Metin Tolan, heute Abend beginnt die Cham­pions League. Auf wel­chen Klub sollten wir als Sieger tippen?
Ganz ein­fach: Geld schießt Tore. Das ist mathe­ma­tisch nach­weisbar. Sie müssen also auf die Mann­schaft mit dem höchsten Markt­wert bei trans​fer​markt​.de“ setzen. Eine klare Hand­lungs­an­wei­sung für Ihre Leser (lacht).

Am Ende gewinnt also der FC Bar­ce­lona oder Real Madrid, die sich gerade für Unsummen mit Neymar und Gareth Bale ver­stärkt haben?
Ja. Madrid steht auf einer Stufe mit Bar­ce­lona. Dahinter kommen Bayern Mün­chen und der FC Chelsea. Vor allem die Bayern haben mächtig auf­ge­holt in den letzten Jahren.

2010 ver­öf­fent­lichten Sie das Buch So werden wir Welt­meister“, in dem Sie mit Hilfe einer Formel vor­her­sagten, dass Deutsch­land die WM 2010 gewinnt. Was ist da schief gelaufen?
Nichts, solange ich hin­terher erklären kann, warum meine Pro­gnose nicht gestimmt hat. Das darf man nicht zu ernst nehmen. Meine WM-For­meln sind wie das berühmte Zitat von Gary Lineker: Am Ende gewinnt immer Deutsch­land. Stimmt ja auch nicht immer.

Auch vor dem EM 2012 sagten Sie, dass die Natio­nalelf tri­um­phieren wird. Ihre Vor­her­sagen sind nicht gerade zuver­lässig. Warum?
Sepp Her­berger hatte absolut recht, als er sagte: Die Leute gehen zum Fuß­ball, weil sie nicht wissen, wie es aus­geht.“ In anderen Worten: Der Zufall spielt eine zu große Rolle. Fuß­ball ist wie ein Wür­fel­spiel – zum Glück. Darum lieben wir den Fuß­ball, denn so bleibt er span­nend.

Ist der Zufall im Fuß­ball größer als in anderen Sport­arten?
Ja. Fuß­ball ist der unbe­rech­barste Sport der Welt. Das liegt daran, dass so wenig Tore fallen. Und selbst Franck Ribery braucht Glück, um ein Tor zu erzielen. Bei­spiel: Ein Schuss aus 16 Metern hat eine Höhen­streuung von 50 Zen­ti­me­tern – das kann ein Spieler kaum beein­flussen. Die Latte hat zum Ver­gleich einen Durch­messer von zwölf Zen­ti­me­tern. Nicht einmal Europas Fuß­baller des Jahres kann so genau zielen.

Mit­unter for­dern Stimmen, zugunsten von mehr Straf­raum­szenen und Toren die Abseits­regel abzu­schaffen oder gar die Tore zu ver­grö­ßern. Wie würden Sie ant­worten?
Geht zum Tennis! Dort wird um enorm viele Punkte gespielt. Des­wegen ist es die fairste Sportart der Welt. Der Fuß­ball lebt davon, dass auch ein objektiv schlech­teres Team den Favo­riten schlagen kann. In Spielen mit vielen Punkten oder Toren ist es fast undenkbar, dass der Tabel­len­letzte den Ersten schlägt. Beim Hand­ball und Bas­ket­ball gewinnt des­halb fast immer die stär­kere Mann­schaft, auch wenn sie nur minimal besser ist.

Trotzdem spielen in der Königs­klasse fast jede Saison die­selben Mann­schaften um den Wan­der­pokal.
Genau da liegt das Pro­blem der Cham­pions League: Die Gelder der Königs­klasse sind die Toten­gräber der natio­nalen Ligen. Es lässt sich sta­tis­tisch belegen, dass der Markt­wert einer Mann­schaft den Erfolg bestimmt. Geld, das von außen kommt, ver­zerrt also nach­weis­lich die natio­nalen Wett­be­werbe.

