Die unend­liche Geschichte um Roman Wei­den­feller und der Natio­nal­mann­schaft beginnt im Früh­ling 2005. Wei­den­feller hat sich gerade bei Borussia Dort­mund zum Stamm­tor­hüter gemau­sert und hofft, auf den Zug für Heim-WM 2006 auf­springen zu können. Dass Joa­chim Löw, damals noch Assis­tent des Bun­des­trai­ners Jürgen Klins­mann, den Dort­munder Schluß­mann im Inter­view Wei­den­felder“ nannte? Kein Pro­blem. Im Inter­view mit der Welt ver­kündet Dort­munds Nummer Eins: Nach der WM wird es auf der Tor­wart­po­si­tion einen großen Ein­schnitt geben – und das spricht für mich.“

Kon­kur­rent Stefan Wes­sels

Das nächste Kapitel erzählt vom Team 2006“, diesem Hoff­nungs-Sumpf eines Per­spek­tiv­teams. Denn auch für diese Aus­wahl­mann­schaft wird Wei­den­feller nicht nomi­niert. Vor einem Spiel gegen die A2-Natio­nal­mann­schaft der Türkei lässt er im Sep­tember 2005 seinem Frust freien Lauf: Ich bin sehr über­rascht, dass ich nicht mal zum Kader gehöre.“ Trainer Erich Rutem­öller aller­dings ver­tei­digt seine Wahl, die auf Simon Jent­zsch und Stefan Wes­sels fällt: Wes­sels hat in den ersten drei Bun­des­liga-Spielen gut gehalten.“ Zu diesem Zeit­punkt erfährt Wei­den­feller erst­mals auch deut­lich ver­nehm­bare Rücken­de­ckung aus seinem Verein. Sport­di­rektor Michael Zorc etwa meinte: Es gibt keinen Tor­wart, der sich so positiv ent­wi­ckelt hat wie Wei­den­feller. Ich sehe ihn spä­tes­tens 2008 als Nummer eins der Natio­nalelf.“ Stefan Wes­sels spielt 2008 beim VfL Osna­brück.

Doch die öffent­liche Kritik der Dort­munder scheint Früchte zu tragen. Im Sep­tember 2006 – inzwi­schen war Löw vom Assis­tenten zum Bundes-Jogi“ auf­ge­stiegen – bestä­tigt dieser, dass Wei­den­feller vor den anste­henden Kra­cher-Spielen gegen Geor­gien und die Slo­wakei aller Wahr­schein­lich­keit nach“ im Kader der Natio­nal­mann­schaft stehen werde. Natür­lich müsse man sich vor der Nomi­nie­rung noch­mals mit Tor­wart­trainer Andreas Köpke beraten, denn der beob­achtet und ana­ly­siert die Tor­hüter per­ma­nent“. Mit der Wahr­schein­lich­keit ist das bekannt­lich so eine Sache. Und so wartet Wei­den­feller auch im Herbst 2006 ver­geb­lich auf seine Nomi­nie­rung.

In den nächsten Jahren wird es in Sachen Weidenfeller/​Nationalmannschaft wieder etwas ruhiger. Robert Enke hat sich zunächst hinter Jens Leh­mann eta­bliert, ehe dieser seinen Rück­tritt ver­kündet. Tim Wiese wird eben­falls regel­mäßig berufen. Bald folgten die Jahr­hun­dert­be­ga­bungen Manuel Neuer und René Adler und treten ins Ram­pen­licht, um als­bald den Kampf um die Nummer eins auf­zu­nehmen.

