Franz Roth, am 12. Mai 1976 gewannen Sie mit dem FC Bayern Mün­chen zum dritten Mal in Folge den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister durch ein 1:0 gegen AS St. Eti­enne. Die eng­li­sche Daily Mail“ schrieb: Jetzt gehört der höchste Preis dem Fuß­ball-Para­siten.“
Ach, die Eng­länder waren doch nur nei­disch. Viel­leicht war St. Eti­enne damals tat­säch­lich die bes­sere Mann­schaft, aber das war doch ein Finale, und wir haben schließ­lich gewonnen, oder?

Tat­säch­lich sogar durch ein Tor von Ihnen.
20 Meter vor dem Tor bekamen wir einen Frei­stoß zuge­spro­chen. Der Franz (Becken­bauer, d. Red.) legte mir den Ball auf und ich zog ein­fach ab. Bumm – Tor!

Kein Effet, kein Frei­stoßtrick?
Ach was! Ein­fach voll drauf und an der Mauer vorbei. Wenn der Keeper da die Finger hin­hält, fliegen die noch mit ins Tor. Schließ­lich war ich der Bulle“ – Kraft hatte ich genug.

Woher kam diese Urge­walt eigent­lich?
Ich hatte mein Geheimnis: Vor jedem Spiel ass ich zwei Stücke Kuchen, Käse­ku­chen, Pflau­men­ku­chen, Kirsch­ku­chen – was mir gerade über den Weg lief. Natür­lich immer heim­lich, wenn der Detti (Detmar Cramer, damals Trainer in Mün­chen, d. Red.) das bemerkt hätte, hätte es ein Don­ner­wetter gegeben.

Cramer soll aller­dings auch nichts dagegen gehabt haben, dass ihr Mann­schafts­be­treuer Richy Müller dem 20-jäh­rigen End­spiel-Debü­tanten Karl-Heinz Rum­me­nigge vor dem Spiel zwei Cognacs gegen die Auf­re­gung ein­flösste…
(Lacht.) Die Geschichte glaube ich bis heute nicht, das kann nicht stimmen!

Rum­me­nigge selbst hat die Posse 2001 in einem Artikel für die FAZ bestä­tigt und sogar gesagt: Danach bin ich komi­scher­weise ganz ruhig in das Spiel gegangen.“ Glauben Sie es jetzt?
(Lacht noch immer) Nie! Der Kalle war so ein junger Hüpfer, den hätten zwei Cognacs damals doch aus den Schuhen gehauen. Der musste das Saufen doch erst noch lernen…

Das End­spiel 1976 fand im Glas­gower Hampden Park statt. Wie war die Stim­mung?
Sehr fried­lich, sehr ent­spannt. Die meisten Zuschauer waren wohl für die Fran­zosen, aber als das Spiel vorbei war, hat man uns bei der Ehren­runde artig applau­diert. Ganz anders, als im Jahr zuvor.

Erzählen Sie!
Im Pariser Prin­zen­park spielten wir gegen Leeds United, nach 81 Minuten schoss ich end­lich das 1:0. Die Zuschauer sind kom­plett aus­ge­rastet, sie rissen die Plas­tik­sitze aus der Ver­an­ke­rung und schleu­derten die Dinger auf den Rasen. Wie flie­gende Unter­tassen sind uns die Stühle um die Ohren gezischt, das Spiel musste sogar für zehn Minuten unter­bro­chen werden. Einen Poli­zisten vor der eng­li­schen Fan­kurve erwischte es richtig übel, ein Sitz traf ihn mit voller Wucht an der Schläfe – er hatte einen rie­sigen Cut am Schädel und blu­tete wie Schlacht­vieh. Furchtbar.

Nach dem Sieg im End­spiel um den Euro­pa­pokal der Pokal­sieger von 1967 gibt es das Foto, wie Sie im Hotel­bett liegen und fas­zi­niert den Pokal anstarren, der auf Ihrem Nacht­tisch steht…
Von wegen fas­zi­niert, ich war hun­de­müde! Weil ich das ent­schei­dende Tor beim 1:0 gegen den Glasgow Ran­gers geschossen hatte, gab mir der Tschik (Trainer Zlatko Caj­kovski, d. Red.) den Cup und sagte: Hierrr, kannst du auf deine Nach­tisch stellen!“ Aber ich konnte vor lauter Auf­re­gung gar nicht schlafen. Ich dachte, den klaut mir sonst einer unter dem Hin­tern weg.

Was pas­sierte mit dem Pokal von 1976?
Das war ja das Beson­dere an diesem Sieg: Weil wir den Pokal zum dritten Mal in Folge gewannen, durften wir ihn behalten. Des­halb steht das Ori­ginal auch noch heute in der Ver­eins­vi­trine der Bayern. Bei der Ehren­runde wollte ihn jeder einmal halten. Aber mit aufs Zimmer habe ich ihn nicht genommen. Das war mir dann doch zu viel Ver­ant­wor­tung.

Sie haben doch hof­fent­lich eh kein Auge zutun können bei all den Fei­er­lich­keiten…
Doch, doch. Wir hatten unser Ban­kett, dann wurden noch ein paar Biere getrunken und dann ging es ab ins Bett. Und das, obwohl damals die Rol­ling Stones in unserem Hotel abge­stiegen waren.

Bitte?
Ja, die hatten am Tag des Finals ein Kon­zert in Glasgow. In den Tagen vor dem End­spiel liefen sie uns im Hotel dau­ernd über den Weg. Nachts konnten wir schlecht schlafen, weil sie auf ihrer Etage immer wie die Wilden fei­erten und tags­über störten sie die anstän­dige Vor­be­rei­tung. Sie gingen uns tie­rich auf den Sack. Als wir in einer Mann­schafts­be­spre­chung saßen, kam plötz­lich Mick Jagger in den Raum gestürmt. Aber der Detti hat ganz cool reagiert: Mick, you have to leave the room, because I’m pre­pa­ring the team.“

Und Mick Jagger hat auf Dettmar Cramer gehört?
Er ist brav wieder abge­zogen. Als wir dann am 12. Mai mit unserem klapp­rigen Mann­schaftsbus in Rich­tung Hampden Park abfuhren, über­holten uns die Stones wenige Kilo­meter hinter dem Hotel auf dem Weg zu ihrem Kon­zert. Vier wein­rote Bent­leys und dahinter die Bayern. Das konnte ja nur ein gutes Omen sein.