Ist ein gutes Abschneiden der deut­schen Mann­schaften in der Cham­pions-League dem­nach schlecht für die Attrak­ti­vität der Bun­des­liga?
Gut zu sehen ist das momentan in Mün­chen: Bayern ist derart über­laden mit talen­tierten Spie­lern, dass Pep Guar­diola zwei hoch­klas­sige Mann­schaften auf den Platz stellen könnte. Irgend­wann stellen sich Fans nicht mehr die Frage, ob ihr Klub gegen Bayern gewinnen kann, son­dern nur noch, wie hoch er ver­liert. Aber das gilt nicht nur für die Gelder aus der Cham­pions League: In der Bun­des­liga spielt mit der TSG Hof­fen­heim ein Dorf­verein aus einem Ort, der in etwa so groß ist wie mein Hei­matort Len­sahn in Ost­hol­stein (Der Stadt­teil Hof­fen­heim hat rund 3300 Ein­wohner, d. Red.). Von einem fairen Wett­be­werb kann da gar keine Rede sein.

Dem­ge­gen­über haben sich die Fifa und die FA ent­schlossen, den Fuß­ball gerechter zu machen: Die Pre­mier League hat in dieser Saison das Hawk-Eye“ ein­ge­führt und auch bei der WM 2014 kommt erst­mals Tor­tech­no­logie zum Ein­satz. Wie beur­teilen Sie diese Ent­schei­dungen?
Die Physik hat den Ruf eine sehr exakte und strin­gente Wis­sen­schaft zu sein. Gerade des­wegen bin ich ein abso­luter Gegner elek­tro­ni­scher Hilfs­mittel auf dem Platz. Bei jeder Mes­sung gibt es eine Feh­ler­to­le­ranz und eine exakte Tor­ent­schei­dung kann von Sekun­den­bruch­teilen und Mil­li­me­tern abhängen. Es ist phy­si­ka­lisch gesehen oft ein­fa­cher, einen Men­schen auf den Mond zu schießen, als fest­zu­stellen, ob ein Ball wirk­lich exakt hinter der Linie war oder nicht! Weder ein Chip im Ball noch eine Kamera garan­tieren eine feh­ler­freie Mes­sung. Bloß, weil ein Lämp­chen leuchtet und alle behaupten, dass der Ball drin war, muss es noch lange nicht stimmen. Durch die Ein­füh­rung von Tor­tech­no­logie erhalten wir ledig­lich die Illu­sion von Gerech­tig­keit, die im Fuß­ball sowieso keiner will.

Befür­worter halten dagegen, dass eine elek­tro­ni­sche Mes­sung allemal genauer ist als das mensch­liche Auge.
Aber das ist kein Grund, sich mit feh­ler­be­haf­teten Mes­sungen zufrieden zu geben. Zumal Schieds- und vor allem Lini­en­richter schier unglaub­lich gute Leis­tungen bringen.

Das hört man eher selten. Von Schieds­rich­ter­ent­schei­dungen ist immer nur die Rede, wenn sie falsch waren.
Abseits­ent­schei­dungen im Sport­studio“ mit einem Stand­bild zu kri­ti­sieren, ist unterste Schub­lade. In Wirk­lich­keit sind die Lini­en­richter die Ein­zigen auf dem Platz, die die Gesetze der Physik und der Bio­logie außer Kraft setzen.

Inwie­fern?
Abwehr­spieler und Angreifer bewegen sich in ent­ge­gen­ge­setzte Rich­tungen mit bis zu zehn Metern pro Sekunde. Das mensch­liche Auge braucht hin­gegen eine Zehntel-Sekunde, um einen Seh­ein­druck zu ver­ar­beiten. Soll heißen: Mit bloßem Auge können Lini­en­richter eine Abseits­stel­lung eigent­lich erst erkennen, wenn ein Stürmer bei der Ball­ab­gabe min­des­tens einen Meter im Abseits steht. Es dürfte daher nur etwa eine von zehn Abseits­ent­schei­dungen richtig sein. Erstaun­li­cher­weise machen die Lini­en­richter aber nur einen Fehler bei zehn Ent­schei­dungen. Sie erahnen die Bewe­gungen der Spieler im Voraus. Unsere Lini­en­richter setzen mit ihrer Erfah­rung die Natur­ge­setze außer Kraft!