Im Sommer 2009 jedoch soll sich für Wei­den­feller wieder eine Chance ergeben. Bre­mens Tim Wiese und Lever­ku­sens René Adler stehen sich im DFB-Pokal-Finale gegen­über, Manuel Neuer ist fest für die U21-EM ein­ge­plant, und Robert Enke droht mit Han­nover in die Rele­ga­tion gehen zu müssen. Für die anste­hende Asien-Reise des DFB rückt also wieder mal Wei­den­feller in den Fokus, den der Bun­des­trainer laut eigener Aus­sage nie ver­loren hat: Roman Wei­den­feller spielt gut. Er ist in der engeren Wahl.“ Klingt nach Damen­wahl. Zum Tanz bleibt Wei­den­feller dann aber unauf­ge­for­dert.

Köpke scoutet Nikolov

Die Situa­tion ändert sich auch in der kom­menden Saison nicht. Wei­den­feller tut, was ratsam scheint, hält sich mit Äuße­rungen zunächst vor­nehm zurück, um seinen stärksten Befür­worter spre­chen zu lassen: seine Leis­tung. Denkt zumin­dest Wei­den­feller. Doch irgend­wann im Laufe der Spiel­zeit 2009/10 däm­mert ihm: Ohne Lobby beim DFB wird der Traum von der Natio­nal­mann­schaft uner­füllt bleiben. Beson­ders in Tor­wart­trainer Andreas Köpke scheint er keinen aus­ge­machten Freund gefunden zu haben. So kri­ti­siert er dessen Arbeits­weise: Wenn ich schon zu Beginn des Schul­jahres weiß, wer Klas­sen­bester wird, brauche ich auch keine Prü­fungen mehr zu schreiben. Des­halb ist es auch aus Köpkes Sicht nur kon­se­quent, sich das Duell zwi­schen Oka Nikolov und Jörg Butt anzu­schauen.“ Und nicht etwa das zugleich statt­fin­dende Duell zwi­schen Wei­den­fel­lers Dort­mund und René Adlers Lever­kusen.

Richtig Fahrt nimmt die unend­liche Geschichte schließ­lich mit dem ein­set­zenden Höhen­flug des BVB auf. Nach deren Erfolgen zollt schließ­lich auch die Kon­kur­renz aus Bayern ihren Respekt. So sagt Jupp Heynckes im Winter 2012: Ich weiß nicht, was der Junge noch alles machen muss, um mal inter­na­tional zu spielen. Wer zweimal hin­ter­ein­ander deut­scher Meister geworden ist, Pokal­sieger, der ist ein Tor­wart, der es ver­dient hat, auch inter­na­tional einmal zu spielen.“ Jogi Löw ant­wortet prompt und wenig über­ra­schend: Ich habe Wei­den­feller nie aus meinem Notiz­buch gestri­chen. Am Ende ent­scheidet allein die Leis­tung.“ Manch einer fragt sich da schon, ob Löw sein Notiz­buch viel­leicht ein­fach ver­legt hatte?

Als die unend­liche Geschichte um eine Nomi­nie­rung Wei­den­fel­lers zu Beginn dieser Saison erneut auf­kocht, scheint Löw sein Notiz­buch wie­der­ge­funden zu haben. Zumin­dest den Teil mit den Stan­dard-Phrasen zur Tor­hü­ter­frage: Roman Wei­den­feller steht auf unserer Liste und wird in den nächsten Wochen genau beob­achtet.“

Happy End?

Inzwi­schen hat es bekannt­lich tat­säch­lich für eine Nomi­nie­rung gereicht. Löw begründet seine Ent­schei­dung wie folgt: Wir haben seine kon­stant starken Leis­tungen für Borussia Dort­mund in der Bun­des­liga und der Cham­pions League regis­triert. Wir freuen uns darauf, ihn nun bei uns zu haben und näher ken­nen­zu­lernen.“ Worte, die man nicht oft hört über einen Spieler, der seit 2005 immer wieder mit der Natio­nalelf in Ver­bin­dung gebracht wird.

Roman Wei­den­feller wusste es schon 2005: Meine Zeit wird kommen.“ Die Sache ist nur: Viel Zeit bleibt nicht mehr. Wei­den­feller ist inzwi­schen 33 Jahre alt.