viel­leicht langsam lebendig. Der Mythos von den Unnicht­auf­steig­baren“.