Wie kann die Kenntnis der Natur­ge­setze den Spie­lern helfen?
Im Schnell­durch­lauf: Der per­fekte Ein­wurf hat einen Winkel von 30 Grad, bei einem Weit­schuss muss der Ball einen Rück­wärts­drall haben und eine Not­bremse lohnt sich erst ab der 56. Minute.

Wieso genau zu diesem Zeit­punkt?
Sta­tis­tisch bekommt eine Mann­schaft, die neunzig Minuten in Unter­zahl spielt, mehr als ein Gegentor. Es lohnt sich also nicht, eine Not­bremse in der fünften Minute anzu­setzen, weil dann der Gegner in Über­zahl ver­mut­lich noch zwei Tore erzielt. Aber in der zweiten Halb­zeit lohnt sich eine Not­bremse in der Regel. Das gilt erst recht für die Schluss­phase: Da sollten sie alles umsä­beln, was Ihnen in die Quere kommt – solange sie keinen Straf­stoß ver­ur­sa­chen.

In der K.o.-Phase der Cham­pions League gleicht das Elf­me­ter­schießen einer Mil­lio­nen­lot­terie. Können Sie sagen, welche Ecke die rich­tige ist?
Gene­rell sollte ein Spieler bei einem Elf­meter ver­su­chen, halb­hoch in die Ecke zu schießen. Dorthin kann ein Tor­wart nie­mals kommen, wenn der Schütze den Ball mit den durch­schnitt­li­chen 100 km/​h tritt. Beim Elf­me­ter­schießen sollte der beste Schütze zuletzt antreten, weil der Druck dann am Höchsten ist. Mit der Ver­wand­lung des ersten Elf­me­ters steigt die Sie­ges­wahr­schein­lich­keit gerade einmal um fünf Pro­zent – da können sie den Sekt noch im Kühl­schrank lassen.

Welche Tipps haben sie für die Keeper parat?
Viele Tor­hüter spe­ku­lieren auf eine Ecke. Das ist ein Fehler: Die Chance, einen Ball zu halten, ist viel höher, wenn sich der Tor­wart auf seine Reflexe ver­lässt. Beson­ders, wenn er noch ein biss­chen schum­melt und einen Schritt nach vorne geht. So wie Jens Leh­mann bei der WM 2006 gegen Argen­ti­nien. Das sehen die Schieds­richter sowieso nicht.

Und wenn jemand härter als 100 km/​h schießt? Ronny von Hertha BSC soll in der por­tu­gie­si­schen Liga einmal einen Frei­stoß mit annä­hernd 210 km/​h geschossen haben.
Bei Wiki­pedia wird das immer noch als der schnellste Schuss aller Zeiten gefeiert. Aber das ist totaler Unsinn – es ist phy­si­ka­lisch unmög­lich, so hart zu schießen. Ich hab das Tor bei You­tube“ selbst gesehen und nach­ge­rechnet: Ronny schießt mit unge­fähr mit 100 bis 110 km/​h. Kein Mensch kann härter schießen als seine vier­fache Anlauf­ge­schwing­keit. Das Maximum liegt also bei 120 bis 130 km/​h. Hätte ein Mensch einen Schuss mit 210 Stun­den­ki­lo­me­tern abgeben wollen, müsste er mit mehr als 50 km/​h anlaufen – und selbst Usain Bolt hat es bei seinem Fabel-Welt­re­kord nur auf 45 geschafft.