Die Erzäh­lung von Kevin-Prince Boateng stammt aus 11FREUNDE #221. Das Heft über die Kraft des Fuß­balls mit unzäh­ligen wei­teren Anek­doten von u.a. Chris­tian Streich, Chris­toph Kramer, Hansi Flick, Robin Gosens und vielen wei­teren Spie­lern und Trai­nern gibt es bei uns im Shop.

Als ich den DFB-Pokal 2018 in den Himmel über Berlin reckte, der Stadt, in der ich geboren bin, hatte ich meinen Frieden gemacht. Meinen Frieden mit meiner Heimat. Mit Deutsch­land. Lange Jahre war ich mir vor­ge­kommen wie ein Ver­sto­ßener. Ich wurde weg­ge­jagt, kam zurück, war als der böser Junge ver­schrien, als Trou­ble­maker. Ich hatte den Ein­druck, dass die Men­schen in dem Land, in dem ich auf­ge­wachsen bin und das ich liebe, nichts Posi­tives mit mir ver­banden. Oft hatte ich gesagt, dass es mir egal ist, was Leute denken. Aber mir wurde klar, dass das nicht stimmt. Denn ich bin kein schlechter Mensch, und ich möchte, dass meine Kinder, wenn sie mich goo­geln, stolz auf mich sein können.

Auch als ich 2017 in Frank­furt unter­schrieb, hieß es: Ein­tracht holt den Bad Boy.“ Mir war bewusst: Diese Stimmen werden erst ver­stummen, wenn ich sie mit Erfolgen über­zeuge. Mit etwas, das bleibt! Erst dann würde alles, was vorher war, ver­gessen sein. Wie bei einer Taufe!

Unter Niko Kovac spielten wir eine her­aus­ra­gende Saison, doch im April kam raus, dass er zu den Bayern wech­selt. Ein ungüns­tiger Zeit­punkt, um als Team nicht aus­ein­an­der­zu­bre­chen. Mir war sofort bewusst, dass wir nun nicht nach­lassen dürfen. Dass wir nicht für den Trainer spielen, son­dern für uns und den Verein. Zu Niko sagte ich: Ich bin stolz, dass du die Chance beim FC Bayern kriegst, denn du kommst aus meiner Gegend, wir sind ähn­lich auf­ge­wachsen. Aber wir müssen die Sache hier ver­nünftig zu Ende bringen!“

Dann ver­lieren wir das Ding ent­weder 0:5 – oder holen den Pott“

Wir hatten die ganze Saison 5−3−2 oder 5−2−3 gespielt – und waren gut damit gefahren. Aber gegen die Bayern, die auf allen Posi­tionen besser besetzt waren, würde es mit dieser Taktik nichts werden. Zwei Wochen vorm Finale sprach ich Niko an: Lass uns nicht auf Sicher­heit gehen, lass uns was ris­kieren, lass uns 4−3−3 spielen. Dann ver­lieren wir das Ding ent­weder 0:5 – oder holen den Pott.“ Er klang nicht über­zeugt, musste erst mal über­legen. Aber ein paar Tage später stellten wir im Trai­ning plötz­lich um: auf 4−3−3. Unser Plan war, gut zu stehen und die Bayern dann mit schnellen Bällen in die Spitze aus­zu­kon­tern.

Als wir unmit­telbar vorm Match im Tunnel standen, sagte Ante Rebic den berühmten Satz zu mir: Bruder, schlag den Ball lang.“ Frei nach dem Motto: Wenn du die Kugel hast, fackel nicht lang, hau das Ding in die Mitte. Und das klappte im Spiel nahezu per­fekt. Wir haben uns von Beginn an super ver­standen. Viel­leicht weil wir wussten, dass bei Typen wie uns immer Explo­si­ons­ge­fahr besteht. Über­haupt hatten wir in der Saison 2017/18 einen Team­geist, den ich so nie zuvor erlebt hatte. Im Sommer waren zehn neue Spieler nach Frank­furt gekommen, viele konnten kein Wort Deutsch. Das hätte auch nach hinten los­gehen können. Aber da war dieser gut­ge­launte Mul­ti­kulti-Groove, der uns durch die Spiel­zeit trug. Gegen ein Team, das so funk­tio­niert, braucht jeder Gegner großen Hunger. Und den hatten die Bayern nicht. Wir gewannen das Match mit 3:1. Und ich machte meinen Frieden mit Deutsch­land. Mit dem ersten Titel der Ein­tracht, dreißig Jahre nach dem letzten Erfolg im DFB-Pokal. Mit etwas, das bleibt! Wie bei einer Taufe.

Dfb pokal 2018 2641 Kopie RZ
Tim Peu­kert