Seit 1974 exis­tierte im deutsch-deut­schen Sport mit dem so genannten Sport­pro­koll eine Art ent­span­nungs­po­li­ti­scher Grund­la­gen­ver­trag, in dem die auf Abschot­tung gegen­über der Bun­des­re­pu­blik trai­nierte DDR das Zuge­ständnis regel­mä­ßiger Freund­schafts­spiele ein­ge­gangen war. Gerne war die SED-Füh­rung jedoch hierzu nicht bereit, vor allem nicht im Fuß­ball, da die Bun­des­li­gisten erfah­rungs­gemäß eine poli­tisch unwill­kom­mene Fas­zi­na­tion auf DDR-Fans aus­übten.

Und so mussten denn Hertha-Prä­si­dent Ottomar Dom­rich und Trainer Kuno Klötzer bereits zwei Monate im Vor­feld nach Dresden reisen und mit den Dynamo-Funk­tio­nären eine Viel­zahl bri­santer Pro­to­koll­fragen klären, damit der Ball über­haupt ins Rollen kam: Zu den heiklen Tages­ord­nungs­punkten gehörte die Anreise von Hertha-Fans, denn indi­vi­du­elle PKW-Reisen waren nicht gestattet, schließ­lich konnten nur 380 Hertha-Anhänger einen Son­derzug besteigen.

Strikt war auch die Bedin­gung der DDR in der soge­nannten Bezeich­nungs­frage: Die offi­zi­elle Sprach­re­ge­lung lau­tete, einen Inter­na­tio­nalen Fuß­ball-Ver­gleich“ aus­zu­richten – das harm­lose Wort Freund­schafts­spiel war im sport­li­chen Kon­takt mit dem Klas­sen­feind“ hin­gegen ver­pönt.

Den Spie­lern wurde Abgren­zung ein­ge­bleut

Diese Linie wurde auf DDR-Seite rigide umge­setzt: So erhielt etwa der Redak­teur der Säch­si­schen Zei­tung eine scharfe Rüge der SED-Bezirks­lei­tung, weil er ent­gegen der Vor­gaben in einem Artikel die Begeg­nung als Freund­schafts­spiel ange­kün­digt hatte. Auch den Spie­lern von Dynamo wurde die Abgren­zung gegen­über den Gästen ein­ge­bläut. In einer poli­tisch-ideo­lo­gi­schen“ Mann­schafts­vor­be­rei­tung wurde anläss­lich einer Par­tei­grup­pen­ver­samm­lung intensiv das Abgren­zungs­ver­halten“ gegen­über den Her­tha­nern durch­ge­spielt.

Die Ver­hal­tens­re­geln schrieben vor, dass Gespräche grund­sätz­lich nur von Lei­tung zu Lei­tung geführt“ würden, die Dyna­mo­Ki­cker hin­gegen kei­nes­falls ihrer­seits das Gespräch mit den Pro­fi­fuß­bal­lern“ suchen durften. Und selbst ein­fachste Freund­schafts­gesten waren tabu: Nach Been­di­gung des Ver­glei­ches hat kein Jer­sey­aus­tausch zu erfolgen“, erging die Order der Partei. Ein DDR-Fuß­baller im Trikot der Elf der ver­hassten Front­stadt West-Berlin“, von der SED auch gerne als Sta­chel im Fleisch der DDR“ titu­liert, war ein­deutig zu viel für das poli­ti­sche Dul­dungs­ver­mögen der ost­deut­schen Sport­füh­rung.

Das Bild des über­heb­li­chen West­fuß­balls“

Ange­sichts von so viel zur Schau getra­gener Ableh­nung durch die Gast­geber ließen sich auch die Her­thaner schließ­lich zu einer arro­ganten Spitze hin­reißen. So lehnte Hertha-Trainer Kuno Klötzer das Angebot der Dresdner ab, den Her­tha­nern Trai­nings­zeiten im Sta­dion ein­zu­räumen: Am Spieltag werden wir nur leichte Erwär­mungs­ar­beit hinter dem Inter­hotel durch­führen. Wir bringen zwei bis drei Bälle mit!“ Damit war das Bild des über­heb­li­chen West­fuß­balls“ erneut genährt.

Auch öffent­lich suchte die Par­tei­lei­tung in Dresden, das Spiel nicht hoch­zu­hängen, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: so erfolgte eine Pla­ka­tie­rung im Stadt­zen­trum erst am Vortag und das auch nur mit dem Ziel, den ange­reisten Tou­risten wenigs­tens den Schein von sport­li­cher Nor­ma­lität vor­zu­gau­keln. Offi­ziell war auch der Auf­ent­haltsort der Her­thaner in Dresden nicht bekannt, doch fanden den­noch Fans den Weg zum Hotel, so dass bekannte Stars wie Erich Beer beim Ein­treffen sofort von Anhän­gern aus dem Osten umringt wurden und bereit­willig Auto­gramme gaben.

Auch der Kar­ten­vor­ver­kauf war in der Presse erst eine Woche vorher bekannt gegeben worden – aller­dings war das Gros der Tickets ohnehin bereits anhand eines von der SED abge­seg­neten Schlüs­sels an sozia­lis­ti­sche Groß­be­triebe“ ver­teilt. Selbst der Ansa­ge­text des Sta­di­on­spre­chers musste dem poli­ti­schen Stan­dard ent­spre­chen und im Vor­feld der Sport­füh­rung vor­ge­legt werden.

Das Pro­blem mit den Gast­ge­schenken

Zum skur­rilen Höhe­punkt der deutsch-deut­schen Befind­lich­keiten geriet jedoch aus­ge­rechnet ein Streit um Stoff­bären. Im Jahr 1977 hatte die Öffent­lich­keits-Abtei­lung von Hertha BSC den PR-Gag erdacht, bei allen Aus­wärts-Auf­tritten Ber­liner Bären“ in das Publikum zu werfen. Die nied­li­chen Hertha-Teddys fun­gierten nicht nur als Mas­kott­chen des Ver­eins, son­dern sollten gleich­zeitig auch Sym­pa­thien für die abge­schnürte Insel-Stadt West-Berlin ein­werben. Dem­gemäß wurden die Aktion vom Ver­kehrsamt West-Ber­lins und dem Kauf­haus des Wes­tens (KadeWe) gespon­sert.

Nun, im April 1978, reisten die plü­schigen Wap­pen­tiere im Kof­fer­raum des Hertha-Mann­schafts­busses tapfer über die deutsch-deut­sche Grenze Rich­tung Elb­me­tro­pole. Die abseh­bare Aktion ver­setzte aller­dings die DDR-Sport­lei­tung in Berlin in helle Auf­re­gung – hier war nicht vor­stellbar, dass es Sym­bole West-Ber­lins bald auf Dresdner Sta­di­on­tri­bünen hageln sollte. Die Über­gabe der Teddys wurde von dem Dynamo-Vor­sit­zenden Rohne gegen­über den Hertha-Offi­zi­ellen in har­schen Worten als nicht wün­schens­wert“ dekla­riert, ebenso legte man Veto gegen Taschen­rechner als Gast­ge­schenke für die Dynamo-Elf ein. Nur Schreib­mappen wurden als Äqui­va­lent für die von Dresdner Seite über­reichten Bier­krüge akzep­tiert.

Keine O‑Töne der Ber­liner Fans

Trotz aller Funk­tio­närs-Que­relen geriet das Spiel für die Anhänger zum span­nenden deutsch-deut­schen Spek­takel: Das Dynamo-Sta­dion in Dresden war mit 40.000 Zuschauern aus­ver­kauft. Die Fans der jewei­ligen Mann­schaften lie­ferten sich Gesangs- und Sprech­chor­du­elle. Der ange­reiste rbb-Reporter Jochen Sprentzel fing die begeis­terte Atmo­sphäre ein, ver­zich­tete aber darauf, O‑Töne von Ost-Ber­liner Hertha-Fans zu ver­wenden, um diesen nicht zu schaden.“

Dresden gewann schließ­lich das Spiel mit 1:0. Hertha spielte sehr unter­kühlt und ließ die Dynamo-Offen­sive gewähren. Allein 24:2 Ecken erzwangen die Gast­geber gegen den Bun­des­li­gisten. Nach einem Steil­pass von Dixie Dörner in der 69. Minute legte Dynamo-Links­außen Frank Richter das Leder sei­den­weich in die lange Ecke – unhaltbar für Hertha-Tor­hüter Nor­bert Nigbur.

Der Dynamo-Vor­sit­zende Rohne konnte am 11. Mai 1978 zufrieden resü­mieren:

Zusam­men­fas­send möchte ich ein­schätzen, daß dieser inter­na­tio­nale Ver­gleich ent­spre­chend unserer Kon­zep­tion ver­laufen ist. Von unserer Lei­tung als auch unserer Mann­schaft gab es kein poli­tisch-mora­li­sches Fehl­ver­halten. Als Pro­vo­ka­tion muss man jedoch die Frage der Über­gabe der Schreib­mappe mit dem Taschen­rechner werten. Wir haben ent­spre­chend darauf reagiert und am Ende auch diese Frage gelöst. In unseren Ver­hand­lungen als auch Ver­an­stal­tungen wurde ständig gegen die For­mu­lie­rungen der Herren von Hertha BSC wie ›inner­deut­scher Ver­gleich‹ und ›Freund­schafts­kampf‹ Stel­lung genommen. Wei­tere Vor­komm­nisse gab es nicht.“

Das stimmte nicht ganz: Denn die Ber­liner Pro­blem­bären hatten schließ­lich doch noch rei­ßenden Absatz gefunden. Zwar wurden sie nicht wie vor­ge­sehen vor dem Anpfiff ins Publikum geworfen, son­dern gingen von Hand zu Hand an die Dresdner Fans, die nach Spiel­schluss den Hertha-Mann­schaftsbus umringten – ein harm­loses kleines Sou­venir an eine für dama­lige Zeiten außer­ge­wöhn­liche deutsch-deut­sche Begeg­nung.